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Karl Kardinal Lehmann Ein Denker wird 70

16.05.2006 ·  Kardinal Lehmann wird an diesem Dienstag 70 Jahre alt. Mit Journalisten sprach der belesene Theologe über sein Leben, Philosophie, die Kirche und den Papst, den er seit mehr als 40 Jahren kennt.

Von Stefan Toepfer
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Fast scheint es, als geriete Karl Kardinal Lehmann ins Schwärmen über vergangene Zeiten - das Jahr 1956 etwa, als er in Freiburg zu studieren begann und er von seinen philosophischen Lehrern „das Denken lernte“, wie er sagt. Oder die Jahre in Rom bis zur Philosophiedissertation, die er 1962 abgab und in der er sich mit der Seinsfrage bei Martin Heidegger befaßt hatte.

„Das war eine faszinierende Zeit in großer geistiger Freiheit.“ Doch es ist keine Schwärmerei. Dafür prägt das, was der Student Lehmann erfahren hat, den Kardinal Lehmann viel zu sehr. „Zu viel beten kann man nie, aber auch das Denken darf in der Kirche nicht zu wenig werden“, sagt er warnend. Schließlich müsse sie gewappnet sein für die heutigen geistigen Auseinandersetzungen.

Diesen hat sich Lehmann, der Denker auf dem Bischofsstuhl, stets gestellt. An diesem Dienstag ist er 70 Jahre alt geworden. Aus diesem Anlaß sprach er jüngst mit Journalisten über sich, Philosophie und Theologie, die Kirche und den Papst, den er seit mehr als 40 Jahren kennt. Kennengelernt hatten sich die beiden 1962 zu Beginn des Zweiten Vatikanischen Konzils - der neun Jahre ältere Joseph Ratzinger war Konzilstheologe.

Unterschiedliche Akzente

Sie haben ihre Auseinandersetzungen gehabt - der eine wurde Präfekt der vatikanischen Glaubenskongregation, der andere Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz. Etwa im Streit um die Schwangerenkonfliktberatung oder die Seelsorge für wiederverheiratete Geschiedene.

Schon in der bewegten nachkonziliaren Zeit in Deutschland setzten Ratzinger und Lehmann unterschiedliche Akzente. Ratzinger, damals Professor für Dogmatik und Dogmengeschichte in Regensburg, hatte die „Würzburger Synode“ - eine Zusammenkunft der deutschen Bistümer, bei der von 1971 bis 1975 über die Umsetzung des Konzils beraten wurde - schon bald wieder verlassen, wie Lehmann erzählt. Er hingegen, damals Professor für Dogmatik und Ökumenische Theologie in Freiburg, wurde zu einer ihrer Schlüsselfiguren.

Doch die Art und Weise, wie Lehmann trotz ihrer Differenzen über den heutigen Papst als „einen nach wie vor außergewöhnlichen Theologen“ spricht, zeugt von Respekt für Benedikt XVI., aber auch von der Liebe des Kardinals zu Theologie und Philosophie, die lehre, kritisch zu bleiben.

„Mein Bistum kenne ich sehr gut“

Es wundert daher nicht, daß ihm der Wechsel von dem Lehrstuhl in Freiburg auf den Bischofsstuhl von Mainz im Jahr 1983 schwergefallen ist. Die Stadt kannte er schon, denn von 1968 bis 1971 war er Dogmatikprofessor an der Mainzer Universität. Zuvor wurde er in Rom in Theologie promoviert, hat als wissenschaftlicher Assistent bei dem Jesuiten Karl Rahner gearbeitet und sich habilitiert. „Doch ich wäre bei aller Liebe zur Universität nicht glücklich geworden, wenn ich die Wahl zum Bischof nicht angenommen hätte“, sagt er.

Eingespannt ist dieses Glück in einen engen Terminplan, in den Lehmann auch die Termine als Vorsitzender der Bischofskonferenz unterbringen muß, der er seit 1987 ist. „Mein Bistum kenne ich trotzdem sehr gut“, sagt er. Das liegt nicht zuletzt an der Weise, wie Lehmann auf Menschen zugehen kann. Er ist keiner jener Wissenschaftler, die nur Bücher kennen. „Ich wollte schon immer einen Beruf haben, in dem ich mit Menschen zu tun habe.“ Aus seinem Mund klingt es nicht wie eine Floskel.

Theologischer Austausch

Über Vorhaben der nächsten fünf Jahre - mit dem 75. Lebensjahr muß ein Bischof dem Papst sein Rücktrittsgesuch einreichen - sagt Lehmann vor allem: Die Kirche müsse missionarischer werden, und es komme künftig nicht mehr so sehr auf große Zahlen, sondern auf die „Qualität der Zeugen“ an - und somit auf die Amtsträger in der Kirche, aber auch auf alle Christen. Und die Ökumene?

Zu ihr gebe es keine Alternative, sagt Lehmann, der seit 1969 intensiv am theologischen Austausch zwischen Kirchen arbeitet. Doch es müsse „solide“ gearbeitet werden, Einheit dürfe nicht vorgetäuscht werden. Dafür, daß es ihm nach eigener Auskunft „lästig“ ist, über sich zu reden, hat der Kardinal recht viel erzählt. Und manches gibt zu denken.

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Jahrgang 1965, Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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