Montag, 12.15 Uhr, der Gong hat gerade zur sechsten Stunde geläutet, „Islamische Unterweisung“ steht auf dem Stundenplan – Sinan aber hat gerade ein ganz weltliches Problem. „Meine Wasserflasche ist ausgelaufen“, sagt der Schüler mit dem Pokémon-T-Shirt hilflos und zieht einen Pappordner aus seinem Ranzen.
Er hat Glück: Die Pappe ist an manchen Stellen ein wenig wellig, aber das bunte Bild von der Moschee in Istanbul und das Arbeitsblatt der vergangenen Woche hat das Wasser nicht erwischt. Sinan atmet auf. Jetzt kann er seine Aufmerksamkeit dem Lehrer schenken.
Der „Priester“ ist so etwas wie der Imam
In großen, runden Buchstaben schreibt Gönen Çibikci an die Tafel: „Moschee“ und, ein paar Zentimeter weiter, „Kirche“. Über Gotteshäuser sollen sie heute etwas lernen – Sinan, Safa und die anderen Dritt- und Viertklässler der Ascapha-Schule in Mainaschaff. Dort unterrichtet Çibikci seit September „Islamische Unterweisung in deutscher Sprache“. Schon seit 1974 arbeitet Çibikci an bayerischen Schulen: erst als Türkischlehrer für den „muttersprachlichen Ergänzungsunterricht“, nun auch als Lehrer für die Islamische Unterweisung.
Islamische Unterweisung, so heißt es im bayerischen Lehrplan, soll bei muslimischen Schülern ein „Religionsverständnis schaffen“. Für Çibikci bedeutet das vor allem, Basiswissen zu vermitteln: Darüber, dass Mohammed in Mekka geboren wurde und dass mit dem Zuckerfest das Ende des Ramadans gefeiert wird, zum Beispiel. Oder dass der Mann, der in der Kirche spricht, „Priester“ heißt und so etwas wie der Imam in der Moschee ist – der Unterricht soll möglichst oft zeigen, wie ähnlich sich die Religionen in vielen Punkten sind.
Çibikci hält ein Bild in die Höhe: eine Moschee mit vielen spitzen Türmen. „Was ist das?“, fragt der Lehrer mit dem dichten Schnurrbart. Elf Hände schnellen in die Höhe. Das wissen sie alle. Çibikci erklärt: Minarett, der Turm, Muezzin, der Gebetsrufer, und Minbar, die Kanzel einer Moschee. Später wird er einen Zettel mit diesen Begriffen zu den bunten Bildern und Postern an der langen Pinnwand neben der Tür hängen. „Allah ist überall und beschützt uns Menschen“ steht auf einem der Poster, daneben eine Zeichnung von lachenden Kindern, die sich an den Händen halten. Dass neben der Tafel nach bayerischer Manier ein schlichtes Holzkreuz hängt, fällt erst auf den zweiten Blick auf.
Beten nach der Uhr
Çibikci kramt in seinen Unterlagen. In langen Nächten hat er die Arbeitsblätter am Computer erstellt, Texte geschrieben und Bilder gezeichnet – Unterrichtsmaterialien für Islamkunde gibt es kaum. Auf dem Blatt, das er jetzt der Klasse zeigt, ist eine Kirche zu sehen, traditionell mit Kreuz und Wetterhahn. Esra in der hinteren Reihe kneift die Augen zusammen, um das Bild besser zu erkennen. „In Deutschland gibt es viele Kirchen“, sagt Çibikci. „Was gehört denn so zu einer Kirche?“
Özge meldet sich, und als sie nicht sofort aufgerufen wird, schnipst sie mit den Fingern. „Da oben auf dem Turm ist ein Kreuz.“ Çibikci lobt: „Genau, genau.“ Er nickt dabei so heftig mit dem Kopf, dass seine weißen Haare mitwippen. Dann verteilt er ein Arbeitsblatt. In zwei Spalten sollen die Schüler eintragen – „schön und sauber“ –, welche Begriffe zum Islam gehören und welche zum Christentum. Die Füller kratzen auf dem Papier, Özge tuschelt mit ihrer Banknachbarin: „Was war nochmal ,Minbar‘?“
Den Kindern eröffne die Islamkunde oft eine ganz neue Welt, sagt Çibikci. Ihre Eltern kämen aus der Türkei, Tunesien oder Afghanistan, sie selbst aber seien meist in Deutschland geboren. Natürlich wüssten sie schon viel über ihre Religion – aber oft nichts Genaues. So erzählt Safa zum Beispiel später, dass ihre Cousine eine Spezialuhr habe, die immer dann läute, wenn sie beten müsse. Dann wende sie sich in Richtung Mekka. Warum das so ist, weiß Safa nicht wirklich.
Lehrer sind keine Prediger
Solche Wissenslücken will Çibikci schließen. Denn nur wer seine Religion kenne, könne andere Religionen verstehen – und einen eigenen Glauben entwickeln. Bei dem zehnjährigen Sinan scheint das der Fall zu sein. Als er sein Arbeitsblatt ausgefüllt hat, lehnt er sich nach vorn zu Safa in der ersten Reihe. Seit einem Jahr bete er fünfmal am Tag, prahlt er. „Beten ist halt besser.“ Er kenne viele Gebete auswendig.
Ob die Kinder aber einen eigenen Glauben entwickeln oder nicht, muss Çibikci egal sein: Der Lehrplan schreibt vor, dass sich die Islamische Unterweisung auf eine reine Religionskunde beschränkt, der Lehrer darf nicht zum Glauben erziehen. Das will Çibikci auch nicht: „Wir sind hier nicht in der Moschee.“ Er könne den Kindern etwa erklären, warum Muslime während des Ramadans fasten – ihnen das aber nicht vorschreiben.
Diese Neutralität sei gut, vor allem in einer Klasse, in der die Schüler aus Ländern mit unterschiedlichen islamischen Glaubensrichtungen kämen. Und wenn eine Schülerin ihn fragt, ob sie ein Kopftuch tragen soll oder nicht? „Dazu darf ich nichts sagen.“ Er sei nur der Lehrer, ein Staatsdiener. Seine Aufgabe sei es, so zu unterrichten, dass die Kinder gern lernten.
Die Lage in Bayern
Rund 100.000 muslimische Kinder und Jugendliche werden nach Angaben des Kultusministeriums an den bayerischen Schulen unterrichtet. Grundsätzlich sollen die Schulen einen Alternativunterricht für die Schüler anbieten, die nicht den katholischen oder evangelischen Religionsunterricht besuchen. An vielen Schulen wurde deshalb das Fach „Ethik“ eingeführt. Vor allem an Grund- und Hauptschulen aber gibt es spezielle Angebote für muslimische Schüler.
Etwa 15 Prozent der Schüler muslimischen Glaubens besuchen einen solchen Islamkunde-Unterricht. 1986 wurde an bayerischen Schulen das Fach „Islamische Unterweisung in türkischer Sprache“ eingeführt. Hierbei soll den Schülern Wissen über den Islam und seine Geschichte neutral vermittelt werden. Der Lehrplan wurde gemeinsam vom Kultusministerium und Pädagogen erarbeitet. Im Schuljahr 2006/2007 besuchen 11.157 Schüler an rund 200 Schulen diesen Unterricht. Seit 2001 wird Islamische Unterweisung auch auf Deutsch erteilt. Auch hier steht die neutrale Religionskunde im Mittelpunkt. In diesem Schuljahr bieten 77 Schulen „Islamische Unterweisung in deutscher Sprache“ an. 3929 Schüler besuchen diesen Unterricht, der in den nächsten Jahren die türkische Islamkunde ersetzen soll.

