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Katholische Kirche in der Krise Der Pfarr-Herr hat ausgedient

01.06.2011 ·  Die katholische Kirche ist in einer Krise: Das alte Pfarreisystem bricht zusammen, ein neues muss her. Damit ändert sich auch der Priesterberuf - gerade auf dem Land.

Von Stefan Toepfer, Neu-Anspach
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Neulich im Bürgerhaus von Neu-Anspach: Der katholische Pfarrer Paul Lawatsch feiert seinen 60. Geburtstag. Viele gratulieren dem beliebten Seelsorger, Mitarbeiter danken ihrem Chef auf der Bühne mit Liedern und Sketchen. In einem davon deuten sie das Nummernschild von Lawatschs Auto: HG-AL-236. AL könnte für „Am Limit“ stehen, meinen die Mitarbeiter - die Gäste lachen. Doch die Sache hat einen ernsten Kern.

Lawatsch ist Pfarrer von sieben Gemeinden im Hintertaunus mit zusammen etwa 10.000 Katholiken: Neu-Anspach, Usingen, Kransberg, Wernborn, Grävenwiesbach, Wehrheim und Pfaffenwiesbach. Kein Wunder, dass er am Limit arbeitet, um die Gläubigen in dem großen ländlichen Gebiet zu erreichen. Bald kommen noch mehr Gemeinden hinzu. Das Bistum Limburg, zu dem der Taunus gehört, ist im Umbruch, es gibt eine große Strukturreform. So könnte Lawatsch auch für Schmitten und Seelenberg zuständig werden, das wären dann die Gemeinden Nummer acht und neun.

Das herkömmliche Pfarreisystem ist längst an seine Grenzen gestoßen. Nun steht es vor dem Aus. Kern der Reform ist es, aus vielen kleineren Pfarreien, die schon jetzt mehr oder weniger miteinander verbunden sind, wenige große zu machen. In Frankfurt zum Beispiel soll es auf lange Sicht höchstens sieben Großpfarreien geben, im Hochtaunus nur noch vier.

„Distanz zu Familien ist größer geworden“

Eine davon soll Lawatschs „Usinger Land“ sein. So heißt das Gebiet - im Kirchendeutsch „Pastoraler Raum“ genannt -, den seine sieben Gemeinden bilden. Dieser Raum soll über kurz oder lang eine Pfarrei werden. „Die Volkskirche verändert sich, wir können sie nicht künstlich aufpumpen“, sagt der Geistliche nüchtern.

Aber auch der Pfarrerberuf lässt sich nicht konservieren. Nur für eine Gemeinde zuständig sind katholische Pfarrer schon lange nicht mehr, wegen des Priestermangels. Das hat Folgen. „Die Distanz zu Familien ist im Lauf meiner Amtszeit immer größer geworden. Das erlebe ich als schwierig“, sagt Lawatsch. Auch sei die Spannung zwischen der Beanspruchung durch die Arbeit und der Zeit, Freundschaften zu pflegen, gewachsen, fügt er hinzu - eine Crux, die alle Männer und Frauen in Management-Positionen kennen.

Das Wort vom „Manager“ gefällt Geistlichen nicht immer. Und doch sind Gemeinden nun einmal so etwas wie Unternehmen. Pfarrer sind verantwortlich für viele Mitarbeiter. Wollen sie ankommen, akzeptiert werden, müssen sie durch ihr Wort und Beispiel überzeugen. Sie sollen leiten, aber nicht unnahbar sein. Gemeinden haben Vermögen, mit dem sorgsam umgegangen sein will, Immobilien, Kindergärten. Pfarreien gut zu managen, wird immer anspruchsvoller, je mehr ein Pfarrer zu verwalten hat. So wie Lawatsch, der auch Dekan des Bezirks Hochtaunus ist und damit eine weitere Leitungsfunktion hat.

„Unglückliche Frontbildungen“

Lawatsch hätte nichts gegen verheiratete Priester und auch nicht gegen Priesterinnen, doch die Kirchenführung will das nicht. So wird der Priestermangel bleiben. Sein Kollege aus der Nachbarschaft, der Main-Taunus-Bezirksdekan Franz Lomberg, wird deutlich: „Die Zeit ist reif“, sagt er, die Frage nach den Zugangswegen zum Priesteramt zu stellen, vor allem verheiratete Männer sollten es ausüben können - um des Auftrags willen, Menschen zu begleiten. „Das war uns einst hoch und heilig“, sagt der 62 Jahre alte Geistliche. „Im Berufsleben bei uns älteren Priestern hat sich viel gewandelt.“ Lomberg erinnert sich noch gut an ein Wort seines Ausbildungsleiters Gottfried Perne. Der habe schon damals prophezeit, dass die Priester eines Tages vor allem die Seelsorger ihrer haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter sein würden und weniger die der Gläubigen. Eine Prophetie, die sich immer mehr zu bewahrheiten scheint.

Immerhin fallen etliche Sitzungen weg, wenn aus vielen kleinen Pfarreien eine große Pfarrei geworden ist. Nur noch ein Pfarrgemeinderat statt sieben oder neun, nur noch ein Verwaltungsrat, der sich um die Finanzen kümmert.

Dafür fragen sich Gläubige sorgenvoll, wie das Leben vor Ort aufrechterhalten werden kann, wenn es nur noch eine Zentrale gibt. Neun leitende Priester im Main-Taunus, einschließlich Lomberg, teilen diese Befürchtung, sie sind gegen die Errichtung nur weniger Großpfarreien. In Limburg haben sie deshalb schriftlich protestiert. Auch würden Ehrenamtliche ihre Mitarbeit aufkündigen, meinen sie - ein Argument, das nicht alle im Klerus des Bistums nachvollziehen können. Von „unglücklichen Frontbildungen“ ist die Rede.

„Blühende Landschaften“ in der Seelsorge

Eine Aufgabe aber wird für alle Pfarrer immer wichtiger: Ehrenamtliche dafür zu gewinnen, mehr Verantwortung zu übernehmen. Was bestimmte Funktionen angeht, sind ihnen in der Kirche Grenzen gesetzt - aber darum, Ämter mit Laien zu besetzen, geht es Pfarrern wie Lawatsch auch nicht. Er versteht sich als Motivator, der Christen dazu befähigen will, von einer vertieften Bibellektüre ausgehend in ihrem Viertel den Glauben zu bezeugen - bis dahin zu schauen, welche Kinder Nachhilfe bräuchten. Geht es nach ihm, sollen in der neuen Großpfarrei möglichst viele „kleine Christliche Gemeinschaften“ entstehen, als deren geistlicher Mentor er sich sieht. Er scheut sich sogar nicht, von neuen „blühenden Landschaften“ in der Seelsorge zu sprechen. Schönrednerei? Lawatsch schüttelt den Kopf: „Ich hoffe, dass das gelingt. Eine Alternative dazu sehe ich nicht.“ Solche Gemeinschaften gibt es vor allem in afrikanischen und asiatischen Ländern.

Derzeit tourt der Pfarrer mit seiner Gemeindereferentin durch die sieben Pfarreien, um für die neue Idee zu werben. Für Lawatsch liegt sie auf der Linie des Zweiten Vatikanischen Konzils, „das die Kirche zum Anliegen aller Gläubigen gemacht hat, nicht nur zu dem der Priester“. So hat er auch nichts dagegen, wenn es in den Orten künftig Sonntagsgottesdienste ohne Priester gäbe.

Nun ist Lawatsch ohnehin nicht der Typ Kleriker, der denkt, er bilde den Mittelpunkt der Pfarrei. Theologisch gesprochen, hält er es für möglich, dass in dem gegenwärtigen Umbruch Gott selbst zeige, wie eine „lebendige Kirche“ aussehen solle. Elitär dürften die kleinen Christlichen Gemeinschaften aber nicht werden. Die Kirche müsse auch offen bleiben für jene, die distanziert seien.

Diesen Spagat macht die Kirche schon jetzt oft. Lawatsch glaubt trotzdem, dass gerade diese Gemeinschaften wegen ihrer Präsenz in den Stadtvierteln der Kirche fernstehende Menschen besser erreichen könnten, als das bisher möglich sei. Rund 90 Prozent der Katholiken in seinen Gemeinden gehen sonntags nicht in die Kirche. „Sie gehören dazu, aber beteiligen sich nicht am Leben der Kirche.“ Die Austrittsquote liegt bei etwa einem Prozent im Jahr. Der demographische Wandel trifft das Usinger Land nicht ganz so hart wie andere Teile des Bistums - es gibt viele Neubaugebiete, in die junge Familien ziehen.

Im Bezirk Hochtaunus ist die Umgestaltung mehrerer kleiner in große Pfarreien am weitesten in Oberursel/Steinbach gediehen. Die neue Pfarrei mit etwa 15.000 Katholiken aus acht Gemeinden soll es vom 1. Januar 2012 an geben, wie Pfarrer Andreas Unfried sagt.

Keine „Angstzustände“ wegen der Veränderungen

Auch er sieht, dass Pfarrer immer mehr zu Seelsorgern ihrer Mitarbeiter würden. Großpfarreien brächten einerseits eine „Verarmung“ mit sich, weil „das Charisma des Priesters auf das der Leitung verengt wird“. Andererseits bringe es für Priester, die in solchen Pfarreien mitarbeiteten, ohne Leitungsaufgaben zu haben, „eine neue Weite“ mit sich, meint er. Auch er will in der neuen Großpfarrei die Eigenarten der einst selbständigen Gemeinden pflegen. Neu organisiert werden muss allerdings die Verwaltung der sieben kirchlichen Kindergärten - das geht vermutlich nicht mehr ehrenamtlich wie bisher, da jede Gemeinde für ihre Kita zuständig ist. Zumindest diese Sorge hat Lawatsch nicht: Von seinen sieben Pfarreien hat nur eine einen eigenen Kindergarten.

„Angstzustände“ wegen der Veränderungen habe er nicht, sagt Lawatsch. Anders als der eine oder andere Kollege, der Mehrarbeit fürchte oder die Sorge habe, als Priester auf bestimmte Funktionen reduziert zu werden. Was Lawatsch helfen mag, ist, dass er in seinem Beruf fast von Anfang an überregional gearbeitet hat - sei es als Kaplan in Dillenburg, einem weitläufigen Diasporagebiet im Norden des Bistums, als Diözesanjugendpfarrer oder als Pfarrer in Königstein mit mehreren Gemeinden.

Nicht unwichtig ist, wie seine neue Großpfarrei heißen soll. Fest steht, dass es ein neuer Name sein soll. „St. Franziskus und Klara“ könnte sie heißen, sagt Lawatsch. Das wäre ein geschickter Rückgriff auf zwei Persönlichkeiten des 12./13. Jahrhunderts. Der Überlieferung nach träumte Papst Innozenz III. im Jahr 1209 von Franz von Assisi, dem Armutsapostel, als wichtigem Pfeiler für die Kirche der Zukunft. Die Zeit hat sich geändert, die Aufgabe nicht.

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Jahrgang 1965, Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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