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Karlstein Die Lehrwerkstatt der deutschen Atomindustrie

17.06.2011 ·  Vor 50 Jahren ging das erste deutsche Kernkraftwerk ans Netz.

Von Hanns Mattes, Karlstein
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Zwei Besonderheiten zeichnen das unterfränkische Großwelzheim aus: Es ist der westlichste Ort Bayerns, und vor genau 50 Jahren wurde von dort aus erstmals Strom aus einem deutschen Atomkraftwerk in das Netz eingespeist. Denn in Großwelzheim, heute ein Ortsteil von Karlstein, stand das Versuchsatomkraftwerk (VAK) Kahl, der erste auf kommerziellen Betrieb ausgelegte Atomreaktor auf deutschem Boden. Daran erinnert heute nicht mehr viel – 1985 wurde das „Atomei“ stillgelegt, vor einem Jahr endete der Rückbau des Meilers, und heute zeugt allein das Atomsymbol im Karlsteiner Wappen von der Bedeutung der Ortschaft für die deutsche Nuklearindustrie.

Dabei schummelte der Bauherr RWE bei der Namensgebung für das Atomkraftwerk am Bayerischen Untermain. Vielleicht schien dem Energiekonzern die Bezeichnung „VAK Großwelzheim“ zu sperrig für die amerikanischen Partner des Vorhabens, auf jeden Fall aber spielten postalische Erwägungen eine ausschlaggebende Rolle: In Kahl saß die auch für den Nachbarort zuständige Poststelle. Das sei in den fünfziger und sechziger Jahren noch ein wichtiges Kriterium gewesen, schreibt Dietmar Bleidick, der im Auftrag der RWE die Geschichte des Atomreaktors aufgezeichnet hat. Grundsätzlich hatte sich der Konzern für den Standort am Main entschieden, weil man dort schon ein Kohlekraftwerk betrieb. Teile dieser Anlagen zum Beispiel zur Kühlwasserversorgung des neuen Meilers sollten mitgenutzt werden, außerdem konnte das konventionelle Kraftwerk für die Notstromversorgung eingesetzt werden.

„Wenigstens doppelt so teuer“ sei der Strom aus dem Atomkraftwerk

Schon um 1955 hatte RWE begonnen, sich auf das Atomzeitalter auszurichten. Aus Sicht der damals Verantwortlichen hinkte Deutschland der Entwicklung der Nukleartechnik um zehn bis fünfzehn Jahre hinterher, und diese Lücke wollte der Konzern mit amerikanischer und britischer Hilfe schließen. Von 1956 an wurden Mitarbeiter zu Schulungen in Forschungseinrichtungen der Vereinigten Staaten und des Vereinigten Königreichs geschickt, wenig später begannen die Verhandlungen über den Bau eines Versuchsreaktors. Vereinbart wurde für das Projekt eine Zusammenarbeit mit dem Firmenkonsortium American Machine and Foundry (AMF), der britischen Mitchell Engineering und den Siemens-Schuckertwerke. 1958 erteilte RWE den Auftrag zur „schlüsselfertigen Lieferung“ eines Siedewasserreaktors mit einer elektrischen Leistung von 15 Megawatt. Damit war RWE schneller als der Gesetzgeber: Erst 1960 wurde das deutsche Atomgesetz erlassen.

Technisch sollte der Kahler Reaktor einer Anlage entsprechen, die von AMF in Elk River in Minnesota errichtet wurde, auch die Brennelemente sollten von den amerikanischen Partnern geliefert werden. Mit den Unternehmen wurde ein Festpreis von etwas mehr als 30,5 Millionen Mark vereinbart, außerdem rechnete RWE mit noch einmal rund drei Millionen Mark für Patentgebühren, Versicherungen und Steuern. Mit Gewinn war aus Sicht der Betreiber – zusammen mit dem Bayernwerk als Eigner von 20 Prozent der Anteile hatte die RWE die VAK Kahl GmbH gegründet – mit dem Kraftwerk nicht zu rechnen: „Wenigstens doppelt so teuer“, so schrieb Rudolf Reinhardt 1961 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, sei der Strom aus dem Atomkraftwerk, verglichen mit dem aus konventionellen Kraftwerken.

Erprobt wurde dort auch der restlose Abbau eines Atomkraftwerks

Schnell waren in den Jahren des Wirtschaftswunders auch noch Genehmigungsverfahren und Bauzeiten: Im November 1960, also nur zwei Jahre nach der Auftragsvergabe, nahm das Atomei den Probebetrieb auf, wiederum sieben Monate danach ging das Kraftwerk ans Netz. Die endgültige Genehmigung für den Kraftwerksbetrieb wurde im November 1961 erteilt, Anfang 1962 begann das VAK die Stromproduktion im Leistungsdauerbetrieb.

Seiner Bestimmung als Versuchsreaktor genügte die Anlage in den folgenden Jahren – auch durch eine Reihe von Störungen. In Kahl sammelten die Ingenieure Erfahrungen mit defekten Ventilen, Undichtigkeiten am Reaktordruckgefäß, Fehlern in Turbinen, Rissen in Schweißnähten und etlichen weiteren Misshelligkeiten des Betriebs eines Atomreaktors – Kahl erfüllte seine Aufgabe als „Lehrwerkstatt“ der Stromerzeugung durch Atomkraft. Das übrigens, ohne zum Gegenstand von Protesten gegen die Atomkraft zu werden – die entzündeten sich eher an den Atomfabriken im nahen Hanau als an dem Atomei in Karlstein.

Noch einmal zum Versuchsobjekt wurde das Atomei nach seiner Stilllegung 1985: Erprobt wurde dort der restlose Abbau eines Atomkraftwerks. Abermals betraten die Techniker Neuland, als sie neue Verfahren zur Demontage und Dekontamination eines Atomreaktors entwickelten. Das reichte von ferngesteuerten Baggern, mit denen stark strahlende Bauteile abgebrochen wurden,bis hin zum Einsatz von Mikroben, die radioaktive Partikel aus dem Wasser absorbierten, mit dem die Overalls des Personals gewaschen worden waren. Solche Verfahren nutzt RWE heute beim Rückbau des Meilers in Mühlheim-Kärlich, und sie würden auch bei einer Demontage der Meiler in Biblis eingesetzt werden. Insgesamt dauerte der Rückbau des Großwelzheimer Reaktors 25 Jahre – etwa so lange hatte das Versuchsatomkraftwerk auch Strom produziert, insgesamt rund 2046 Gigawattstunden. Geblieben ist vom Versuchsreaktor nur noch eine grüne Wiese am Main – und das Atomsymbol im Karlsteiner Wappen.

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Jahrgang 1964, Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Kreis Groß-Gerau.

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