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Karin Wolff im Interview „Nach wie vor eine richtige Entscheidung“

 ·  Erst die Debatte über die Unterrichtsgarantie plus, dann jene über die Schöpfungslehre im Biologieunterricht: Das Jahr war nicht leicht für Karin Wolff. Im Interview spricht die hessische Kultusministerin über die verkürzte Gymnasialzeit, Hauptschulen und das Faszinosum Finnland.

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Die hessische Kultusministerin Karin Wolff (CDU) über die verkürzte Gymnasialzeit, Hauptschulen und das Faszinosum Finnland.

Dieses Jahr ist für Sie nicht gut gelaufen. Kaum waren die Debatten um die Unterrichtsgarantie plus abgeebbt, haben Sie jene um die Schöpfungslehre im Biologieunterricht entfacht. Dafür wurden Sie sogar als Risiko für die Regierung Koch bezeichnet. Macht Ihr Job Ihnen heute noch Spaß?

Natürlich macht mir mein Job Freude. Und ich glaube, dass wir mit den nachweisbaren Erfolgen der Schulpolitik – von den außerordentlich erfolgreichen Vorlaufkursen für Kinder aus Migrantenfamilien über die erfolgreiche Bekämpfung des Unterrichtsausfalls bis zur Tatsache, dass wir die Zahl derer, die die Hauptschule ohne Abschluss verlassen, erheblich gesenkt haben – eine ganze Menge vorzuweisen haben.

Die Kommission zur Reform der verkürzten Gymnasialzeit ist jetzt erstmals zusammengekommen. Wird es am Ende so sein, wie es der Verband der Oberstudiendirektoren gefordert hat, nämlich dass Siebtklässler des nächsten Schuljahres wieder nur 30 statt wie heute 34 Wochenstunden Unterricht haben?

Das primäre Problem, das wir gemeinsam mit den Elternvertretern und Schulleitern lösen müssen, ist die Dichte der Lehrpläne und sind die teilweise fehlenden Möglichkeiten, ein vertretbares Pensum an Lernstoff zu vertiefen. Das ist in der Arbeitsgruppe G8 auch so festgehalten worden. Zu welchen Stundenzahlen wir dann kommen, wird als Konsequenz dieser Gespräche entschieden.

Über die Stoffdichte hinaus ist es aber doch gerade der lange Aufenthalt der Kinder in der Schule, den viele Eltern beklagen. Es gibt ja nicht wenige, die nie eine Ganztagsschule wollten und jetzt sagen, sie hätten keine Wahl mehr, weil die Gymnasien faktisch Ganztagsschulen geworden seien.

Ich nehme die Kritik außerordentlich ernst, deshalb analysieren wir die Auswirkungen und werden dann Konsequenzen ziehen. Aber in dieser Reihenfolge.

War G8 ein Fehler?

Nein. Es ist nach wie vor unter dem Gesichtspunkt der europäischen Bildungszeiten und unter dem Gesichtspunkt des lebensbegleitenden Lernens nach der Schule eine richtige Entscheidung. Die meisten Eltern, mit denen ich spreche, sagen mir auch ausdrücklich, dass sie nicht G8 zurückdrehen, sondern dass sie es anders gestaltet haben wollten. Gerade Hessen hat – im Gegensatz zu anderen Ländern – die Verkürzung in einer sehr sensiblen mehrstufigen Form eingeführt. Wir haben die Probleme und Schwierigkeiten der abrupten Einführung von einem Schuljahr zum nächsten in anderen Bundesländern sehr genau beobachtet und deshalb erst nach langer Vorbereitung und mit Zustimmung des Landeselternbeirats als 13. von 16 Bundesländern überhaupt G8 eingeführt.

Hat Sie die massive Kritik, die vor allem auch Eltern am Turbo-Abitur äußern, überrascht?

Da die Art der Einführung mit Elterngremien besprochen worden war und auch allgemein Zustimmung gefunden hatte, war die Massivität der Kritik schon ein bisschen überraschend. Aber diese Diskussion, die wir hier führen, gibt es in fast allen anderen Bundesländern auch.

Was glauben Sie, warum G8 auf so viele Bedenken und auf so viel Unmut stößt?

Dafür gibt es viele unterschiedliche Gründe, die nicht alle mit G8 zu tun haben. Da ist auch der Übergang der Kinder von der Grundschule mit ein oder zwei Lehrern zu einer größeren Schule, hier dem Gymnasium, mit sechs bis acht Lehrern. Das hat schon immer Schwierigkeiten aufgeworfen. Außerdem gibt es eine ständig steigende Zahl von Anmeldungen für Gymnasien, weil viele Eltern fürchten, dass ihr Kind nur mit Abitur eine Chance auf dem Ausbildungsmarkt haben wird. Insgesamt kommen da verschiedene Elemente zusammen, wie beispielsweise auch der „Pisa“-Erfolgsdruck in den Schulen.

Die SPD geht mit der Aussage in den Wahlkampf: Wenn wir gewinnen, nehmen wir G8 zurück.

Wenn es nach der SPD geht, wird Hessen ein bundesweiter Geisterfahrer und nicht nur im Bereich der Bildung anders handeln als alle anderen Bundesländer. Deshalb kann eine Zurücknahme der Schulzeitverkürzung nicht im Sinne der Kinder und Jugendlichen sein, die schließlich auch mal über die Grenzen von Hessen hinaus lernen, studieren und arbeiten wollen. Und das, ohne gleich ein beträchtliches Defizit mitzubringen. Aber dass G8 überarbeitet und verbessert werden muss, das ist beschlossen.

War es richtig, den Lernstoff in der Mittelstufe zu verdichten, anstatt das Jahr in der Oberstufe einzusparen?

Das ist ein Gerücht, das sich hartnäckig hält und trotzdem falsch ist. Wir haben maximal die Hälfte der Stunden in der Unter- und Mittelstufe verteilt. Es wurde aber auch die Eingangsklasse in die Oberstufe und die Grundschule mit Stunden verstärkt und genauso die Qualifikationsphase für das Abitur. Ganz wichtig ist, dass die Oberstufe dreijährig bleibt, damit auch weiterhin die Durchlässigkeit für Realschüler und Gesamtschüler gewährleistet ist. Sonst können wir jeden Gedanken an soziale Gerechtigkeit im Bildungssektor für Schwächere, Migranten oder Spätstarter vergessen.

Der Forderung nach einem deutschen Zentralabitur haben Sie sich nicht angeschlossen, wollen stattdessen einheitliche Bildungsstandards. Können die ausreichen, um bundesweit Maßstäbe zu setzen?

Um überhaupt bundesweit vergleichbare Abitur-Anforderungen formulieren zu können, ist es zwingend, dass man einheitliche Bildungsstandards für alle Bundesländer hat. Das heißt, vor einer Vereinheitlichung muss es überhaupt erst mal Vergleichbarkeit geben. Für das Abitur muss nach meiner Überzeugung gelten, dass wir nicht nur beschreiben, was durchgenommen wurde in der Schule, sondern Kompetenzen definieren, die Schülerinnen und Schüler am Ende ihrer Schullaufbahn erworben haben sollen. Nur das wird ein hohes Maß der geforderten Vergleichbarkeit schaffen. Und genau das hat die Kultusministerkonferenz auch nach meinem Vorstoß im August beschlossen.

Bundesweit einheitliche Abitur-Aufgaben wären aber zu viel der Gemeinsamkeit?

Bildungsföderalismus bedeutet Wettbewerb, und Wettbewerb um mehr Qualität ist immer sinnvoll. Außerdem ist es übereinstimmende Auffassung der gesamten Kultusministerkonferenz, dass man ohne vergleichbare Ausgangsbedingungen nicht vom grünen Tisch aus Aufgaben über Deutschland regnen lassen kann.

Am Dienstag hat die rheinland-pfälzische Kultusministerin verkündet, die Hauptschulen bis 2013 abzuschaffen. Wann ist es in Hessen soweit?

Ich halte nichts von veränderten Firmenschildern. Entscheidend ist doch, wie ein potentieller Haupt-oder Realschüler seinen Begabungen entsprechend bestmöglich gefördert werden kann. Rheinland-Pfalz hat ja auch nicht die Absicht, den Hauptschulabschluss abzuschaffen. Auch Hessen käme niemals auf diese Idee. Die SPD in Hessen und Nordrhein-Westfalen allerdings will die Hauptschulen kaputtmachen.

Was wollen Sie?

Der Anteil derer, die in Hessen einen Hauptschulabschluss machen, beträgt 25 Prozent, das ist eine große Zahl. Ich plädiere deshalb ganz klar für eine bestmögliche Förderung unserer Hauptschüler, denn jeder von diesen jungen Menschen hat ein Recht auf einen Arbeits- oder Ausbildungsplatz und die damit verbundene Anerkennung und Lebensqualität. Es ist unbestritten, dass wir in Deutschland immer noch sehr viel mehr spezifische Angebote für diese Jugendlichen brauchen. Als bundesweit anerkanntes Erfolgsprojekt kann man hier das hessische Schub-Modell nennen. In Schub-Klassen werden Jugendliche an zwei Tagen in Betrieben, an dreien in der Schule so außerordentlich gefördert und motiviert, dass eine sehr viel höhere Schüleranzahl als in normalen Klassen einen Hauptschulabschluss schafft. Die Hessische Landesregierung will deshalb Schritt für Schritt dafür sorgen, dass alle Hauptschüler Schub-Klassen besuchen. Denn durch den ständigen Kontakt mit Betrieben in den Schub-Klassen erhalten die meisten Jugendlichen nach ihrem Abschluss auch Anschluss im Berufsleben.

Dennoch: Wo Eltern verhindern können, ihre Kinder auf die Hauptschule zu schicken, tun sie es. Muss man daraus nicht Konsequenzen ziehen? Der Verband Bildung und Erziehung hat vorgeschlagen, Haupt- und Realschüler nach der Grundschule eine Zeit- lang gemeinsam zu unterrichten.

Ich sage doch, wir haben – mit ganz wenigen Ausnahmen – die verbundene Haupt- und Realschule in Hessen. Tatsache ist: In Klasse sieben haben wir durchschnittlich einen Hauptschüleranteil von 15 Prozent, am Ende der Schulzeit machen aber 25 Prozent einen Hauptschulabschluss. Das zeigt deutlich, dass es viele Kinder und Jugendliche gibt, die betriebsorientiert besser lernen als theoretisch – und für die haben wir die Verpflichtung, ein passgenaues Angebot zu schaffen. Und den Eltern können wir durch die Erfolge der Schub-Hauptschulen die Angst nehmen, ihre Kinder hätten als Hauptschüler keine Chance auf einen Ausbildungsplatz und auf gute berufliche Aussichten.

Von Finnland lernen, war ein oft gesagter Satz in den Bildungsdebatten der vergangenen Jahre. Der hessische SPD-Schatten-Kultusminister Rainer Domisch will seine Berufserfahrung aus Finnland hier einbringen. Wie finnisch kann Ihrer Meinung nach Hessen werden?

Mich hat in Finnland vor allem das hohe Ansehen und der Respekt begeistert, den das Lernen und die Schule genießen. Das führt unter anderem dazu, dass die Zahl der Bewerber für Lehramtsstudien immer viel höher ist als der Bedarf. Fasziniert hat mich auch die Begeisterung für das Lesen in der finnischen Gesellschaft.

Und die gemeinsame Schule bis zur neunten Klasse?

Diskussionen über Schulstrukturänderungen vernebeln den Blick auf das, was wirklich wichtig ist: jedes Kind und jeden Jugendlichen begabungsgerecht und individuell zu fördern. Denen, die heute ankündigen, sie wollten in Hessen die Einheitsschule und damit das Gymnasium, die Realschule und die Hauptschule plattmachen, denen entgegnen wir, dass wir dies entschieden bekämpfen werden. Wenn die Sozialdemokraten und Grünen das Schulwesen derart umbauen wollen, bedeutet das massiven Stress und Unruhe für Kinder und Lehrer in allen Schulen. Und es bedeutet vor allem schlechtere Chancen für die Kinder.

In einem seiner ersten Interviews hat Rainer Domisch gesagt, wenn die CDU ihn gefragt hätte, wäre er auch deren Kandidat geworden. Ist das nicht einer von vielen Hinweisen darauf, dass Ihre Partei in der Schulform-Frage längst nicht mehr geschlossen ist?

Ganz klar ist, dass es mit der Union nichts anderes geben kann als Wahlmöglichkeit für Eltern und unterschiedliche Förderwege für unterschiedliche Begabungen. Das ist bei anderen Personen und Parteien anders.

Stellen wir uns Hessen im Jahr 2020 vor: Ist das Schulsystem noch dreigliedrig?

Wir haben auch heute ein mehrgliedriges System, niemals nur ein dreigliedriges. Wir werden 2020 nach wie vor ein mehrgliedriges System und drei verschiedene Abschlüsse haben.

Stellen wir uns Hessen 2008 vor, die CDU wieder in Regierungsverantwortung. Sind Sie noch Kultusministerin?

Das bestimmen erstens die Wähler und Wählerinnen und zweitens der Ministerpräsident.

Das Gespräch führten Jacqueline Vogt und Matthias Trautsch.

Quelle: F.A.Z.
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Von Matthias Alexander

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