Ob eine Studenten-WG umzieht oder ein komplettes Krankenhaus, macht eigentlich keinen Unterschied. Den Eindruck konnte an diesem Wochenende zumindest derjenige gewinnen, der vor dem Altbau des Offenbacher Klinikums die Umzugshelfer beobachtete. Da sitzt etwa Jörg Müller in der Sonne, er hat es sich in einem zum Inventar gehörenden Rollstuhl bequem gemacht. Der Rettungssanitäter löffelt Gulaschsuppe und verkündet, es gelte hier wie in allen Lebenslagen die Parole „Ohne Mampf kein Kampf“. Seine Kumpels lachen, rauchen, einer meldet, noch sei Kuchen da. Nicht mehr lange, heißt das und lässt einige gen Essensausgabe eilen. Müller, eher dem Deftigen zugeneigt, lehnt sich gähnend zurück.
Ob ein Krankenhaus umzieht oder in höchster Not evakuiert wird, macht eigentlich keinen Unterschied. Diesen Eindruck wiederum gewann, wer am Wochenende Peter Bonifer begegnete. „Wir nutzen für unsere Arbeit die Katastrophenschutzstruktur“, sagt er. Damit kennt sich Peter Bonifer aus, er ist Krankenpfleger in der Notfallambulanz des Klinikums Offenbach. Dort kämpft er täglich um Menschenleben. Er ist einer, der selbst in heiklen Situationen gelassen bleibt. Deswegen hat man ihn gefragt, ob er Einsatzleiter beim Umzug der 400 Patienten vom alten Gebäude Z in den Neubau sein wollte. Und er wollte. „Wir machen das wie beim Bügeln: das Unangenehme zuerst“, sagt Bonifer und wirkt sehr entspannt, obwohl hinter ihm wild telefoniert, in Laptops getippt und geredet wird. In seiner Einsatzzentrale koordinieren 20 Mitarbeiter, was die rund 2000 Helfer an den beiden Umzugstagen in welcher Reihenfolge zu tun haben.
Das Warten nervt
Studentische Entspanntheit bei gleichzeitiger „geordneter Evakuierung“ (Bonifer) und genug Brötchen und Kaffee – das war der Plan, und er ging auf. So gut sogar, dass die Helfer am Sonntagnachmittag früher als geplant und ohne größere Zwischenfälle fertig wurden. Der Umzug aus dem „abgeranzten“ Altbau in den „wunderschönen“ Neubau, wie die Klinik verkündete, war lange geplant und im März noch einmal auf den Juni verschoben worden. Man hatte schon seit vergangenem Montag keine Patienten mit Termin mehr aufgenommen und sogar Kranke an andere Kliniken verwiesen, um so wenig Menschen wie möglich den Umzug zuzumuten. Doch es sollte sich herausstellen, dass einigen das Unterfangen sogar Spaß machte: Abwechslung vom Alltag.
So auch Horst Hafner, der am Samstag um kurz vor halb neun morgens in Jogginghose und Hausschuhen auf seinem Bett liegt, zu seinen Füßen eine bunt gemusterte Reisetasche. Darin steckt seine Kleidung, die er schon gestern Abend hineingepackt hat. Nach Hafners Meinung könnte es jetzt losgehen: Gefrühstückt hat der 72 Jahre alte Offenbacher, der wegen eines Gallenleidens behandelt wird, ordnungsgemäß. Nun nervt das Warten.
Die Zahl der Patienten wurde reduziert
Doch die Helfer sind pünktlich: Oberarzt Markus Seip begrüßt um Punkt halb neun die Sanitäter im zehnten Stock. Acht Patienten der Privatstation Medizinische Klinik 2 gilt es in den Neubau zu transportieren. „Herr Hafner, Herr Hafner, Ihre Akte“, ruft eine Krankenschwester und rennt hinter Hafner her, der inzwischen in einem Rollstuhl Richtung Aufzug geschoben wird. Alle Patienten sollen ihre Krankenakte in Händen halten und auf der neuen Station abgeben.
Dass die Stationen im alten und im neuen Gebäude gleichzeitig besetzt sind, ist möglich, weil die Zahl der Patienten reduziert wurde. Die meisten Geräte und Apparate sind schon Tage zuvor umgezogen. Betten und Möbel bleiben zurück – im 160 Millionen Euro teuren Neubau ist alles neu. Ein Helfer schiebt Horst Hafner durch einen wenige Tage zuvor aufgestellten Gang aus Containern. Der Tunnel wurde gebaut, damit die Patienten nicht nass werden, falls es regnet – was sich auszahlt, denn immer mal wieder tröpfelt es am Samstagvormittag. Um 8.43 Uhr rollt Hafner ins Zimmer 145, sein Reich für voraussichtlich noch eine Woche. Er klappt als Erstes den Fernsehbildschirm aus, den nun jeder Patient am Bett hat. Hafner denkt schon nicht mehr an den Umzug, sondern an Sonntagabend: „Hier kann ich gut das Deutschlandspiel gucken.“
Den Umzug gut überstanden
In der Kinderklinik packt unterdessen Masouda Arya die Sachen ihres kleinen Sohns Dawud. Der kuriert seine Lungenentzündung im Klinikum aus und schläft noch fest im orangen Gitterbettchen. Eine Krankenschwester bringt rasch Windeln und legt die Infusionspumpe zu Dawuds Füßen ab, da kommen schon die 16 Helfer. „Es geht hier um die Verlegung von acht Babys in ihren Kinderbettchen“, weist der Gruppenleiter seine Leute an. Darunter einige Frühchen, für die besondere Vorsicht gilt. Doch auch dieser Transport verläuft ohne Schwierigkeiten. Dawud wacht zwar vom Gerappel des rollenden Bettchens auf, entzückt aber sogleich die Sanitäter mit seinem Lachen. „Alles gut gegangen“, sagt seine Mutter erleichtert.
So sieht das auch Klinik-Geschäftsführer Hans-Ulrich-Schmidt, der im Verwaltungsgebäude seit sechs Uhr morgens alles überwacht. Ein Beamer wirft einen Plan auf die Wand, auf dem alle umgezogenen Stationen grün markiert sind. Alle paar Minuten meldet Bonifer seinem Chef eine weitere. „Eine Toilette war verstopft, ein Kabel hing aus der Decke“, schlimmere Zwischenfälle habe es nicht gegeben, und die kleinen Malheure habe man schnell behoben. Fröhlich wird noch die letzte Geburt im alten Kreißsaal gefeiert, die eine Mitarbeiterin verkündet.
Als wohl einzige Person, die schon den zweiten Umzug des Offenbacher Klinikums mitmacht, darf Marga Hirz gelten. Sie wechselte 1974 als Oberärztin in das Gebäude Z und an diesem Wochenende als 76 Jahre alte, herzkranke Patientin in den Neubau. „Ich bin mal neugierig, wie es wird“, sagt die alte Dame und hält ihre Handtasche noch etwas fester, als die Helfer ihr Bett in den Aufzug schieben. Chefarzt Arend Billing begleitet die ehemalige Kollegin höchstpersönlich und lobt Hirz als „extrem entspannt“. Am Zielort wird in ihrer Akte „o. p. B., Status idem“ vermerkt: „Ohne pathologischen Befund, unverändert“, bedeutet das. Marga Hirz hat auch diesen Umzug gut überstanden.

