Zum Ende der dritten Amtszeit von Bürgermeister Bernd Rohde (CDU) sind die wesentlichen Fundamente gelegt für die Weiterentwicklung der Wetterauer Kurstadt: Mit dem Land hat die Stadt die Kommunalisierung des Staatsbades vereinbart. Für die Landesgartenschau im Jahre 2010 hat Bad Nauheim den Zuschlag erhalten. Für das seit anderthalb Jahrzehnten brachliegende Areal an der Trinkkuranlage hat sich ein Investor gefunden, der einen neuen Büro- und Geschäftskomplex errichten will. Auf den Nachfolger des Rathauschefs wartet dennoch keine leichte Aufgabe, gilt es doch, auf das nun Erreichte mit Geschick aufzubauen.
Sechs Bewerber wollen sich dieser Herausforderung stellen und Rohdes Amt übernehmen, wenn der im Herbst mit Erreichen der Altersgrenze von 68 Jahren in den Ruhestand wechselt. Die Direktwahl findet am Sonntag statt, für einen zweiten Wahlgang ist der 12. Juni vorgesehen. Auf den Stimmzetteln finden die knapp 20000Wahlberechtigten mit dem hauptamtlichen Stadtrat Bernd Witzel von der UWG, der Stadtverordneten Brigitta Nell-Düvel von den Grünen sowie dem parteilosen Wirtschafts- und Politikberater Professor Walter Simon die Namen dreier Kandidaten, die sich abermals um den Chefposten im Rathaus bewerben. Hinzu kommen die Journalistin Hedwig Rohde, die für die CDU ins Rennen geht, der Geschäftsführer mehrerer kommunaler Gesellschaften, Jörg Krämer, der von einer Wählerinitiative getragen und von der SPD unterstützt wird, sowie der Jurist Peter Heidt von den Freien Demokraten.
Im Wahlkampf stehen für alle Bewerber zwar dieselben Themen im Vordergrund, von der Neupositionierung Bad Nauheims als Gesundheitsstadt über die Umgestaltung der Stadt für die Gartenschau und die damit verbundene Weiterentwicklung des Fremdenverkehrs bis zur Konsolidierung der kommunalen Finanzen. Für Spannung aber sorgt, daß es dieses Mal keinen eindeutigen Favoriten gibt. Das liegt auch daran, daß sich die beiden großen Parteien schwergetan haben. Die Christdemokraten, traditionell stärkste politische Kraft in der zweitgrößten Kommune des Wetteraukreises, benötigten mehrere Anläufe zur Nominierung. Nachdem der Erste Stadtrat und Vorsitzende des CDU-Stadtverbandes, der lange Zeit als Anwärter galt, abgesagt hatte, drehte sich das Kandidatenkarussell so lange, bis am Ende nur noch Hedwig Rohde, die frühere Gattin des derzeitigen Bürgermeisters und Schwester des Ersten Stadtrats übriggeblieben war, die allerdings nicht einmütig aufgestellt wurde. Erst zuletzt präsentierte sich die Union geschlossener, um der 46 Jahre alten langjährigen Redakteurin der Wetterauer Zeitung zum Erfolg zu verhelfen, die vor allem auf ihr vielfältiges Engagement in Bad Nauheimer Institutionen setzt. Bei den Sozialdemokraten fand sich niemand, der für das Amt an der Spitze der Stadtverwaltung kandidieren wollte. Schließlich verständigte man sich darauf, den parteilosen Krämer zu unterstützen. Der 50 Jahre alte gelernte Pädagoge und Soziologe war zwar in der Bad Nauheimer Kommunalpolitik bislang nicht in Erscheinung getreten, ist aber unter anderem als Geschäftsführer einer Beschäftigungsgesellschaft, der Wetterauer Flüchtlingshilfe und als früherer langjähriger Leiter der Jugend- und Drogenberatung in der Region kein Unbekannter. Als Aushängeschild der SPD allein mochte er sich freilich nicht dem Wähler empfehlen, scharte deshalb einen Kreis von Unterstützern um sich, mit deren Hilfe er sich als ungebundener Kandidat präsentiert.
Daß Witzel nach zwei verlorenen Direktwahlen noch einmal antreten würde, kam nicht überraschend. Denn die Bürgermeisterwahl ist für den Achtundfünfzigjährigen die letzte Chance, weiterhin der Führungsriege im Rathaus anzugehören. Die Stadtverordnetenversammlung hatte beschlossen, die Stelle des zweiten hauptamtlichen Stadtrats mit dem Ende von Witzels zweiter Amtszeit im Herbst zu streichen. Weil auch der Erste Stadtrat Dörner voraussichtlich keine zweite Amtszeit anstrebt, geht es für die UWG darum, mit der Kandidatur Witzels all jede Wähler anzusprechen, denen es um Kontinuität an der Spitze der Stadtverwaltung geht. Beim Werben um die Gunst der Stimmberechtigten stellt der Kandidat der Wählergemeinschaft also seine mehr als zwei Jahrzehnte langen Erfahrungen in den Gremien der Bad Nauheimer Politik heraus, wirbt mit einer "Leistungsbilanz" für sich und präsentiert sich als Macher, den die Stadt brauche, um die vielfältigen Aufgaben der nächsten Jahre zu bewältigen.
Obwohl bei den beiden vorherigen Wahlen schon in den ersten Wahlgängen ausgeschieden, nimmt Nell-Düvel einen weiteren Anlauf aufs Bürgermeisteramt. Wie Witzel wirbt sie dieses Mal insbesondere mit Erfahrung in verschiedenen kommunalpolitischen Gremien, vom Kreistag bis zum Ortsbeirat, und verspricht sich davon mehr Erfolge. Die 51 Jahre alte Altenpflegerin und Psychologin hofft vor allem auf Stimmen von Wählern, denen Jugendarbeit und Familienpolitik Anliegen sind. Die Liberalen zeigen nach zwölf Jahren erstmals wieder Flagge bei einer Bürgermeisterwahl. Mit dem 40 Jahre alten Rechtsanwalt Heidt glauben sie, nun einen Bewerber zu haben, der aufgrund seiner Verwurzelung in Bad Nauheim mehr als nur Außenseiterchancen hat. Als unabhängiger Kandidat tritt der 58 Jahre Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler Simon an, der sich in den vergangenen Jahren immer wieder in Leserbriefen und Zeitungsbeiträgen zur Bad Nauheimer Politik hervorgetan hat. Er will nach eigenem Bekunden mit seiner Kandidatur das von ihm beobachtete Unbehagen vieler Bad Nauheimer an der bisherigen Stadtpolitik artikulieren. WOLFRAM AHLERS

