16.08.2006 · Kein Grund zur Panik, wenn sich in Haus oder Garten Wespen oder Hornissen einquartiert haben, sagt Peter Tauchert. Derzeit ist der Wespenberater bei der Feuerwehr sehr gefragt.
Von Nicolas WolzEin schwarz-gelber Schwarm stürzt sich plötzlich auf den Eindringling und attackiert ihn mit wütenden Stichen. Peter Tauchert hatte ein Stück der aus Holz und Speichel kunstvoll geformten Außenhülle herausgebrochen. Das aber ist für die Hornissen der Verteidigungsfall und Auslöser zum Angriff. Zunächst hatte das Nest noch harmlos unter der Decke des kleinen Verteilerhäuschens des Versorgungsunternehmens gehangen. Auf den ersten Blick ließ sich nicht erkennen, ob es bewohnt war.
Tauchert kann in dem weißen Schutzanzug und mit der Imkermaske nichts passieren. Trotzdem sei es immer wieder ein komisches Gefühl, erzählt er später. Er ignoriert die Angreifer, und mit einem umgebauten Staubsauger zieht er nun die Hornissen in einen kleinen Käfig. Den Boden darin hat er gepolstert, damit die Tiere sich beim Aufprall nicht verletzen. Nach wenigen Minuten ist das Nest leer. Tauchert löst es behutsam von der Wand und klebt es draußen in einen Nistkasten aus Holz. Den Kasten nimmt er mit zu sich nach Hause nach Rodgau-Jügesheim und hängt ihn hinten im Garten an eine Wand. Dort pumpt er die Hornissen mit seinem Sauger aus dem Käfig in den Nistkasten. Nach kurzer Zeit erkennen die Tiere ihr altes Nest und ziehen ein - Umsiedlung geglückt.
Tauchert ist Wespenberater. Im Hauptberuf Einsatzleiter bei der Frankfurter Feuerwehr, informiert und berät er seit 13 Jahren ehrenamtlich Bürger im Kreis Offenbach, wenn sie sich von Wespen, Bienen oder Hornissen bedroht fühlen. Seit er im Internet eine Homepage zu dem Thema eingerichtet hat, bekommt er Anfragen von überall her. Zur Zeit sind seine Dienste gefragt wie nie. „Von Anfang Mai bis Ende August ist die Hoch-Zeit der Wespen und Bienen. Dieses Jahr war im Juli besonders viel los.“ Zwei- bis dreimal pro Tag klingelte im vergangenen Monat bei Tauchert das Telefon. In den meisten Fällen, sagt er, habe er den Leuten im Gespräch die Angst vor den Wespen nehmen und sie davon überzeugen können, noch die wenigen Wochen bis zum Herbst abzuwarten.
Im Grunde völlig harmlos
Dann sind die Nester der „Deutschen Wespe“ und der „gemeinen Wespe“ - der einzigen beiden Arten, die dem Menschen Ärger machen - wieder leer. Denn Wespen und Hornissen leben nur einen Sommer lang. Allein die jungen Königinnen überwintern anderswo an einem geschützten Ort, kehren im Frühjahr aber nicht wieder zu ihrem alten Nest zurück, sondern gründen an anderer Stelle einen neuen Staat.
Tauchert sieht es als seine Hauptaufgabe an, die Menschen darüber aufzuklären, daß die schwarz-gelben Insekten im Grunde völlig harmlos seien. Nicht nur das: Wespen und Hornissen seien sogar sehr wichtig für das Ökosystem. So vertilge ein durchschnittlicher Wespenstaat pro Tag etwa ein halbes Kilogramm Fliegen, Mücken, Raupen, Motten und Spinnen. Und nur in äußerster Bedrängnis griffen sie Menschen an. Wenn man hektische Bewegungen vermeide, sich nicht an den Nestern zu schaffen mache und nichts Süßes offen herumstehen lasse, habe man nichts zu befürchten. „Es gibt keinen Grund, in Panik zu verfallen, wenn sich im Haus oder im Garten Wespen oder Hornissen einquartiert haben.“ Selbst wenn man gestochen werde, könne nicht viel passieren. Gefährlich werde es erst bei mehr als 100 Stichen pro Kilogramm Körpergewicht. Ein 80 Kilogramm schwerer Mann müsse also schon von mehreren tausend Tieren gleichzeitig gestochen werden, um ernsthaft in Gefahr zu geraten. Das sei aber praktisch ausgeschlossen.
Anders verhält es sich bei Allergikern: Hier kann schon ein einziger Stich lebensbedrohlich sein. Zwar reagierten nur zwei bis drei Prozent der Bevölkerung allergisch auf den Stich einer Wespe oder Biene, sagt Wolf-Henning Boehncke, Professor für Dermatologische Allergologie und Immunologie an der Uniklinik in Frankfurt. „Theoretisch kann aber jeder Mensch mit dem zweiten Stich zum Allergiker werden, nachdem der Erstkontakt das Immunsystem für das Wespengift sensibilisiert hat.“ Eine Wespenallergie sei eine Art Zeitbombe - allerdings eine, die sich relativ problemlos entschärfen lasse. „Eine Wespenallergie kann man mittlerweile genauso einfach heilen wie einen Heuschnupfen.“ Die Betroffenen müssen sich dazu allerdings für einige Tage einer Immuntherapie im Krankenhaus unterziehen. Trotz der hohen Erfolgsquote von rund 80 Prozent, bedauert Boehncke, sei das Wissen um diese Form der Therapie leider noch immer nicht besonders weit verbreitet.
Wespen zu töten ist verboten
Wenig bekannt ist auch, daß Wespen, Bienen und Hornissen unter Naturschutz stehen. Sie zu töten oder ihre Nester zu beschädigen ist streng verboten. Für die vom Aussterben bedrohten Hornissen gilt überdies das Artenschutzgesetz. Wer dagegen verstößt, kann mit einer Geldbuße von bis zu 50.000 Euro bestraft werden. Ein Nest samt der Tiere vernichten dürfen nur Spezialisten der Feuerwehr und professionelle Schädlingsbekämpfer. Bei Hornissen ist dazu wie auch zum Umsiedeln stets eine Genehmigung der Unteren Naturschutzbehörde erforderlich.
„Wir greifen aber nur zum Gift, wenn es sich überhaupt nicht vermeiden läßt“, sagt Carsten Wind, Insektenberater bei der Frankfurter Feuerwehr. Dann, wenn zum Beispiel Wespen ihr Nest an einer schwer zugänglichen Stelle in einem Kindergarten oder Krankenhaus gebaut hätten, bleibe oft keine andere Wahl. „In erster Linie verstehen wir uns jedoch als Tierretter.“ Bis zu fünf Wespeneinsätze am Tag leistet die Feuerwehr Frankfurt während der Sommermonate. Eine Beratung am Telefon oder vor Ort ist unentgeltlich. Die Umsiedlung oder die Vernichtung eines Nests kostet den Anrufer pauschal 145 Euro.
Ehrenamtliche Wespenberater wie Tauchert dagegen arbeiten für eine geringe Aufwandsentschädigung. „Etwa 80 Prozent aller Nester lassen sich problemlos umsiedeln“, sagt er. Natürlich kann Tauchert nicht alle Nester in den eigenen Garten verlegen. Die meisten Nistkästen bringt er nach Absprache mit der Gemeinde oder dem Naturschutzbund in den Wald oder auf Streuobstwiesen. Bisweilen melden sich aber auch Privatleute bei ihm mit der Bitte, ein Wespen- oder Hornissennest als Insektenfänger in ihrem Garten anzusiedeln - was des einen Leid, ist in diesem Fall des anderen Freud'. Obwohl Tauchert, der für seine ehrenamtliche Arbeit 1999 mit dem Umweltpreis des Kreises Offenbach ausgezeichnet wurde, ein geradezu zärtliches Verhältnis zu Wespen, Bienen und Hornissen pflegt, hat auch seine Insektenleidenschaft Grenzen. Jedenfalls würde er nie so weit gehen wie ein befreundeter Wespenliebhaber, der seine Wespen nicht nur täglich füttert, sondern ihnen für die kälteren Tage des Jahres einen ganz speziellen Komfort bietet: einen Nistkasten mit eingebauter Heizung.
Wer ein Wespen- oder Hornissennest in Haus oder Garten entdeckt, sollte zunächst einmal Ruhe bewahren. Solange die Tiere sich nicht bedroht fühlen, greifen sie den Menschen nicht an. Im Rhein-Main-Gebiet gibt es zahlreiche Wespenberater, die bei Problemen informieren und helfen. In Rodgau ist Peter Tauchert unter der Nummer 01 72/9 65 91 98 oder im Internet unter www.aktion-wespenschutz.de zu erreichen.
Weitere Adressen und Informationen hält der hessische Landesverband des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND) im Internet unter www.bund-hessen.de bereit. Auch die Kommunalverwaltungen und die Unteren Naturschutzbehörden helfen weiter. Bürgern der Stadt Frankfurt steht außerdem das Umwelttelefon des Umweltamts unter der Nummer 0 69/2 12- 3 91 00 zur Verfügung. Bei allergischen Reaktionen nach einem Stich wendet man sich am besten unverzüglich an den Rettungsdienst unter der Rufnummer 1 12.