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Veröffentlicht: 10.09.2011, 22:30 Uhr

Kreative Geschäftsidee Mit der mobilen Kelterei von Ort zu Ort

Dieter Wissel hat eine Nische entdeckt. Bei den Kunden stellt er 100 Liter Apfelsaft in nur einer Viertelstunde her. Er sieht sich auch als Heimatpfleger, denn seither wächst das Interesse an den Streuobstwiesen.

von Barbara Hofmann, Mömbris
© Wonge Bergmann Mobile Kelterei: Die gesamte Anlage passt auf einen Autoanhänger.

Dieter Wissels Terminkalender ist voll: Bis Ende Oktober ist er mit seiner mobilen Kelterei im Kreis Aschaffenburg und im benachbarten Hessen unterwegs. Schon in der zweiten Saison zieht der 49 Jahre alte Königshofener aus dem Ortsteil von Mömbris die moderne Anlage, die auf einen Autoanhänger passt, von Ort zu Ort.

Seine Geschäftsidee, inmitten einer Streuobstregion mit sechs kleineren und drei großen Keltereien in der Nachbarschaft zusätzlich den mobilen Dienst anzubieten, ist anfangs auf viel Skepsis gestoßen. Nach einem Jahr sind kritische Stimmen verstummt und Wissel ist davon überzeugt, dass er eine Nische entdeckt und besetzt hat. Der frühere Mahle-Betriebsratsvorsitzende betreibt nach eigenen Angaben die einzige mobile Kelterei im Rhein-Main-Gebiet, lediglich in Nordhessen und im Badischen setzten weitere Kelterer auf Mobilität.

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Mit dem Slogan „Dein Obst und dein Saft“ wirbt er um Kundschaft, der es wichtig ist, Saft aus eigenen Äpfeln zu genießen. Er zahle seinen Kunden zudem höhere Preise für das gelieferte Obst als die bestehenden Betriebe. Ein österreichischer Betriebsratskollege erzählte ihm vor sechs Jahren, dass in seiner Heimat Kärnten Most in mobilen Keltereien hergestellt wird. „Da hat es bei mir klick gemacht“, erinnert sich Wissel. Und von diesem Moment an hat ihn die Idee nicht mehr losgelassen.

Der Start kostete 100 000 Euro

Als er vor eineinhalb Jahren bei dem Automobilzulieferer, der durch einen langen und erbitterten Kampf um den Erhalt der Arbeitsplätze bundesweit in die Schlagzeilen geraten war, seinen Abschied nahm, dauerte es nicht lange, bis er sich beruflich umorientiert hatte. Rund 100 000 Euro kostete ihn der Start in die Selbständigkeit.

Das nötige Fachwissen hatte er schon als Junge erworben: Vater und Großvater nahmen ihn und seinen Bruder regelmäßig mit auf die Obstwiesen, die seinen Heimatort umgeben. Seitdem weiß Wissel, wie Bäume fachgerecht geschnitten und Streuobstwiesen gepflegt werden. Er kann unter anderem „Lohrer Rambour“, „Trierer Weinapfel“, „Schafsnase“ und „Schullehrers Abbel“ voneinander unterscheiden und weiß, welche Sorte für Kahlgründer Apfelwein und welche eher für Saft geeignet ist.

„Ich biete etwas Attraktives an und erhalte damit auch die Obstwiesen“, sagt er selbstbewusst. Denn die Schwierigkeit sei nicht die Ernte, sondern die Verwertung des Obstes. Seitdem er mit seiner mobilen Kelterei zu den Kunden komme, sei das Interesse an den Wiesen wieder etwas gestiegen. Viele Leute, die fünf bis zehn Jahre nichts mit ihren Obstbäumen angefangen hätten, ernteten wieder die Früchte, anstatt sie verfaulen zu lassen.

„Dein Obst und dein Saft“

Ralf Gilmer aus Hörstein hat in diesem Jahr zum ersten Mal Äpfel auf der Streuobstwiese eines Verwandten geerntet, um sie in der mobilen Kelterei verarbeiten zu lassen. Auf das Ergebnis ist er gespannt. Die kurze Wartezeit vertreibt er sich damit, den Weg der Äpfel vom Förderband in die Waschwanne, die Presse, anschließend in die Filtration und zum Schluss die Abfüllanlage zu beobachten. Nur eine Viertelstunde dauere, es bis aus drei Zentnern Äpfeln 100 Liter Apfelsaft gekeltert, pasteurisiert und in Saftboxen verpackt seien, berichtet Wissel.

Mittlerweile produziert er nicht nur Saft und Apfelwein, sondern vermittelt auch Streuobstwiesen, die von ihren Besitzern aus Altersgründen abgegeben werden. Besonders junge Familien ließen sich wieder für die Pflege der Obstwiesen begeistern. Dennoch macht sich Wissel um die Zukunft der Wiesen, die seit etwa 200 Jahren die Landschaft prägen, Sorgen.

Er vermisst ein gemeinsames Konzept, wie sie erhalten werden können. Die einzelnen Initiativen im Landkreis, wie etwa das Schlaraffenburger-Projekt, an dem sich 135 Obstwiesenbesitzer beteiligen, müssten sich an einem Runden Tisch zusammenfinden, um Lösungen zu erarbeiten, fordert er.

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