Der nächste Elfmeter muß sitzen. Zweimal hat der frühere Mittelstürmer des TuS Talle nach links gezielt und vergeben. "Probier's mit der rechten Ecke", rät einer der Zaungäste, die das Geschehen am Bruchwegstadion verfolgen. Der prominente Schütze läuft an, der Torwart sucht sich die linke Ecke aus, ein Schuß - und der Ball zappelt rechts im Netz. "Der war unhaltbar", behauptet Torhüter Dimo Wache anschließend, ohne die Miene zu verziehen. Unter Wettkampfbedingungen hätte es der Kapitän von Mainz 05 vielleicht anders gesehen. Aber wer will schon Spielverderber sein, wenn der Bundeskanzler mit einem kickt?
Die Mainzer Fußballprofis jedenfalls nicht. "Wir sind parteipolitisch neutral", sagt Vereinspräsident Harald Strutz. Die CDU-Kritik, der Besuch sei ein bloßes "Wahlkampfspektakel", könne er nicht nachvollziehen. Als FDP-Stadtratsmitglied gehöre er selbst zwar einer anderen politischen Couleur an, aber wenn sich der Kanzler ankündige, dann werde er auch gebührend empfangen. "Und wenn Frau Merkel will, darf sie auch kommen."
Jürgen Klopp wird die Einladung mit gemischten Gefühlen vernommen haben. Der Mainzer Trainer, eigentlich ein Medienprofi, war vom Rummel der Fernsehteams und Sicherheitsleute sichtlich mitgenommen. Manche "dieser Leute mit Knopf im Ohr" hätten ein Zweikampfverhalten an den Tag gelegt, wie er es sich von seiner Mannschaft nur wünschen könnte. Etwas geschockt wirkte Torjäger Fabian Gerber. Ein Leben als Berufspolitiker könne er sich nicht vorstellen: "Das wär' mir zu viel. Da bin ich lieber Fußballer."
Dabei dauerte der Auftritt nicht lange. Der Kanzler kam, verlor ein paar freundliche Worte über "Mannschaft und Fans, die in der Bundesliga einen echten Farbtupfer gesetzt haben", und bekam ein Trikot mit der Aufschrift "Acker" - seinem Spitznamen aus Bezirksligatagen - geschenkt. Nach rund 15 Minuten war der Troß von Limousinen, Polizeiwagen und mehr als 100 Journalisten wieder verschwunden.
Die Stippvisite am Bruchweg war der letzte Mainzer Programmpunkt einer eintätigen Rheinland-Pfalz-Reise Schröders. Zu Fuß war der Bundeskanzler am Vormittag von einem Hotel am Rhein zur Staatskanzlei gekommen. Die Sonne lachte, Schröder zeigte sich bester Laune und schüttelte die Hände der zumeist wohlgesonnenen Passanten. Nach einer "Abschiedstour" - die der rheinland-pfälzische CDU-Generalsekretär Claudius Schlumberger in dem Besuch erkennen wollte - sah das nicht aus.
In der Staatskanzlei hob Ministerpräsident Kurt Beck (SPD) hervor, daß die Einladung an Schröder nicht erst nach der Nordrhein-Westfalen-Wahl, sondern schon im Januar erfolgt sei. Von einem Wahlkampftermin könne also keine Rede sein. Ähnlich sah es offenbar der kleine Regierungspartner FDP. Ohne sichtbare Bedenken, Schröder vor der Bundestagswahl Schützenhilfe zu leisten, zeigte sich Fraktionschef Werner Kuhn mit dem Kanzler.
Nach dem obligatorischen Eintrag ins Goldene Buch ging es weiter ins Proviant-Magazin. In den Gewölberäumen des Deutschen Kabarettarchivs, das dort seit dem vergangenen Jahr beheimatet ist, wartete ein ausgesuchtes Publikum schon auf die Laudatio des Kanzlers für den Kabarettisten Gerhard Polt, der einen Stern auf dem "Walk of Fame des Kabaretts" erhielt. Daß der Platz, der für die Mainzer CDU-Bundestagskandidatin Ute Granold reserviert war, leer blieb, störte Schröder ebensowenig wie das tropische Klima in den Gewölberäumen. In einer launigen Rede sagte er, Polt bringe den Deutschen die Spezies des bayerischen Grantlers nahe. Bei ihm selbst sei das freilich nicht nötig: "Ich bin ja mit einer Bayerin verheiratet, die kann auch granteln."
Bei der anschließenden Enthüllung seines Sterns bedankte sich Polt mit einer Ansprache, in der er die Reden von Politikern bei ähnlichen Anlässen parodierte: "Jawohl, ich übernehme für das in mich gesetzte Vertrauen die volle Verantwortung", sagte er und: "Bitte erwarten Sie von mir jedwede Dankbarkeit." Mitleid mit den Persiflierten habe er nicht, sagte Polt nach der Feier: "Die haben sich das ja ausgesucht. Niemand ist gezwungen, Politiker zu sein." MATTHIAS TRAUTSCH

