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Kriminacht in Wiesbaden: Todesschüsse geben Rätsel auf

22.03.2004 ·  Es hätte solch ein rauschendes Fest werden können. Lina Ginsberg, eine extrovertierte Fotografin und Schauspielerin, die sich selbst gerne als kosmopolitisch bezeichnet, hat vor wenigen Stunden den umtriebigen Geschäftsmann und Tausendsassa Peer Friesenreich geheiratet.

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Es hätte solch ein rauschendes Fest werden können. Lina Ginsberg, eine extrovertierte Fotografin und Schauspielerin, die sich selbst gerne als kosmopolitisch bezeichnet, hat vor wenigen Stunden den umtriebigen Geschäftsmann und Tausendsassa Peer Friesenreich geheiratet. Am Arm ihrer millionenschweren Mutter Chantal Ginsberg, um deren Hals der Rohdiamant "White Lady" baumelt, schreiten die Frischvermählten die Treppe des Hotels Oranien herab. Im Parterre großes Geraune, vielstimmige "Aahs" und "Oohs", und so mancher Gast im Cocktailkleid kann sich einen Kommentar über Mutter Ginsbergs Auftreten nicht verkneifen. Steckt die doch in einem offenbar selbstgebatikten grellgrünen Etwas, im Haar Blümchen, in der Hand ihren elektrischen Auradetektor - auch mit knapp sechzig scheint die Gute ihrer Kommunen-Zeit als Hippie in Goa noch immer nicht entwachsen. Man schlürft Sekt und kommt ins Gespräch. Beim Tauchurlaub in Thailand hat das sympathische Pärchen am Nebentisch Lina und Peer kennengelernt: "Wahnsinnig nette Leute!"

Doch das stimmt gar nicht. Genausowenig wie alles andere hier. Kein Gast ist eingeladen, niemand hat geheiratet, alles ist Kulisse, und die beiden vom Nebentisch heißen in Wirklichkeit Sören und Simone und sind Teil eines Theaterspektakels. Zum Physikum hat Sören seiner Freundin Simone die Eintrittskarte für die Kriminacht geschenkt. Und einen Abend lang gelten für die beiden besondere Regeln: mit einer fiktiven Biographie spielen sie mit anderen 55 Gästen und 15 Schauspielern des Improvisationstheaters "Subito" den Kriminalfall "The White Lady" nach. Im Moment wirkt alles noch harmlos.

Doch da dringt ein Schuß durch die Gesprächswolke in der Lobby. Alle Köpfe drehen sich zur Treppe ins Obergeschoß. Ein Schrei. Mit den geröchelten Worten "Ein Koffer! Da war...dieser...Koffer..." strauchelt Frau Maus die Treppe herunter und bricht unten gekonnt zusammen. Auf der Bluse der mit der Ausrichtung der Hochzeit beauftragten Mitarbeiterin einer Eventfirma klafft eine blutrote Wunde. Sofort ist Kommissar Werner Vogel, Typ deutscher Spießer in hellbrauner Strickweste, zur Stelle und sichert den Tatort. "Nur keine Aufregung. Niemand verläßt das Hotel." Wer sachdienliche Hinweise machen kann, wird zur öffentlichen Vernehmung ins Gartenzimmer gebeten. Sofort wittern ein paar windige Spürnasen ihre Chance und machen sich als Privatermittler an die Verdächtigungen. Wo war eigentlich der Herr Ratibor zur Tatzeit? Und der merkwürdige Herr Ballhaus ist vielen ohnehin nicht ganz geheuer. Und was machte eigentlich Peer um 17.45 Uhr? Denn die Auflösung des ganzen Mysteriums ist die eigentliche Aufgabe der Gäste. Auch wenn vielen der Improvisationsspaß und die Rollengespräche fast wichtiger zu sein scheinen.

Nein, Frau Maus ist natürlich nicht mausetot. Doch in den Spielregeln heißt es eindeutig: "Wenn eine Leiche für tot erklärt wird, ist sie es im Sinne des Spiels, selbst wenn sie noch leicht atmet." Allerdings kam es schon vor, daß Gäste, die das Regelwerk nicht kannten, beim Rollenspiel dabei waren. Peter Fischer, Spielleiter und Drehbuchschreiber der "White Lady", erinnert sich: "Einmal war eine Frau dabei, die war einfach nicht eingeweiht. Ihre Freunde hatten sie mit auf die Hochzeit eines angeblich entfernten Bekannten genommen." Das habe zu Komplikationen geführt, als die Nichtsahnende völlig hysterisch den Puls der scheintoten Frau Maus gefühlt und verzweifelt nach einem Arzt gerufen habe. Doch in der Regel läuft alles nach Plan. Die wesentlichen Züge der Handlung sind stets dieselben, der Rest ist Improvisation. Das Konzept geht auf: Alle Vorstellungen waren bisher ausverkauft, trotz der 70 Euro Eintritt.

Einige Gäste verschwinden fast in ihrer Rolle. Als bekannt wird, daß Frau Maus gleichzeitig ein Verhältnis zu Herrn Ratibor und Herrn Ballhaus hatte, ruft ein Althippie erfreut: "Das ist ja wie damals in Goa!" Andere schließen sich der Prozession von Chantal Ginsberg an, die mit Räucherstäbchen und Krishna-Gesängen den bösen Geist rund um den Tatort vertreiben will.

Dann klingelt es zum Drei-Gänge-Menü im Restaurant. Denn stilvoll und exklusiv soll der Abend trotz des Schattens weitergehen - die Ginsbergs verpflichtet schließlich ihr Name. Bis gegen Mitternacht die Lösung präsentiert und die besten Ermittler prämiert werden, folgen noch einige Intrigen und Verwicklungen. Bis dahin kann wohl wieder jeder zwischen mörderischer Fiktion und sicherer Wirklichkeit unterscheiden. rsch.

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