28.01.2010 · Hofheims Bürgermeisterin Gisela Stang findet, dass ihre Partei nach einem sehr harten Jahr wieder gestärkt ist. Thorsten Schäfer-Gümbel hält sie 2013 für den geeigneten Spitzenkandidaten.
Seit knapp einem Jahr sind Sie Hoffnungsträgerin der hessischen SPD – was hat sich seitdem für Sie verändert?
Ich habe viele neue Erfahrungen machen müssen und machen können. Als Quereinsteigerin auf dieser Ebene, die nie in der Landespolitik unterwegs war, konnte ich den Blick über meine konkrete Arbeit in Hofheim hinaus weiten und mich den Lebenswirklichkeiten der Menschen in Mittel- und Nordhessen stellen. Wie ich bei vielen Veranstaltungen feststellen konnte, bewegen die Menschen dort ganz andere Themen.
Welche?
Der demographische Wandel findet dort nicht irgendwann, sondern derzeit statt. Und die finanzielle Lage der Kommunen und der Bürger ist viel dramatischer als im Rhein-Main-Gebiet.
Ist die hessische SPD noch zu retten?
Wir standen vor dem Auseinanderbrechen und sind nach einem schwierigen Jahr wieder da. Doch mit vielen Gesprächen und vertrauensbildenden Aktivitäten haben wir es wieder geschafft, das Tal zu verlassen. Wenn ich an den SPD-Hessengipfel im Friedewald denke, wo Vertreter aus Kommunen bis zum Europaparlament abends sehr gemütlich zusammen- saßen und einen guten Umgang untereinander pflegten, dann zeugt das im Ergebnis von guter Vorstandsarbeit.
Wenn sich eine Partei nur mit sich selbst beschäftigt, kann sie dann überhaupt noch Lösungen zu wichtigen gesellschaftlichen Fragestellungen bieten?
Es war unbedingt notwendig, dass wir zunächst in der Partei wieder eine neue Gesprächskultur aufgebaut haben. Wir konnten nicht einfach zur Tagesordnung übergehen – sonst gibt es die SPD irgendwann nicht mehr, oder sie läuft nur noch unter „ferner liefen“. Eine Partei muss erstmal wissen, wo sie steht.
Und wo steht Hessens SPD jetzt im Moment?
Wir stehen Mitte links.
Würden Sie sich selbst als Linke bezeichnen?
Ich bin über die Etiketten links und rechts nicht sehr glücklich. Linke Positionen habe ich, wenn es darum geht, die Chancengleichheit bei Kindern einzufordern. In Fragen der Wirtschaft und Strukturfragen bin ich eher konservativ, pragmatisch veranlagt.
Die Öffentlichkeit hat die neue stellvertretende Landesvorsitzende Stang eher wenig wahrgenommen – war das absichtlich?
Meine erste Priorität liegt zunächst einmal immer in Hofheim. Für meine landespolitische Arbeit musste ich erst ein Netzwerk aufbauen. In meinem ersten Jahr ging es darum, als Neue in diesem Gremium die Mitstreiter kennenzulernen und kommunale Belange in die Landespolitik zu tragen.
Sind Sie von den SPD-Landtagsmitgliedern mit offenen Armen aufgenommen worden?
Ein gegenseitiges Beschnüffeln fand schon stand – aber da ich zweimal eine Bürgermeisterwahl in Hofheim gewonnen hatte, war ein gewisser Bekanntheitsgrad da, aber natürlich muss man argumentieren und seine Position darlegen und engagiert vertreten. Thorsten Schäfer-Gümbel sagt immer, er gehöre nicht zum diplomatischen Corps – das strebe ich auch nicht an, ich will kritische Stimmen auch in die Partei tragen.
Sind die innerparteilichen Gräben unterdessen zugeschüttet?
Die Verletzungen sind sehr unterschiedlich, und es gibt auch Menschen, die das im Jahr 2008 Geschehene nicht verwinden können. Wenn ich aber so über die Lande ziehe, sehe ich, dass wir wieder arbeitsfähig sind und sich die Landtagsfraktion gut als Oppositionspartei etabliert hat. Die SPD muss sich ihrer Geschlossenheit und ihres Profils einfach bewusst werden.
Welches Profil hat Hessens SPD?
Wir müssen noch deutlicher machen, dass soziale Gerechtigkeit nichts Abstraktes ist, sondern direkt mit der Lebenswirklichkeit zu tun hat. Hohe Schulabbrecherquoten und ein besonders hoher Anteil von Migrantenkindern in den Sonderschulen – damit dürfen wir uns nicht abfinden. Hier muss und wird die SPD aktiv werden.
In Hofheim haben Sie als Moderatorin von Politik immer am meisten erreicht – ist dies nun ein Patentrezept für Ihre Parteiarbeit?
Sicherlich war dies die Aufgabe des ersten Jahres, dass Mitglieder mit verhärteten, entgegensetzten Positionen wieder Zugänge untereinander finden. In diesem schwierigsten Jahr der SPD in jüngster Zeit habe ich als Neuling auch schmerzhafte Fragen gestellt. Das war notwendig, um Barrieren aufzubrechen und unbefangen auf alle Mitglieder zugehen zu können.
Gilt Ihre Gesprächsbereitschaft auch für Jürgen Walter?
Ich rede immer mit allen. Es gab einen Kontakt mit Jürgen Walter, aber er wollte den Weg nicht wieder zurück in die SPD finden. Es ist schmerzhaft, zu erleben, dass ein einst so wichtiger Mitstreiter sich selbst dermaßen ins Abseits stellt. Wenn auf einer Seite der Wille zur Annäherung fehlt, ist auch nichts mehr mit guten Worten zu erreichen.
Sollte die SPD nach dem Rückzug von Lafontaine ihr Verhältnis zu den Linken neu bewerten?
Wenn wir etwas gelernt haben aus dieser innerparteilichen Zerreißprobe, dann dass wir aus der für Hessen damals vorherrschenden Bunkermentalität heraus- müssen: Der Wähler hat das erste Wort – Punkt. Es liegt an uns, Koalitionen mit größtmöglichsten Schnittstellen zur eigenen Politik zu bilden.
Und wenn der Wähler wieder eine Vorlage für Rot-Rot-Grün gäbe, wäre das dann Ihre Koalition?
Da würde ich genauso zustimmen wie zu einer großen Koalition von CDU und SPD, falls der Wähler das wollte. Aber solche Diskussionen sind derzeit müßig.
Wünschen Sie sich einen Landtagswahlkampf 2014 gegen Roland Koch oder ohne ihn?
So wie Koch den rechten Rand bedient und stark polarisiert, kann es uns nur lieb sein, wenn er wieder antritt. Aber eigentlich ist es uns gleich, die CDU Hessen gibt genügend Angriffspunkte und Möglichkeiten, uns gut zu positionieren.
Wie ist heute Ihr Verhältnis zum Vorsitzenden Thorsten Schäfer-Gümpel?
Er hat mich gerade heute Morgen um kurz nach sieben Uhr angerufen, wir telefonieren täglich, zum Glück nicht immer so früh. Wir Kommunalpolitiker sind ja eher Nachtarbeiter, und mir wären deshalb nächtliche Diskussionen mit ihm lieber, aber da passt unser Biorhythmus noch nicht so ganz zusammen. Ich habe absolutes Vertrauen zum Vorsitzenden und er zu mir, wir können uns alles sagen.
Ist Schäfer-Gümpel für 2014 der richtige SPD-Spitzenkandidat?
Unbedingt. Er hört zu, baut Brücken und ist überzeugend und kann sich gut in Themen einarbeiten.
Ergänzen Sie bitte den Satz: Im nächsten Landtag sitze ich als . . .
. . . als begeisterte Zuhörerin. Ende 2013 endet meine zweite Amtszeit als Bürgermeisterin, erst dann werde ich für mich entscheiden, ob ich ein drittes Mal antrete. Ich finde mein Leben derzeit einfach spannend. Als Bürgermeisterin kann ich Dinge umsetzen, ohne gleich das ganz große Rad drehen zu müssen. In der Landespolitik bin ich als Kommunalpolitikerin gefragt. Denn die Landespolitik muss auch die Antwort darauf geben, wie es in unseren Kommunen weitergehen soll. Es ist meine Aufgabe, hier Impulse in die Landes-SPD zu tragen.
Werden Sie in Hofheim anders wahrgenommen, seit Sie stellvertretende SPD-Landesvorsitzende sind?
Es gab sehr spontane Beifallsbekundungen von Bürgern, die sich freuten, dass „unsere Bürgermeisterin“ das nun macht. Auch fallen tolle Hofheimer Projekte landesweit nun eher auf. So werde ich demnächst einen Vortrag bei der Friedrich-Ebert-Stiftung halten.
Und die hiesige CDU hat Angst vor einer möglichen Landratskandidatin Stang. Stehen Sie da nicht bei Ihrer Partei mit einer Kandidatur in der Pflicht?
Ich mache das, was ich ausfüllen kann und gerne mache, und das ist das Hofheimer Bürgermeisteramt. Es gibt nur eine Aufgabe, die mich ebenso reizen würde – das Amt einer Kulturministerin. Kultur hat so viel Potential und Kraft, aber wird in Hessen leider stiefmütterlich behandelt.
Die Fragen stellte Heike Lattka.