13.02.2007 · Auf zwölf Paare, die sich um eine Adoption bewerben, kommt ein Kind. Viele weichen deshalb ins Ausland aus, doch auch hier sind die bürokratischen Hürden oft hoch.
Von Verena TöpperIm Hausflur des Mehrfamilienhauses in Bad Soden stehen zwei Dreiräder, ein Paar Gummistiefel und ein Kinderwagen. Nur zu gerne würde das Ehepaar Gruner einige Spielsachen dazustellen; doch ihr Kinderwunsch ist bislang unerfüllt geblieben. Dass sie ein Kind adoptieren wollen, stand für die Gruners (die Namen der genannten Elternpaare und der Adoptierten sind von der Redaktion geändert) schon vor ihrer Hochzeit fest. Dass die Adoption eines Kindes kein Kinderspiel ist, merkten sie bald danach: Zwölf mögliche Adoptivelternpaare kommen in Deutschland auf ein zur Adoption freigegebenes Kind.
Der Weg ins Ausland schien die rettende Lösung. „Wir hatten Angst, ewig auf der Warteliste für ein Kind aus Deutschland zu stehen und dann irgendwann gesagt zu bekommen, wir seien zu alt.“ Nach einem Beratungsgespräch bei einer staatlich anerkannten Vermittlungsagentur entschieden sich die heute neunundzwanzigjährige Informatikerin und der dreiundvierzigjährige Ingenieur schließlich dazu, ein Kind aus der Ukraine zu adoptieren. Schnell und unkompliziert sei das Verfahren dort, hieß es. Und die Kinder oft gar nicht so schwer krank wie in den Akten angegeben – nur Kinder, die offiziell als krank oder behindert gelten, dürfen von Ausländern adoptiert werden. Rund zwei Jahre sind seitdem vergangen, ein Kind haben die Gruners immer noch nicht.
Emotionale Berg-und-Tal-Fahrt
Der erste „Schock“, wie Anna Gruner sagt, sei der sogenannte Sozialbericht des Jugendamtes gewesen. Diese bei Inlandsadoptionen unentgeltliche Eignungsprüfung kostet 1200 Euro. Die Bewerber müssen mehrere Fragestunden („Wie erklären Sie Ihrem Adoptivkind, dass sein leiblicher Vater seine Mutter umgebracht hat?“) und einen Hausbesuch überstehen. Ein fertig eingerichtetes Kinderzimmer werde nicht erwartet, so Beate Fischer-Glembek von der Gemeinsamen Zentralen Adoptionsstelle Rheinland-Pfalz und Hessen. Genug Platz müsse in der Wohnung aber schon sein. Rund ein halbes Jahr hätten sie auf den Sozialbericht warten müssen, berichtet Anna Gruner. „Dann begann der eigentliche Stress.“
16 Dokumente, vom Einkommensbescheid bis zur Heiratsurkunde, mussten notariell beglaubigt, übersetzt und von der ukrainischen Botschaft abgestempelt werden. „40 bis 50 Euro mussten wir für jedes Dokument zahlen“, berichtet die Neunundzwanzigjährige. Dabei seien weitere sechs Monate vergangen. Die Wartezeit sei eine emotionale Berg-und-Tal-Fahrt gewesen, denn zwischenzeitlich habe die Ukraine alle Adoptionen ins Ausland gestoppt und das Familienministerium umstrukturiert. „Als endlich alle Unterlagen in Kiew waren, wurde das Gesetz geändert, und es hieß, unsere Unterlagen seien nicht mehr lange genug gültig.“
Zunächst habe sie die Verzweiflung gepackt, aber aufzugeben sei für sie nicht in Frage gekommen, sagt Frau Gruner. „Wir haben schon so viel an Geld und Nerven investiert.“ Da es nicht möglich ist, sich spontan für die Adoption eines Kindes aus einem anderen Land zu entscheiden, haben sich die Gruners alle Dokumente noch einmal ausstellen lassen. Wenn alles klappt, werden ihre Unterlagen in den nächsten Wochen ein zweites Mal in der Ukraine eingereicht. Frühestens im Sommer könnten sie dann in einem Kinderheim das neue Familienmitglied abholen.
„Über ihre leibliche Mutter redet sie fast nie“
Mehr Glück hatte das Ehepaar Bauer aus Hattersheim. Nach „nur“ eineinhalb Jahren kam der lang ersehnte Anruf vom Jugendamt Hanau: Die dreieinhalbjährige Steffi warte auf neue Eltern. „Nach dem Anruf konnte ich nicht mehr ruhig schlafen“, sagt Luise Bauer. Das erste Treffen fand zusammen mit Steffis leiblicher Mutter im Jugendamt statt, „sie hätte uns ihre Tochter am liebsten gleich mitgegeben“. Ein komisches Gefühl sei das gewesen, berichtet Alexander Bauer. Obwohl die Mutter nach dem Treffen mit ihnen „einfach ins Ausland verschwand“ und das Kind bei Pflegeeltern zurückließ, wollten die beiden Steffi nicht gleich mit nach Hause nehmen, sondern erst langsam an die neue Umgebung gewöhnen. „Wir haben sie bei den Pflegeeltern besucht, erst alle zwei Tage, dann immer öfter, bis wir sie mit zu uns genommen haben.“ Der Umzug sei für Steffi dann gar kein Problem gewesen.
Seit mehr als einem Jahr wohnt das Mädchen mit dem Lockenkopf nun bei den Bauers. Die Haare habe sie wohl von ihr geerbt, hätten schon öfter Leute auf der Straße zu ihr gesagt, berichtet Luise Bauer, die selbst krause Haare hat. „Dann sage ich immer, die hat sie von ihrer Mutter.“ Ein bißchen traurig sieht ihr Lächeln dabei aus. Es habe lange gedauert, bis sie sich damit habe abfinden können, keine eigenen Kinder bekommen zu können, sagt sie. Die heute Dreiundvierzigjährige und ihr 50 Jahre alter Mann sind fast im letzten möglichen Moment Adoptiveltern geworden. Eine gesetzlich festgelegte Altersgrenze für Adoptiveltern gibt es in Deutschland zwar nicht, aber „der Altersunterschied zwischen Eltern und Kind sollte nicht mehr als 40 Jahre betragen“, so Fischer-Glembek. Mittlerweile dächten sie gar nicht mehr darüber nach, dass Steffi nicht ihr leibliches Kind sei, sind sich Alexander und Luise Bauer einig.
Ein Geheimnis um die Adoption würden sie nicht machen. „Steffis leibliche Mutter haben wir zur Unterscheidung ,Jana-Mama‘ getauft“, berichtet Luise Bauer und fordert Steffi auf, das Fotoalbum mit den Bildern der „Jana-Mama“ zu holen. Aber nein, die Fotos will sie jetzt nicht ansehen, Prinzessin spielen ist doch spannender. „Über ihre leibliche Mutter redet sie fast nie“, sagt Luise Bauer. „Das kommt bestimmt noch“, ist sich ihr Mann sicher.
Offen mit den Kindern reden
Um Steffi später Fragen zu ihrer Herkunft beantworten zu können, versuchen die beiden, möglichst viel über ihre leibliche Mutter in Erfahrung zu bringen. Im Krankenhaus haben sie angerufen, ehemalige Arbeitskollegen und Nachbarn von Steffis Mutter befragt. „Jetzt ist es noch einfacher, etwas herauszukriegen, später entstehen dann irgendwelche Mythen.“ Zweimal haben sie Steffis Mutter auch eine E-Mail mit Fotos ihrer Tochter geschickt, Antwort bekamen sie aber nicht.
Wie wichtig es ist, mit Kindern offen über das Thema Adoption zu reden, weiß Ines Kurek-Bender. Die Leiterin des Hessischen Landesverbands der Pflege- und Adoptivfamilien hat selbst vier Kinder adoptiert. Bei ihrem ersten Adoptivkind sei sie nicht auf die Idee gekommen, die leiblichen Eltern zu thematisieren, dann habe sie aber in einem Gespräch mit einem erwachsenen Adoptierten erfahren, was es für die Kinder bedeute, ihre Wurzeln nicht zu kennen. Dass die leiblichen Eltern mit der Adoptionsfreigabe nur das Beste für ihre Kinder wollten, könnten aus dem Ausland Adoptierte eher glauben, sagt Kurek-Bender. Denn im Gegensatz zum Ausland gebe es in Deutschland viele Hilfen für Alleinerziehende.
Diana Hoffmann, die als Vierjährige zusammen mit ihrem Bruder aus Kolumbien nach Frankfurt gebracht wurde, weiß wenig über ihr Heimatland. „Meine Adoptiveltern haben nie darüber geredet, und eigentlich hat es mich auch nie interessiert“, sagt die heute Zweiunddreißigjährige. Als Kind habe man sie wegen ihrer Hautfarbe oft angegriffen, aber ihr Zuhause sei immer Deutschland gewesen. Nicht eingewöhnen konnte sich ihr Bruder. Die Adoptiveltern seien mit dem kolumbianischen Straßenkind völlig überfordert gewesen, mit zwölf Jahren hätten sie ihn ins Heim gebracht, berichtet sie. Dass das Leben mit Adoptivkindern nicht immer einfach ist, bestätigt Kurek-Bender. „In der Pubertät wird es schwierig. Schwieriger als mit leiblichen Kindern.“
Behördlich verordenter Wahnsinn
Jutta Hamberger (Myshkin)
- 14.02.2007, 10:57 Uhr
Meine Erfahrungen
claudia zwiener (claudiazwiener)
- 14.02.2007, 18:42 Uhr