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Junglandwirte Berufliches Glück zwischen Fleckvieh und Saatgut

Landwirt zählt nicht zu den bevorzugten Lehrberufen. Stefanie Riese und Benjamin Lind haben trotzdem Bauer gelernt. Und sind zufrieden.

© Rosenkranz, Henner Vergrößern Handfest: Junglandwirtin Stefanie Riese arbeitet auf einem Milchviehhof in Wächtersbach...

An Werktagen klingelt ihr Wecker um halb fünf. Mitten in der Nacht. Doch das macht Stefanie Riese nichts aus, wie sie sagt. Klar: „Ich schlafe auch gerne aus“, gibt sie zu. „Doch wenn es klingelt, stehe ich auch gleich auf.“ Die Schlummertaste zu drücken und noch ein paar Minuten zu schinden, brächte die 19 Jahre junge Frau aus Jossgrund nahe Bad Orb auch nur unnötig in Zeitnot. Denn um halb sechs soll sie mit ihrer Arbeit anfangen: auf einem Hof in Wächtersbach-Leisenwald, 30 Kilometer entfernt von zu Hause. Die Strecke fährt sie mit dem Auto - tagaus, tagein. Ein typisches Berufspendlerschicksal.

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Ihr Beruf ist dagegen gar nicht typisch für eine junge Frau aus dem Rhein-Main-Gebiet. Stefanie Riese ist gelernte Landwirtin. Dabei kommt sie nicht einmal aus einer Bauernfamilie. Zwar habe ihr Opa väterlicherseits auch Landwirtschaft betrieben, aber so richtig in Berührung kam die Tochter eines Berufskraftfahrers und einer Arzthelferin damit nicht: „Da war ich noch im Windelalter.“ Auch sonst war Landwirtin keine natürliche Berufswahl. Die junge Frau mit einem Pearcing rechts über der Oberlippe hat vielmehr einen Umweg in den Kuhstall genommen: „Es stand für mich fest, etwas mit Tieren zu machen.“ Sie hat mit ihrer Mutter überlegt, was sie machen könnte - und ist auf Tierarzthelferin gekommen. „Es war aber schwierig, eine Stelle zu finden.“

Doch nicht das einzige Mädchen

In der Folge bewarb sie sich bei einem Landwirt in ihrem Heimatort und bekam einen Ausbildungsplatz. Dort ging Riese das erste Jahr in die Lehre, bevor sie auf den Hof von Erhard Handke in Wächtersbach-Leisenwald kam. Auch dort blieb sie zwölf Monate. Ihr letztes Lehrjahr absolvierte Riese in Wächtersbach-Neudorf bei einem Milchviehbetrieb, dessen Besitzer sich auch der Nachzucht und der Bullenmast verschrieben hat.

Benjamin Lind - Der Frankfurter Landwirt erklärt, warum er Bauer geworden ist, obwohl er nicht aus einer Bauernfamilie kommt. © Rosenkranz, Henner Vergrößern ihr Kollege Benjamin Lind in einem Saatgutbetrieb in Frankfurt

Nach dem erfolgreichen Abschluss ihrer Ausbildung hat sie sich noch einmal mit Erhard Handke zusammengesetzt und ist jetzt bei der Handke GbR angestellt. Sie arbeitet die meiste Zeit in den Ställen des Betriebes, der 250 Fleckvieh-Milchkühe und 250 Jungtiere zählt. Ihr Zeugnis bekam Riese im Verein mit anderen Junglandwirten vor zwei Wochen in Alsfeld überreicht. 21 Lehrlinge zählte ihre Berufsschulklasse, darunter waren vier junge Frauen. „Ich dachte am Anfang, ich sei das einzige Mädchen, aber dann kamen doch noch drei hinzu“, blickt sie zurück. Wer sich für den Lehrberuf Landwirt entscheidet, kann zwischen vier Fachrichtungen wählen: Feldbau, Rinderzucht, Schweinezucht und Schafzucht.

Sinneswandel nach Schulabschluss

Im Laufe der in der Regel volle drei Jahre dauernden Lehre sollen die angehenden Landwirte betriebliche Abläufe auf einem Hof und wirtschaftliche Zusammenhänge ebenso kennenlernen wie Techniken und Organisation der betrieblichen Arbeit, der Produktion und der Vermarktung, wobei die Ausbildung auf den Höfen jeweils mindestens zwei Betriebszweige der Pflanzen- und der Tierproduktion abdecken muss, also zum Beispiel Mais-Anbau und Grünlandwirtschaft sowie Schweine- und Milchviehhaltung. In der Berufsschule sollen die Lehrlinge die Erfahrungen und das neu erworbene Wissen weiter vertiefen.

All das hat auch Benjamin Lind hinter sich. Wie Riese hat er gerade seine Lehre absolviert. Der 23 Jahre junge Mann aus Bruchköbel arbeitet aber nicht auf einem Milchviehhof, sondern in einem Betrieb, der Saatgut vermehrt und Getreideanbau im Norden Frankfurts betreibt. Mit Riese hat er nicht nur das Abschlussjahr gemein, auch sein Vater ist Kraftfahrer. Und mit Landwirtschaft hatte er „eigentlich nichts zu tun“ - auch wenn einer seiner Großväter einen Hof hatte. „Wenn ich gefragt wurde, ob den Hof übernehmen würde, habe ich immer gesagt: ,Nö’“, erzählt der Sohn einer Einzelhandels-Fachverkäuferin. Der Sinneswandel trat erst nach dem Hauptschulabschluss ein.

Zu müde zum Essen

Lind war gerade bei der Bundeswehr, als sein Onkel starb, der den Hof des Großvaters übernommen hatte. „Da standen wir vor einem Loch.“ In der Folge verabschiedete er sich vom Gedanken, Zeitsoldat zu werden, und machte auf einem Hof nahe Trier ein Praktikum, später schnupperte er in Nidderau in den Beruf des Landmaschinenmechanikers hinein. „Das war mir auf die Dauer aber zu langweilig.“ An der Berufswahl änderte das aber nichts. Das erste Jahr lernte Lind in einem Milchviehbetrieb in Gambach. Anders als Riese konnte er sich damit nicht anfreunden. Auch wegen der Entfernung zu seinem Wohnort bestand sein Tag weitgehend aus Arbeiten und Schlafen. „Manchmal hatte ich abends keine Lust etwas zu essen, weil ich so müde war.“

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Das änderte sich aber im zweiten Lehrjahr bei seinem Arbeitgeber in Nieder-Erlenbach. Saatgut und Zuckerrüben - „das ist es“ für Lind. In der Regel ist er neun Stunden auf dem Hof. In der Erntezeit fallen die Arbeitstage deutlich länger aus, dann muss seine Freundin eben ohne ihn in die Disco. Dafür nimmt sich der Junglandwirt, der 1200 Euro im Monat netto verdient, in der kalten Jahreszeit den Überstundenausgleich am Stück und hat einige Wochen frei. Viel Zeit für die Freundin und seine Reptilien, darunter Schlangen und Geckos. Stefanie Riese widmet sich in der Freizeit lieber Pferden als Reptilien. Freitags und samstags abends geht sie wie viele Gleichaltrige aus, wie sie sagt. „Ich vermisse nichts.“

Quelle: F.A.Z.

 
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