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Im Gespräch: Takata-Petri-Chef Binder „Arbeitskosten in Rumänien bei einem Neuntel der hiesigen“

 ·  Der Autozulieferer Takata-Petri will seine Lenkradproduktion in Aschaffenburg aufgeben. Der Vorstandschef hält trotz breiter Proteste auch von Kirchen und Politikern an seiner Entscheidung fest. Sie sei ohne Alternative.

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Der Autozulieferer Takata-Petri will seine Lenkradproduktion in Aschaffenburg aufgeben. Der Vorstandschef hält trotz breiter Proteste auch von Kirchen und Politikern an seiner Entscheidung fest. Sie sei ohne Alternative, sagt er im folgenden Interview mit der Rhein-Main-Zeitung.

Sie sind seit neun Jahren Vorstandsvorsitzender von Takata-Petri und haben bereits die dritte große Entlassungswelle angekündigt, wie immer mit dem Argument, damit die Zukunftsfähigkeit des Unternehmens zu sichern. Langsam entsteht der Eindruck, dem Management falle außer Kündigungen und Produktionsverlagerungen in Billiglohnländer nichts ein.

Für jemanden, der sich mit der Sache nicht beschäftigt, kann der Eindruck mitunter entstehen. Wer sich aber tiefer mit dem Problem Lenkrad beschäftigt, hat eher Verständnis. Wir haben aber neben dem Lenkrad ein sehr breites Produktportfolio (Airbags, Sicherheitsgurte, Generatoren, Elektronikteile). In den neun Jahren hat sich unsere Belegschaft in Europa auf 12.000 verdoppelt. In Deutschland haben wir mittlerweile 3200 Beschäftigte, die Hälfte davon ist in Aschaffenburg tätig.

Macht 1600, früher hatten Sie in Aschaffenburg mal 2500 Mitarbeiter.

Das ist richtig. Um als Unternehmen wirtschaftlich zu überleben, mussten wir die Lenkradserienproduktion in mehreren Schritten verlagern beziehungsweise wollen den Rest noch verlagern. Bei der Airbagproduktion in Aschaffenburg haben wir hingegen keine Probleme. Es handelt sich um ein Produkt- und nicht um ein Standortproblem. Lediglich die Lenkradfertigung hat uns in den vergangenen Jahren Verluste gebracht.

Können Sie die beziffern?

Verluste in Millionenhöhe. Zurück zu Ihrem Vorwurf: Es ist falsch, wenn uns vorgehalten wird, wir hätten uns nichts einfallen lassen. Wir haben neue Schichtmodelle eingeführt, Taktzeiten verändert, Prozesse wesentlich effizienter gestaltet und neue Produktionsmethoden eingeführt. All das hat nicht zur Wende ausgereicht. In diesem Jahr kommen noch weitere Faktoren hinzu. Wir haben die dramatischste Krise in der Automobilindustrie seit dem Zweiten Weltkrieg. Takata-Petri hat im ersten Halbjahr ein Drittel weniger Umsatz gemacht. Da müssen wir reagieren. Im Ausland haben wir seit Beginn der Krise im letzten Herbst schon 2000 Stellen abgebaut und ein Lenkradwerk in Polen komplett geschlossen. Künftig wollen wir die Lenkradfertigung in Rumänien konzentrieren, wo wir derzeit 3000 Mitarbeiter beschäftigen.

Laut Gewerkschaft beträgt der Personalkostenanteil an einem Lenkrad nur drei bis zehn Prozent. Wieso kann die Produktion nicht in Aschaffenburg bleiben?

Das ist eine vereinfachte Betrachtungsweise, die auf den ersten Blick schlüssig ist, aber einer betriebswirtschaftlichen Nachprüfung nicht standhält. Nicht nur der direkte Lohn muss betrachtet werden, sondern auch der indirekte. Dann sieht die Lohnbetrachtung schon ganz anders aus. In Aschaffenburg müssen wir eine ganze Infrastruktur bereitstellen, um eine relativ geringe Produktionsmenge an Lenkrädern zu erbringen. Das rechnet sich nicht. Hinzu kommt, dass die Mehrzahl der Lenkräder beledert wird. Das ist hier ohnehin nicht machbar, weil es viel zu teuer ist. Der Kunde zahlt uns das nicht.

Wie hoch ist die Differenz bei den Löhnen zwischen Deutschland und Rumänien?

Die Arbeitskosten in Rumänien sind ein Neuntel der hiesigen Lohnkosten. Wir zahlen dort etwa drei Euro pro Stunde, hier sind es 23 bis 27 Euro.

Ist die Verlagerung der Lenkradproduktion nach Rumänien und der damit verbundene Abbau von 335 Stellen in Aschaffenburg unumgänglich?

Ja. Wir können es uns nicht erlauben, weiter Verluste zu machen. Sie ist wirtschaftlich ohne Alternative.

Im Jahr 2000 wurde der Aschaffenburger Traditionsbetrieb Petri von Takata übernommen. Seitdem wurden 1100 Stellen abgebaut. Jetzt sollen weitere 335 folgen. Wie sicher ist der Standort Aschaffenburg?

Das ist doch der Punkt. Das Sparprogramm sichert auch die 1300 noch verbleibenden Arbeitsplätze. Wir haben in Aschaffenburg eine Airbagproduktion mit knapp 600 Mitarbeitern, die von dem Sparprogramm nicht betroffen ist. Daran sehen Sie, uns geht es nicht darum, in Aschaffenburg nicht produzieren zu wollen, sondern wir tun das sehr erfolgreich mit dem Airbag. Das Kompetenzzentrum für Lenkräder bleibt in Aschaffenburg. Hier entstehen weiterhin Produkt- und Prozessinnovationen. Die enge Kombination von Entwicklung und Fertigung beim Lenkrad ist auch in Zukunft gegeben. Produktionsplanung, Werkzeug- und Musterbau bleiben am Standort. Eine Mindestkapazität für das Gießen und Schäumen wird aufrechterhalten.

Ihnen wird vorgeworfen, Sie würden die Wirtschaftskrise nur als Vorwand benutzen, um eine Marktbereinigung vorzunehmen. Was sagen Sie dazu?

Das ist blanker Unsinn. Was heißt denn Marktbereinigung? Die wird gemacht zwischen Konkurrenten. Wir nehmen hier nichts zum Vorwand. Das ist eine Entscheidung gewesen, die uns extrem schwergefallen ist. Uns ist doch auch bewusst, was das für die Mitarbeiter bedeutet, wenn sie arbeitslos werden. Wir machen das doch nicht leichtfertig, sondern der Stellenabbau ist das letzte Mittel, zu dem wir greifen mussten.

Die IG Metall hat die Aktion "Eine Region steht auf" gestartet. Erwarten Sie einen heißen Herbst?

Ich weiß nicht, wie sich die Situation entwickeln wird. Wir wollen jedenfalls auf dem Verhandlungsweg gemeinsam gangbare Lösungswege finden.

Der Stadtdekan Stefan-Bernhard Eirich hat Ihnen jüngst vorgeworfen, die Arbeitnehmer geringzuachten und "in Zahlen aufzulösen". Das sei unmoralisch, weil nicht das Wohl der Beschäftigten, sondern das Kapital im Vordergrund stehe.

Ich bin wirklich traurig, wenn solche Äußerungen von einem Kirchenvertreter kommen. Vielleicht sollte er sich erst mit der Sachlage vertraut machen. Produktionsstrukturen zu erhalten, die nicht überlebensfähig sind, wäre der falsche Ansatz. Dann wären in der Zukunft noch mehr Menschen betroffen. Wir sind in der stärksten Krise der Automobilindustrie. Wir werden erleben, dass es in Deutschland auch bei anderen Automobilzulieferern vermehrt Entlassungen geben wird.

Die Fragen stellte Agnes Schönberger.

Quelle: F.A.Z.
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