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Im Porträt: Koziol Mit Camilla, Gina und Tweetie auf Kundenfang

04.08.2009 ·  Koziol stellt in Erbach aus Kunststoff allerlei Nützliches für den Haushalt sowie Geschenkartikel her. Mit seinen bunten Kreationen wächst der Mittelständler in Deutschland und trotzt der allgemeinen Rezession.

Von Thorsten Winter, Erbach
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Der Rüssel gleitet in die blaue Tonne und saugt farblose Körnchen ein. Die Krümel vermischen sich unter Hitze mit einer grüngelben Flüssigkeit. Diese farbige Masse schießt anschließend in eine stählerne Form, die aus der Masse etwas Brauchbares macht. In diesem Fall eine Schüssel für Küche oder Garten. Palsby nennt der Hersteller Koziol ähnliche Produkte. Koziol mit Sitz in Erbach bietet schon allerlei Palsbys an: in Erdbeerrot, Grasgrün, Weiß, Wasserblau oder Schwarz – aber noch nicht in Gelbgrün. Diese Variante will das Odenwälder Familienunternehmen nächsten Sommer auf den Markt bringen, sofern die Farbe den Geschmack der Abnehmer trifft. Der Chef gibt sich zuversichtlich: „Wir treffen den Sommerfarbton meistens richtig“, sagt Stephan Koziol.

Der Mann mit kurzen grauen Haaren, Vollbart und randlosen Brillengläsern führt den Betrieb in zweiter Generation, nennt sich aber nicht Geschäftsführer. Vielmehr steht Glücksbringer auf seiner Visitenkarte. Nimmt der gelernte Elfenbeinschnitzer doch für Kozial-Produkte in Anspruch, dass sie glücklich machen, indem sie Nützlichkeit und ein Design, das ein Lächeln herbeizaubert, verbinden. „Emotionale Produkte“ nennt er das, was die Käufer zum Beispiel als Gießkanne Camilla, Spaghettiheber Gina, Gemüsebürste Tweetie oder Luftbefeuchter-Gespenst Balduin kennt. Bevor Balduin 1996 auf den Markt kam, gab es ähnliche Produkte zuhauf – aber nicht aus Plastik und schon gar nicht in dieser Form. „Das ist das Thema Innovation“, sagt Koziol, nach dessen Worten mehrere hunderttausend Stück des feuchtigkeitspendenden Geistes verkauft worden sind.

Vorlaufkosten in sechsstelliger Höhe

Hohe Stückzahlen braucht das Unternehmen auch. Denn von der Idee bis zum Produkt ist ein weiter und kostspieliger Weg. 30.000 bis 100.000 Euro verschlingt die notwendige Form aus Stahl, aus der ein Produkt entsteht – dieselbe Summe geht für das Marketing drauf, wie Koziol sagt. Anders gesagt: Bevor ein Schuhlöffel oder ein Handtuchhalter in Laden liegt, muss die Firma bis zu 200.000 Euro in den Vorlauf stecken Im Mittel sind es etwa 100.000 Euro und in der Summe mehrere Millionen Euro im Jahr. Denn das Unternehmen bringt es auf rund 50 Formen binnen zwölf Monaten. Nicht zu vergessen die eine halbe Million Euro teure Maschine, mit der Koziol die Formen selbst herstellt. Im Archiv liegen 12.000 Formen, wie der Chef berichtet. „Wenn man nichts damit macht, ist es Alteisen“, fügt er hinzu. Weil totes Kapital sich nicht auszahlt, müssen mit altem Eisen immer wieder neue Produkte fabriziert werden.

Dabei kommt nicht jede neue Idee am Markt auch an. „Der Markt sagt zu einem Fünftel der Produkte regelmäßig Nein“, bekennt Koziol. Was aber nicht völliges Scheitern bedeute. So habe sich etwa die Babell genannte Etagere als Spätzünder erwiesen, ebenso das Schuhlöffel James, der sich zum Verkaufsschlager in Japan entwickelt habe. Diesen Status erreichten meist zwischen zehn und 30 Prozent der Neuheiten.

Die meisten Produkte verkauft Koziol in Europa, 70 Prozent außerhalb Deutschlands und 15 Prozent außerhalb Europas, wobei Deutschland der größe Markt ist, wie der geschäftsführende Gesellschafter sagt. Auf „mindestens fünf Millionen“ beziffert er die Zahl der Artikel, die das Werk in Erbach im Jahr verlassen.

„Glücksfabrik“ im Bau

Und wie schlägt sich der Mittelständller in dieser Rezession? „Wir erleben erstaunlicherweise in Deutschland eine positive Entwicklung“, sagt Stephan Koziol. Über den Jahresumsatz schweigt er sich aus: „Wir machen nur einen Krümel am gesamten Markt“, meint der Chef von rund 170 Mitarbeitern bescheiden, strahlt andererseits aber auch viel Selbstbewusst aus. Koziol sei der einzige Anbieter, der auf jeder Frankfurter Frühjahrsmesse vertreten gewesen sei. „Wie haben die Weltwirtschaftskrise überlebt und werden auch diese Rezession überstehen.“

Seinerzeit bauten die Beschäftigten aus Mangel an Aufträgen ein neues Gebäude – dieses Mal richtet Koziol, obwohl die Mitarbeiter nicht Däumchen drehen, eine „Glücksfabrik“ ein. So nennt der Chef den Anbau, in dem die Innovationskraft und die Geschichte des Betriebs von Ende Oktober an greifbar werden sollen. Dort sollen die Besucher unter anderem einen Einblick in die Produktion nehmen und die Entwicklung der Traumkugeln, mit denen das Unternehmen bekannt wurde, nachvollziehen können, aber auch Karaoke singen. Und kaufen natürlich: Produkte, die entstehen, nachdem ein Rüssel farblose Körnchen eingesaugt und mit Farbe vereint hat.

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Jahrgang 1967, Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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