31.03.2005 · Was geschah am 2.September 1999 in der Nähe des Sportplatzes des Wetteraudorfes Ranstadt-Bobenhausen? Wer hat Johanna Bohnacker von dort verschleppt, und warum mußte die acht Jahre alte Schülerin mit ...
Was geschah am 2.September 1999 in der Nähe des Sportplatzes des Wetteraudorfes Ranstadt-Bobenhausen? Wer hat Johanna Bohnacker von dort verschleppt, und warum mußte die acht Jahre alte Schülerin mit den schulterlangen blonden Haaren sterben? Solche Fragen beschäftigen seit mehr als fünfeinhalb Jahren nicht nur die Eltern des getöteten Mädchens, sondern auch Karlheinz Leß, den Ersten Kriminalhauptkommissar der Friedberger Polizeidirektion und Leiter der "Sonderkommission Johanna".
An jenem Donnerstag nachmittag Anfang September fuhr das Mädchen mit seinem gelben Mountainbike über einen Radweg zum Bobenhausener Fußballplatz am Ortsrand, um mit Kindern aus dem Nachbarort Bellmuth zu spielen. Lebend wurde Johanna zuletzt um 17.20 Uhr am Sportplatz gesehen. Danach verliert sich ihre Spur. Gut eine halbe Stunde später sah ein Zeuge ihr Fahrrad an einer Bank zwischen dem Sportplatz und ihrem Heimatdorf. In diesen etwa 40Minuten muß Johanna ihrem Mörder begegnet sein, denn die Achtjährige kam an diesem Abend nicht mehr nach Hause. Weil seine Tochter entgegen ihren Gewohnheiten nicht zum Abendessen erschien, verständigte ihr Vater um kurz vor 20 Uhr die Büdinger Polizei.
Bange Tage und Wochen folgten. Doch die Suchaktionen in und um Bobenhausen sowie die Ermittlungen der zeitweise mehr als 60Kriminalbeamten umfassenden Sonderkommission blieben bis zum 1.April 2000 ohne Erfolg. Heute vor fünf Jahren wurde aus den Befürchtungen traurige Gewißheit, als ein Spaziergänger an einem Waldweg bei Alsfeld, etwa 100 Meter von der Raststätte Berfa an der Autobahn Frankfurt-Kassel entfernt, eine weitgehend skelettierte Leiche entdeckte. Die gerichtsmedizinischen Untersuchungen bestätigten später die Vermutung, daß die Leichenteile von Johanna stammen. Für die Ermittler steht seither fest: Die Schülerin ist Opfer eines Gewaltverbrechens geworden.
An den sterblichen Überresten fanden die Ermittler neben Resten von Johannas T-Shirt mit Mickey-Maus-Motiv und ihrer Jeans auch Teile eines fünf Zentimeter breiten Paketklebebandes, das im Baumarkt erhältlich ist. Der Fund läßt aus Sicht der Ermittler nur die Folgerung zu, daß Johanna von ihrem Mörder an den Armen gefesselt worden war. Auf dem Band fanden die Ermittler Teile eines Abdrucks einer menschlichen Hand. Bislang können die Gutachter jedoch nicht sagen, ob es sich um einen Fingerabdruck oder den kleinen Teil einer Handfläche handelt. Aufgrund der Untersuchungen gehen die Experten aber davon aus, daß der Abdruck nicht von Johanna, sondern mit hoher Wahrscheinlichkeit vom Täter stammt. Das automatische Fingerabdruck-Identifizierungssystem der Polizei glich diese Spur bislang erfolglos mit Finger- und Handflächenabdrücken ab.
Auch eine erste Reihenuntersuchung von Finger- und Handflächenabdrücken vor mehr als zwei Jahren blieb erfolglos. An der Aktion hatten sich 448 Männer aus Johannas Heimatort Bobenhausen, dem Nachbardorf Bellmuth, außerdem Verwandte und Bekannte des Mädchens sowie weitere Männer mit einem Bezug nach Bobenhausen - wie Busfahrer, Geschäftsleute oder Auslieferungsfahrer - beteiligt.
Die Friedberger Kriminalpolizei ermittelt weiter. Bis heute hat sie, die inzwischen davon ausgeht, daß der Täter einen Bezug nach Bobenhausen hatte und Johanna ihn kannte, 130Aktenordner angelegt. Und die Zahl wird wohl noch wachsen. "Wir werden nicht ruhen, bis Johannas Mörder gefaßt ist", sagte gestern Soko-Leiter Leß, der vor fünf Jahren den Eltern die Todesnachricht überbracht hatte und mit ihnen zum Fundort von Johannas Leichnam in das von Wildschweinen durchpflügte Waldstück bei Alsfeld-Lingelbach gefahren war.
Für Anfang übernächster Woche ist ein weiterer Massentest vorgesehen (F.A.Z. vom 23.März). 390 Nutzer einer Bauschuttdeponie, die sich nahe des Bobenhausener Sportplatzes befindet, sind aufgerufen, zwischen dem 11. und 16.April im Bürgerhaus Ranstadt freiwillig einen Abdruck ihrer Finger und Handinnenflächen abzugeben. Die Deponie ist für die Ermittler interessant, weil sie nahe der Orte liegt, wo Johanna oft mit ihrer Freundin gespielt hatte und ihr Fahrrad gefunden wurde.
Das kleine Mädchen ist nach der Obduktion auf dem Friedhof oberhalb von Bobenhausen beigesetzt worden. An ihrem Grab wacht ein betender Engel mit schulterlangen, gelockten Haaren und einem zarten Gesicht, nach dem Johannas Mutter lange gesucht hat. Flehend richtet der Engel seinen Blick gen Himmel, als wollte er fragen, warum Johanna sterben mußte. Auf dem Grabstein ist nur ihr Geburtstag, der 17.August 1991, eingemeißelt, nicht jedoch ihr Todestag - denn den kennt nur ihr Mörder. JENS JOACHIM