16.11.2008 · Der in Offenbach aufgewachsene Franco Marincola wirkt am Nationalen Integrationsplan der Bundesregierung mit und berät Kultusminister. Dass das Erlernen der deutschen Sprache der „Schlüssel zur Integration“ ist, steht für ihn außer Frage.
Von Anton Jakob Weinberger„Mein Vater konnte mir Italienisch beibringen, aber nicht Deutsch“, sagt Franco Marincola. Wenn der Geschäftsführer des italienischen CGIL-Bildungswerks, das in ganz Deutschland tätig ist, über die Integration von Zuwanderern spricht, ist die Erinnerung an die eigene Kindheit nah. Als Vierjähriger kam Marincola 1961 mit seinen Eltern nach Deutschland. Der Vater, ein Pianist, war wie viele andere „Gastarbeiter“ angeworben worden. „Als mich die Lehrerin am ersten Schultag in der Klasse vorstellte, sagte sie: Der Franco kommt aus Italien. Sein Papa arbeitet hier ein paar Jahre, dann geht er mit Franco zurück. Ich verstand nicht, was die Lehrerin sagte. Aber ich begriff, dass ich in der Schule Deutsch lernen muss. Meine Eltern wären überfordert gewesen.“
Eltern sind nur selten eine Stütze
Marincola, der in Offenbach zur Schule ging und 2003 mit dem Integrationspreis der Stadt ausgezeichnet wurde, weiß nicht nur aus eigenem Erleben, dass Eltern, ob sie aus Kalabrien oder Anatolien nach Deutschland gekommen sind, ihren Kindern beim Erlernen der deutschen Sprache selten eine Stütze sein können: Seit zwei Jahrzehnten erkundet das CGIL-Bildungswerk Wege, um Migrantenfamilien italienischer Herkunft oder anderer Nationalität bei der Integration in die deutsche Gesellschaft zu helfen.
Gegründet wurde das Bildungswerk, das seinen Sitz in Frankfurt hat, 1987. Büros gibt es in Offenbach, Berlin, Hamburg und Köln. Für Förderprojekte stehen im nächsten Jahr 1,5 Millionen Euro bereit, finanziert unter anderem von der Europäischen Union und vom Bund. Das Bildungswerk kümmert sich um Fünfjährige, die auf den Besuch der Grundschule vorbereitet werden sollen, ebenso wie um Erwachsene, die sich weiterbilden wollen.
Dass das Erlernen der deutschen Sprache der „Schlüssel zur Integration“ ist, steht für Marincola außer Frage. Doch hadert er damit, dass diese Erkenntnis nicht dort hinreichend umgesetzt wird, wo sie die größte Wirkung erzielen könnte: in der Schule. Marincola, der nach dem Besuch der Fachschule (Richtung „Technische Informatik“) ein Aufbaustudium absolvierte und Wirtschaftsingenieur wurde, hat denn auch diese Frage zum Thema der Gespräche gemacht, die die Migrantenvereinigungen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) führten. Als Vertreter des CGIL-Bildungswerks nahm Marincola in diesem Monat am „Dritten Integrationsgipfel“ teil. Seit 2006 wirkte er an der Erstellung des „Nationalen Integrationsplans“ mit.
Seine Erfahrungen und Vorschläge bringt Marincola in der Arbeitsgruppe ein, die sich mit der Integration von Zuwanderern in Schule und Beruf befasst. „Sprachförderung muss die Hauptaufgabe der Schule sein. Ich habe der Bundeskanzlerin gesagt, dass wir diese Aufgabe nicht den Eltern überlassen können und Sprachförderung in die Schulprogramme aufgenommen werden sollten“, sagt Marincola. Die Kanzlerin habe zwar Verständnis geäußert, doch auf die Zuständigkeit der Kultusminister verwiesen, denen sie das Thema auf den Tisch legen wolle.
Bundesregierung soll Druck auf die Länder machen
In dieser Frage weiß sich Marincola einig mit den Vertretern der anderen Migrantenvereinigungen, die am Nationalen Integrationsplan mitarbeiten. Von der Bundesregierung erwartet Marincola, dass sie „Druck auf die Länder macht“, damit diese mehr Geld und Lehrerstellen für die Sprachförderung von Migranten bewilligen. Sein Plädoyer hat Marincola auch den Kultusministern bereits vorgetragen, ist er doch Mitglied einer Arbeitsgruppe der Kultusministerkonferenz. Dass die Migrantenorganisationen bei der Sprachförderung ebenfalls Verantwortung übernehmen müssen, weiß der Chef des CGIL-Bildungswerks. Er verweist auf den umfangreichen Katalog von Selbstverpflichtungen, den die Migrantenorganisationen unterschrieben hätten. Ermutigt fühlt sich Marincola auch durch die im vergangenen Dezember veröffentlichte gemeinsame Stellungnahme der Kultusminister und Migrantenverbände.
Mit Projekten wie „Jumina – Junge Mi-granten in Ausbildung“ zeigt das CGIL-Bildungswerk, auf welche Weise Migrantenverbände und deutsche Einrichtungen – Kommune, Kammern, Schulen, Betriebe – zusammenarbeiten können, um Jugendlichen den Weg von der Schule in Lehre und Beruf zu ebnen. Auch mit zweisprachigen Programmen zur Ausbildung von Im- und Export-Assistenten hat das Bildungswerk Neuland betreten. Bisher gibt es schon Programme für Deutsch in Verbindung mit Türkisch, Italienisch oder Portugiesisch. Marincola ist überzeugt, dass die Muttersprache vieler Migranten zum „Mehrwert“ für die junge Generation der Zuwanderer und die deutsche Gesellschaft werden kann.
Anton Jakob Weinberger Jahrgang 1949, Korrespondent für die Rhein-Main-Zeitung mit Sitz in Offenbach.
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