Vier kurze Klicks, dann schnell die Änderungen speichern, und schon ist Veit Kassel verlobt. Strenggenommen war er das schon vorher, aber jetzt steht es im StudiVZ. Denn dort hat er gerade seinen Beziehungsstatus aktualisiert. Für Freunde, Verwandte, Bekannte und alle Leute, die der Theaterregiestudent irgendwann einmal zu seiner Freundesliste hinzugefügt hat, ist nun Rot auf Weiß zu lesen, dass Veit Kassel bald heiraten wird. Doch der lebhafte junge Mann mit dem Drei-Tage-Bart nutzt die Online-Plattform nicht nur, um seine Hochzeit anzukündigen; in gewisser Weise verdankt er sie ihr auch. Denn der 27 Jahre alte Frankfurter hat seine Verlobte vor knapp zwei Jahren im StudiVZ kennengelernt.
Es gibt dort unzählige Gruppen, in denen sich Studenten und Nichtstudenten dazu bekennen, ihre große Liebe in dem Online-Netzwerk gefunden zu haben. Addiert man die Zahl der Mitglieder dieser Gruppen, kommt man schnell auf einige hundert StudiVZ-Paare. Wie viele es genau sind, lässt sich kaum ermitteln. Medienwissenschaftler wie Jan-Hinrik Schmidt vom Hans-Bredow-Institut in Hamburg wissen zwar, dass das StudiVZ eine große Rolle spielt, wenn es darum geht, Kontakte zu knüpfen oder zu pflegen. Das Flirt-Verhalten der Nutzer haben sie aber bisher nicht erforscht. Wissenschaftliche Erkenntnisse dazu kommen aus der Psychologie. Christiane Eichenberg von der Universität Köln, die das Thema Liebe und Sex im Internet seit Jahren erforscht, sagt: „Das Internet spielt eine immer größere Rolle bei der Partnersuche. Dabei nutzen die Menschen nicht nur Datingbörsen, sondern alle verfügbaren Angebote.“
„,...dann gebe ich euch eben das Internet'“
Anders als bei den Datingportalen sind die Menschen, die im StudiVZ ihren Partner finden, aber nicht immer auf der Suche nach Zweisamkeit. Viele Beziehungen ergeben sich zufällig. Verwechslungen, fehlgeleitete Freundschaftseinladungen oder kontroverse Diskussionen in Gruppenforen nennen die, die sich im StudiVZ verliebt haben, als Gründe für die Kontaktaufnahme. Die wenigsten von ihnen wollen gezielt gesucht haben.
Der Zufall brachte auch Veit Kassel und seine Verlobte zusammen: Es ist der 10. Oktober 2007. Veit hat gerade ein dreimonatiges Praktikum in Wien begonnen. Er kennt niemanden in der Stadt, und so verbringt er seine ersten Abende allein vorm Computer. Er beginnt aus lauter Langeweile nach alten Bekannten im StudiVZ zu suchen. An den Nachnamen einer alten Schulfreundin kann er sich nicht mehr erinnern, also tippt er nur den Vornamen ein: „Clara“. Dann schaut er die Trefferliste durch. Seine Klassenkameradin ist nicht dabei. Dafür fällt ihm das Foto einer anderen jungen Frau auf: Clara Ohms, 23 Jahre, Pädagogikstudentin aus Frankfurt. „Die gefällt mir so gut, die schreib' ich an“, denkt er sich. Die beiden tauschen Nachrichten aus und chatten, dann wird telefoniert. Schließlich steigt sie in den Zug und besucht ihn. „Es ist, als habe der liebe Gott gesagt: ,Wenn ihr es nicht schafft, euch auf normalem Wege kennenzulernen, dann gebe ich euch eben das Internet'“, sagt Veit.
Gleich bei der ersten Begegnung wurden sie ein Paar
Dabei hatte es den beiden nicht an Gelegenheiten gemangelt, sich im wirklichen Leben zu begegnen. Beide wohnten in Frankfurt und hatten dort sogar dasselbe Stammcafé. Außerdem jobbte Clara in dem Theater, in das es Veit regelmäßig zu Vorstellungen zog. Sie hatten sogar gemeinsame Freunde. Getroffen haben sie sich trotzdem nie. Dafür brauchten sie das StudiVZ.
Gleich bei der ersten Begegnung in Wien wurden die beiden ein Paar. Als Veit kurz vor Weihnachten nach Frankfurt zurückkam, zog er bei Clara ein. Damals kannten sie sich gerade rund zwei Monate und hatten sich nur einmal getroffen.
Christiane Eichenberg wundert das nicht. Beziehungen, die sich online anbahnten, entwickelten sich oft schneller als solche, die auf konventionellem Wege, wie etwa in der Disco, zustande kämen, sagt die Psychologin. Die Menschen entschieden sich früher für eine Bindung und vertieften diese auch schneller. Verlobung und Hochzeit würden in den Online-Partnerschaften auch früher gefeiert als bei anderen Paaren. Eichenberg führt das auf den sogenannten Enthüllungseffekt zurück. Demnach geben Menschen im Netz früher intime Einblicke in ihre Persönlichkeit. Sie schreiben im Chat oder in Nachrichten von ihren Macken und Unzulänglichkeiten. Durch diese Ehrlichkeit entsteht schon vor dem ersten Treffen ein besonders enges Vertrauensverhältnis. Außerdem macht sich so keiner der Partner ein falsches Bild von der Persönlichkeit des anderen.
Fotos der Tochter auf StudiVZ
Das haben auch Jonas Thiele und Sarah Marquardt so erlebt. Als die 24 Jahre alte Auszubildende vor zwei Jahren einem alten Schulfreund eine Freundschaftsanfrage schicken wollte, führte eine Verwechslung sie mit ihrem heutigen Freund zusammen. Sarahs ehemaligen Klassenkameraden und Jonas eint nämlich nicht nur der gleiche Vorname. Auch der Nachname ist derselbe. Statt den Jonas aus dem Bio-Kurs in der zwölften Klasse erreichte ihre Nachricht einen Sportstudenten aus Darmstadt. Der schrieb verwundert zurück. Weitere Nachrichten folgten, dann Telefonate. Mittlerweile wohnen Sarah und Jonas zusammen in Frankfurt. „Man denkt im StudiVZ nicht darüber nach, wie man wirkt, man schreibt einfach. Immerhin ist es ja gut möglich, dass man sich niemals trifft“, sagt Jonas. „Dadurch kommt eine große Ehrlichkeit und Tiefe in die Beziehung.“
Ob Partnerschaften, die im Internet begonnen haben, genauso lange halten wie solche, die konventionell zustande gekommen sind, wurde bisher kaum erforscht. Eichenberg sieht jedoch keinen Grund, anzunehmen, dass online angebahnte Partnerschaften weniger stabil sind als andere. Auch der oft gehörten These, Menschen, die ihren Partner im Internet fänden, hätten weniger soziale Kompetenzen als ihre Mitmenschen, widerspricht die Psychologin: Studien zeigten, dass es keine Unterschiede in den sozialen Fertigkeiten gebe.
Auf Dauer angelegt ist offenkundig auch die Beziehung von Jochen Aikmann Peters und Lena Heßdörfer. Peters, der in Darmstadt ein BWL-Fernstudium absolviert, und Heßdörfer, die in Köln Architektur studiert, hatten sich 2007 im Internet kennengelernt und wurden im Juni dieses Jahres Eltern. Fotos ihrer Tochter Lilly sind schon online: natürlich im StudiVZ.

