07.03.2006 · Ein junges Paar steht im Wiesbadener „Kinderwunschzentrum“. Ganz nah sind sie sich, die Arme umeinandergelegt, als müßten sie sich gegenseitig stützen. Um sie herum Leute mit der bangen Hoffnung im Gesicht, ob ihnen die Ärzte wohl helfen können.
Von Heidi Müller-GerbesMontag morgen, kurz nach acht: Ein junges Paar steht im Empfang des Wiesbadener „Kinderwunschzentrums“. Ganz nah sind sie sich, die Arme umeinandergelegt, als müßten sie sich gegenseitig stützen. Es scheint, als ängstige sie die professionelle Betriebsamkeit rundum. Auch nebenan im Warteraum herrscht schon Hochbetrieb. Ein Dutzend Paare, die meisten von ihnen jenseits der Dreißig, vereinzelt auch Frauen ohne ihren Partner. Alle mit der bangen Hoffnung im Gesicht, ob ihnen die Ärzte wohl helfen können bei der Erfüllung ihres Wunsches nach einem Kind. Auch wenn die Medizin bei diesem Thema immer noch an Grenzen stößt: Immerhin 6000 Mal ist das in dem vor zehn Jahren von den Gynäkologen Thomas Hahn und Martin Schorsch gegründeten „Kinderwunschzentrum“ gelungen.
Als Oberarzt an der Frauenklinik im Frankfurter Nordwest-Krankenhaus habe er die Chance gehabt, bei Professor Siegfried Trotnow die „In-vitro-Fertilisation“ (IVF) als Behandlungsmethode für Paare mit unerfülltem Kinderwunsch gewissermaßen „ab ovo“ zu lernen, begründet Hahn die Wahl des speziellen Fachgebiets. Trotnow, der vor zwei Jahren in Erlangen einem Krebsleiden erlegen ist, gilt als „Vater“ des ersten deutschen Retortenbabys.
Weil es sich bei dem Thema doch um eine „sehr private Angelegenheit“ handele, sagt Hahn, hätten Schorsch und er beschlossen, eine Praxis zu gründen, in der sich die notwendigen Behandlungen doch sehr viel angenehmer gestalten ließen als in einer Klinik. Denn obgleich ungewollte Kinderlosigkeit „natürlich auch Krankheitswert“ haben könne, fühlten sich die Betroffenen ja nicht eigentlich krank.
Nachfrage nach dem speziellen Angebot wuchs rasch
Hessenweit waren die beiden Mediziner die ersten, die ein solches „IVF-Zentrum“, wie sie die Gemeinschaftseinrichtung früher nannten, als medizinische Schwerpunktpraxis für Sterilitätsdiagnostik und -therapie betrieben. Die Nachfrage nach dem speziellen Angebot wuchs rasch, gegenwärtig bemühen sich 48 ärztliche und nichtärztliche Fachkräfte in den ansprechend gestalteten Praxisräumen im „Welfen Hof“ an der Mainzer Straße um Paare mit unerfülltem Kinderwunsch.
Hahn, der auch Mitglied der IVF-Kommission der Landesärztekammer Hessen ist, verweist allerdings darauf, daß das am 1. Januar in Kraft getretene Gesetz zur Modernisierung der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV-Modernisierungsgesetz) dazu geführt habe, daß die einschlägigen Behandlungen bei Versicherten der gesetzlichen Kassen bundesweit um rund 50 Prozent zurückgegangen seien. Auch der bis dahin stete Expansionskurs des „Kinderschutzzentrums“ sei durch die Reform abrupt gebremst worden.
Bis 2003 hat die GKV laut Hahn vier volle Behandlungs-Zyklen bezahlt. Jetzt stünden den Versicherten nur noch drei zu, und für jeden Zyklus müßten sie zwischen 1500 und 1800 Euro hinzuzahlen. Viele Patienten könnten das einfach nicht mehr bezahlen, sagt der Mediziner und wirft Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) vor, auch auf diesem Gebiet einer Zwei-Klassen-Medizin Vorschub zu leisten. Kritik übt Hahn auch am deutschen Embryonenschutzgesetz, das im Einzelfall die Möglichkeiten, Frauen zu helfen, ganz erheblich einschränke. Zum Beispiel bei genetischen Belastungen in der Familie: Ärzte könnten einen nicht eingepflanzten Embryo zwar als krank identifizieren, ihn zu selektieren sei aber unter Strafandrohung verboten, sagt Hahn: „Unsere Rechtswirklichkeit sieht so aus, daß der Embryo in der Petrischale geschützt ist, und wenn er implantiert ist, darf er abgetrieben werden.
Hormonbehandlung, Insemination, IVF
„Eine unverständliche Ungleichbehandlung sei auch das Verbot, Spendereizellen zu implantieren, während die Samenspende nach deutschem Gesetz zulässig sei. Der „Horrorvision“ vieler Politiker, daß eines Tages Tausende eingefrorener Embryonen-“Waisen“ aufgetaut und getötet werden müßten, meint Hahn, könnte mit einem „vernünftigen Fortpflanzungsmedizingesetz“ ohne weiteres der Boden entzogen werden. Die sich ständig ausweitenden Möglichkeiten der Reproduktionsmedizin reichen von der Hormonbehandlung, bei der sich die Frau täglich eine bestimmte Menge Fruchtbarkeitshormone spritzt, über die Insemination - wenige, schlecht bewegliche oder verformte Samenzellen werden direkt in die Gebärmutter eingeleitet - bis hin zur In-vitro-Fertilisation, die das Mittel der Wahl ist, wenn beispielsweise die Eileiter irreparabel geschädigt sind oder auch die Zeugungsfähigkeit des Mannes deutlich eingeschränkt ist.
Außerhalb des Mutterleibes werden dann Ei- und Samenzellen in einer Glasschale zusammengebracht und nach der Befruchtung zurück in die Gebärmutter gegeben. Die Mikro-Injektion ist eine Weiterentwicklung. Wie bei der IVF werden der Frau nach einer Hormonstimulation mehrere reife Eizellen entnommen, denen dann unter einem speziellen Mikroskop einzelne Spermien zugefügt werden; das Verfahren nennt sich auch intracytoplasmische Spermieninjektion (ICSI).
Welche seelischen und auch körperlichen Strapazen ungewollt kinderlose Eltern auf sich nehmen, um sich doch noch ihren Herzenswunsch zu erfüllen, läßt sich ahnen, wenn man die vielen Hilferufe im Internet liest oder auch das elektronische Gästebuch des „Kinderwunschzentrums“ aufschlägt: „Wie wir geahnt haben: Es klappte wieder nicht. Wir waren verzweifelt“, berichtet da beispielsweise eine Frankfurterin, die sich - nach Versagen diverser Hormontherapien - zur Insemination entschlossen hatte. Und auch die sei erst beim zweiten Versuch erfolgreich gewesen. „Juhu, jetzt bin ich im vierten Monat und kann es kaum erwarten, unser Wunschkind bald in den Armen zu halten“, schreibt die werdende Mutter - und macht Leidensgenossen und -genossinnen Mut: „Vor allem: die Hoffnung nicht verlieren und weitermachen. Es wird sich lohnen!“
Männer zur Hälfte an Kinderlosigkeit beteiligt
Hahn bezweifelt, daß sich die Fertilität der Bevölkerung infolge von Belastungen der Umwelt und der Nahrungsmittelkette verschlechtert haben könnte, wie oft berichtet werde. Mit der Möglichkeit, die Empfängnis mit Pilleneinnahme zu steuern, würden die Frauen den Kinderwunsch vielmehr häufig auf ein Alter verschieben, „in dem es natürlicherweise nicht mehr so ganz leicht geht“, meint der Gynäkologe. Mit der Spermaqualität habe sich die Wissenschaft noch gar nicht lange genug beschäftigt, um dazu fundierte Aussagen machen zu können. „Ich will das mal etwas ketzerisch sagen: Das war schon immer nicht so toll.“ Nur früher sei es eben immer der Frau angelastet worden, wenn sie nicht schwanger wurde. Heute wisse man, daß die Männer zu gut 50 Prozent an der ungewollten Kinderlosigkeit beteiligt seien.