Home
http://www.faz.net/-gzl-vwo2
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Hochwasser Immer wieder Land unter im Taunus

03.10.2007 ·  Was kann man tun, um Hochwassern vorzubeugen, die theoretisch nur alle 100 Jahre vorkommen, vor vier Jahren aber Eppstein überfluteten? Der Hochwasserschutz erfordert massive Eingriffe in die Natur und Investitionen in Millionenhöhe.

Von Heike Lattka
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Als der Dauerregen einsetzt, haben die Kanäle und Dämme den Regengüssen nur wenig entgegenzusetzen: Bei Niederschlägen von 50 Litern je Quadratmeter in nur eineinhalb Stunden ist der Hochwasserschutz schnell überfordert: Die beiden Rückhaltebecken am Rande Bad Sodens können das Wasser nicht halten, schnell laufen die Keller in der Kurstadt voll, die Untergeschosse der Sulzbacher Cretzschmarschule stehen unter Wasser. Dem Sulzbacher Bürgermeister Horst Schmittdiel (CDU) fließt bei der Begehung des Kirchplatzes das Wasser gar über den Rand der kniehohen Gummistiefel.

Dreieinhalb Monate ist das Unwetter her, an das sich Einsatzkräfte, Politiker und insbesondere betroffene Bürger mit Schrecken erinnern. Konzepte für einen effektiven Hochwasserschutz liegen zwar schon in der Schublade des Abwasserverbandes Main-Taunus – doch ihre Verwirklichung erforderte Investitionen in Millionenhöhe. Und: Oftmals vertragen Eingriffe sich nur schlecht mit dem Naturschutz.

Rückhaltebecken, Dämme, Mauern

Seit 30 Jahren müsse er sich schon mit dem Schutz vor Überschwemmungen befassen, sagt Liederbachs Bürgermeister Gerhard Lehner (CDU). Er fungiert nach der Neuordnung der Abwasserverbände vor zwei Jahren als Vorsteher des neuen Gebildes für den Main-Taunus-Kreis und die Kommunen Idstein, Niedernhausen, Glashütten und Königstein. Was kann man tun, um Hochwassern vorzubeugen, die theoretisch eigentlich nur alle 100 Jahre vorkommen, vor vier Jahren aber Eppstein überfluteten und nun auch noch den Ostkreis unter Wasser setzten?

Der Verband beauftragte Experten, Gutachten für die Gewässer Schwarzbach, Liederbach und Sulzbach vorzulegen. Das Ergebnis: Allein für die Kontrolle des Schwarzbachs müssten Rückhaltebecken, Dämme oder Mauern zwischen Theißbach und Bremthal gebaut werden, die 21,5 Millionen Euro kosteten. Rund elf Millionen setzen die Fachleute für den Hochwasserschutz im Einzugsgebiet von Liederbach und Sulzbach an. Wer diese hohen Summen aufbringt, ist nicht geklärt, wie Wolfgang Borreck, Geschäftsführer des Verbandes, sagt. Es könne jedenfalls nicht einfach die Abwasserumlage erhöht werden, mahnt er.

Klar ist nach Einschätzung von Bad Sodens Bürgermeister Norbert Altenkamp (CDU) aber auch, dass keine Kommune diese Aufgabe alleine meistern kann. Die Schäden des vergangenen Hochwassers gingen alleine in Bad Soden in die Millionen. Es sei unverständlich, dass sich die Naturschutzbehörden permanent mit Hinweis auf ein Flora-Fauna-Habitat gegen den Bau von Rückhaltebecken sträubten. Er könne nicht verstehen, dass „man Frösche davor schützen will, nasse Füße zu bekommen“. Der Naturschutz müsse auch seine Grenzen haben. Der Bau eines Rückhaltebeckens im Altenhainer Tal, das für Bad Soden und Sulzbach von großer Bedeutung wäre, stoße nach wie vor auf Widerspruch.

Hausgemachte Hochwasser

Selbst wenn die Verbreiterung der Kanäle von den jeweiligen Kommunen finanzierbar wäre, nützten solche lokalen Projekte nach Einschätzung von Rathauschef Schmittdiel wenig: Werde in Sulzbach der Wasserdurchfluss beschleunigt, bekomme der tiefer gelegene Frankfurter Stadtteil Sossenheim die Wassermassen mit umso größerer Wucht ab. Deshalb seien Initiativen ohnehin mit den jeweiligen Nachbarn abzusprechen.

Mit den Vertretern der Stadt Frankfurt aber, die im Falle einer Überflutung Sossenheims sicher vorstellig würden, will sich beim Abwasserverband Main-Taunus keiner anlegen. Die Hochwasser seien schließlich teilweise hausgemacht und in der verstärkten Siedlungstätigkeit der vergangenen Jahrzehnte begründet, erinnert Lehner an den Bauboom in den Kommunen. Der größte Erfolg sei leider mit jenen Projekten zu erzielen, die bei Naturschützern als höchst umstritten gälten: Rückhaltebecken. Vier solcher Bauwerke müssten alleine entlang der Zuflüsse des Schwarzbachs am Rande des Eppsteiner Naturschutzgebietes gebaut werden, um gravierende Schäden durch Dauerregen zu verhindern. Geschehe dies mit Rücksicht auf Flora und Fauna nicht, blieben kleinere Projekte fast wirkungslos. Besonders für Hofheim, Kriftel und Eppstein seien dies trübe Aussichten, beklagt Lehner.

Gehe es allerdings darum, die Gewässer Liederbach und Sulzbach im Bett zu halten, erhellt sich die Miene Lehners schnell wieder: Eine „Seewiese“ soll auf den Äckern entlang der A 66 entstehen, die große Wassermassen auffängt. Um sie Wirklichkeit werden zu lassen, will der Verband zügig Grundstücke erwerben und mit Landwirten entsprechende Vereinbarungen treffen. Vom Hochwasserschutz mit Staudamm, See und Segelbooten sowie weiteren Freizeitangeboten, wie er es aus Liederbachs französischer Partnerkommune Villebon kennt, träumt Lehner wahrscheinlich vergebens. Die Leidensfähigkeit der Deutschen sei eben in jeder Beziehung höher.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1960, Korrespondentin der Rhein-Main-Zeitung für den Main-Taunus-Kreis.

Jüngste Beiträge

Perspektivlosigkeit ist Gift

Von Rainer Schulze

Die Zukunft der Wohnungsbaugesellschaft Nassauische Heimstätte ist unklar. Das Land will sich von der Beteiligung trennen - Frankfurt hat die Hand gehoben. Eine Entscheidung tut not. Mehr