18.04.2009 · Die Kindertagesstätte der Obermayr International School in Schwalbach wird erst im August eröffnet – ist aber schon jetzt überlaufen. Berufstätige wünschen sich verstärkt Kinderbetreuung am Abend. Unternehmen wie die Commerzbank tragen dem längst Rechnung.
Von Manfred Köhler und Thorsten WinterDie Kindertagesstätte der Obermayr International School in Schwalbach wird erst im August eröffnet – ist aber schon jetzt überlaufen. Für die insgesamt 30 Plätze in den drei Krippen-Gruppen für Kinder im Alter bis zu drei Jahren haben bisher 75 Eltern ihr Interesse angemeldet. 120 Anfragen liegen zu den 75 Plätzen in zwei Kindergarten-Gruppen für Mädchen und Jungen von drei bis fünf Jahren sowie für die Vorschulklasse für Fünf- und Sechsjährige vor, die auf Deutsch und Englisch betreut werden sollen. Die hohe Gebühr von 550 Euro je Kind und Monat scheinen die Eltern nicht zu schrecken – es sind die Öffnungszeiten, die sie locken: Während andere Einrichtungen nur bis 16 oder 17 Uhr geöffnet sind, sollen die Kinder in Schwalbach bis 18 Uhr betreut werden. Und so melden sich Obermayr viele Berufstätige aus Frankfurt, „die arbeiten länger als bis 17 Uhr.“
Aus diesem Grund betreut der Bad Homburger Elternservice Kinder unter der Woche schon längst auf Wunsch bis 20 Uhr und steht auch samstags bis 17 Uhr zur Verfügung. An allen sechs Tagen öffnet die Einrichtung für maximal 30 Kinder in der Stunde um 7.30 Uhr die Tür. Dass es keine Warteliste gibt, erklärt der Betreiber mit Flexibilität: Wenn sie gebraucht würden, seien die Mitarbeiterinnen da. So könnten Kinder kurzfristig und spontan angemeldet werden.
In Notfällen sogar bis 22 Uhr
„Wir stocken permanent auf“, heißt es beim PME Familienservice in Frankfurt. Der Dienstleister betreibt in der Stadt sechs Einrichtungen und kooperiert unter anderen mit der Commerzbank (siehe Kasten). Seine Kindertagesstätten stehen jeweils von 7 bis 19 Uhr zur Verfügung, in Nötfällen werden die Kleinen sogar bis 22 Uhr versorgt. Die Nachfrage nach Betreuung am späten Nachmittag steige, heißt es, und zeige, dass das Angebot in der Stadt allgemein dem Bedarf hinterher hinke.
Die Nachfrage wiederum ist von den Ansprüchen der Unternehmen an ihre Mitarbeiter kaum zu trennen. Die Arbeitswelt differenziert sich immer weiter: Nach Angaben des Statistischen Bundesamts stieg von 1993 bis 2007 der Anteil derjenigen, die zwischen 18 und 23 Uhr arbeiten, von 16 auf 26 Prozent aller abhängig Erwerbstätigen. Samstags arbeiteten 2007 24 Prozent, sonntags immer noch 13 Prozent. Nach einer gerade von der Industrie- und Handelskammer Frankfurt vorgelegten Studie hält die Kinderbetreuung mit dieser Flexibilisierung nicht Schritt. Im Kammerbezirk, zu dem neben Frankfurt auch der Main-Taunus- und der Hochtaunuskreis zählen, seien nur vier Prozent der Kindertagesstätten nach 18 Uhr geöffnet, an Samstagen lediglich drei Prozent. Und nur jede fünfte Einrichtung sei in den Ferien geöffnet. IHK-Vizepräsidentin Dagmar Bollin-Flade folgerte daraus, die Kinderbetreuung müsse flexibler werden. „Die Wirtschaft braucht gute Fachkräfte. Dafür müssen Beruf und Familie vereinbar sein.“
Um dies den zahlreichen Mütter und Vätern unter ihren Beschäftigten zu erleichtern, hat die Europäische Zentralbank 230 Plätze für Mitarbeiterkinder auf drei Einrichtungen verteilt. Alle Tagesstätten stehen grundsätzlich Kindern im Alter von drei Monaten bis sechs Jahren offen und sind montags bis freitags bis 20 Uhr geöffnet, wie es heißt. Dabei gesteht die Zentralbank ein, dass das Angebot „fast“ den Bedarf der EZB-Mitarbeiter abdecke und es eine Warteliste gebe. Das Frankfurter Schuldezernat kontert dagegen die IHK-Kritik, Kindertagesstätten seien nicht flexibel genug. Michael Damian, persönlicher Referent von Bürgermeisterin Jutta Ebeling (Die Grünen), sagt, so hoch sei die Nachfrage in den Abendstunden nun auch wieder nicht. Von drei Kindertagesstätten, die in der Innenstadt bis 19 Uhr geöffnet gewesen seien, habe dies eine sogar mangels Nachfrage wieder zurückgenommen. Generell werde nur die Hälfte der Kinder ganztags betreut. Die „absolute Orientierung am Arbeitsmarkt“ sei gar nicht möglich – ein Kindergarten lasse sich nicht nur deshalb abends bis 22 Uhr offenhalten, weil unter den Eltern eine Supermarkt-Kassiererin sei.
„Längere Öffnungszeiten bei Elternabenden nie ein Thema“
Die Stadt Frankfurt betreibt zwar nur 138 der etwa 600 Kindertagesstätten in der Mainmetropole, doch hat sie wegen ihrer Zuschüsse eine Art Hoheit auch über die kirchlichen Einrichtungen und die freier Träger, die zum Beispiel von Eltern gegründet wurden. Für alle sei als Öffnungszeit 7.30 bis 17 Uhr verbindlich, erläutert Damian. Die Einrichtungen würden allerdings angehalten, bis 18 Uhr zu erweitern; es winkten dann höhere Zuschüsse. Umfragen hätten wiederholt ergeben, dass die Eltern zufrieden seien. „Bei Elternversammlungen ist die Erweiterung der Öffnungszeiten eigentlich nie ein Thema“, sagt Damian und spielt den Ball zurück an die Unternehmen: Für Betriebskindergärten würden hohe Zuschüsse gewährt – vor allem, wenn sie auch Kinder aus der Umgebung aufnähmen. Immerhin 30 Einrichtungen dieser Art gebe es schon. Derweil behält sich der Sulzbacher Industriegase-Hersteller Messer vor, in seiner neuen Zentrale einen Kindergarten einzurichten.
Stärker als die Öffnungszeiten steht im Fokus der Frankfurter Kommunalpolitik derzeit die Zahl der Plätze: Von 2008 bis 2012 soll sie von 35.600 auf 42.600 steigen. Für den Neubau und die Sanierung von Kindertagesstätten sind von 2009 bis 2012 135 Millionen Euro vorgesehen.
Commerzbank: Kita-Plätze und Notfallangebot lohnen sich
Die Stadt Frankfurt ermuntert Unternehmen zur Gründung von Betriebskindergärten. Derweil arbeiten manche Firmen schon längst mit Anbietern von Kinderbetreuungsplätzen zusammen - etwa die Europäische Zentralbank oder die Commerzbank. Wie Barbara David, zuständig für Familienpolitik bei der Commerzbank, sagt, führt das Institut in Kooperation mit dem Familien-Service seit 2005 eine betriebsnahe Kita. Dort würden überwiegend Kinder im Alter von bis zu drei Jahren betreut, es gebe aber auch Kindergartenplätze.
Das Angebot werde gerade auf 200 Vollzeitplätze erweitert und gelte, je nach Gruppe, an Arbeitstagen von 7 bis 19 Uhr oder von 8 bis 20Uhr. Dabei sei „Platz-Sharing“ möglich: So könnten Teilzeitkräfte einen Platz in der Kita für nur einige Tage in der Woche buchen. Dadurch könnten mehr Kinder betreut werden, als es Vollzeitplätze gebe. „Und die Eltern haben Zeitsouveränität“, sagt David. Die Gebühren sind so hoch wie in städtischen Einrichtungen und werden von der Bank mit maximal 150 Euro je Kind und Monat bezuschusst. Zudem gebe es Angebote in den Ferien.
Zu dem „Bausteinsystem“ für Eltern bei der Bank zählt auch ein Notfallangebot. Dieses könnten Eltern an bis zu 30 Tagen im Jahr nutzen - und zwar unentgeltlich. „Das ist der Renner“, so David. Sie hebt hervor: „Das rechnet sich, weil die Eltern weiterarbeiten können.“ Eine Studie, die im Herbst erscheinen werde, verdeutliche dies. (thwi.)