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Hochtaunuskreis Hartz IV unter Millionären: Kein Geld für eine Monatskarte

28.10.2008 ·  Vor drei Jahren hat Alexander Dietz den ersten Reichtums- und Armutsbericht für den Hochtaunuskreis vorgelegt. Der Bericht legt dar, dass den 191 Einkommensmillionären gut 11.000 Menschen auf der anderen Seite der Statistik gegenüberstehen. Und nur wenig hat sich seit 2005 verbessert.

Von Bernhard Biener
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Wenn Armut zum Modethema geworden ist, wie Alexander Dietz festgestellt hat, dann darf sich der Referent für gesellschaftliche Gerechtigkeit im Evangelischen Dekanat Hochtaunus als Trendsetter bezeichnen. Vor drei Jahren hat Dietz den ersten Reichtums- und Armutsbericht für den Hochtaunuskreis vorgelegt und damit eine bis heute anhaltende Debatte angestoßen. Denn bekannt ist der Landkreis mit der zweithöchsten Kaufkraft in Deutschland – direkt hinter Starnberg – für seine wohlhabenden Bewohner. 27,6 Prozent der fast 110.000 Haushalte gelten als reich, weil sie über mehr als das Doppelte des durchschnittlichen Nettoeinkommens verfügen. Doch der Bericht legt außerdem dar, dass den 191 Einkommensmillionären im Hochtaunus gut 11.000 Menschen auf der anderen Seite der Statistik gegenüberstehen. Sie müssen mit weniger als der Hälfte des durchschnittlichen Nettoeinkommens auskommen und gelten dieser Definition nach als arm.

Nur wenig habe sich seit 2005 verbessert, sagte Dietz bei der Vorstellung des Berichts in der Bad Homburger Stadtbibliothek. So gebe es Fortschritte bei der Kinderbetreuung. Doch günstiger Wohnraum sei im teuren Vordertaunus noch immer knapp, und die Massenunterkünfte für Flüchtlinge in Bad Homburg und Oberursel sollten zugunsten von Privatwohnungen aufgegeben werden.

Krüger: 100 neue Sozialwohnungen nötig

Ein Hauptthema ist für den Theologen diesmal die Mobilität. Armut bedeute, von gesellschaftlicher Teilhabe ausgeschlossen zu sein, und das sei der Fall, wenn sich Arbeitslosengeld-II-Empfänger nur sehr eingeschränkt bewegen könnten. Gerade einmal 19 Euro sehe der Regelsatz für Verkehrsleistungen vor. „Das reicht nicht für eine Monatskarte“, sagte Dietz. „Der Aktionsradius ist das Fahrrad“, ergänzte Robert Carls von der Erwerbsloseninitiative Bad Homburg. „Verwandte im weiteren Umkreis zu besuchen ist nicht drin.“ Dietz fordert daher einen Sozial- oder Mobilitätspass. Mit diesem Thema hat sich jüngst auch eine Arbeitsgruppe von Stadt, Kirche und Diakonie befasst.

Noch immer fühlten sich arme Menschen stigmatisiert, und in dieser Hinsicht sei der Hochtaunuskreis eher Schlusslicht, sagte der Referent. „Es ist eben schwieriger und unangenehmer in einer Umgebung, in der alle anderen viel mehr haben.“ An die Verantwortung der Kommunen für günstigen Wohnraum erinnerte Marcus Krüger, Geschäftsführer der Ökumenischen Wohnhilfe Taunus. Doch die Sozialbindung für zahlreiche Sozialwohnungen laufe ersatzlos aus, und gerade einmal sechs neue Sozialwohnungen seien dieses Jahr im Kreis geplant. Hinzu komme, dass die Energiekosten seit 2002 um 55 Prozent gestiegen seien. 100 neue Sozialwohnungen im Vordertaunus hielt Krüger für nötig, vor allem in der gesuchten Größe von bis zu 60 Quadratmetern.

CDU und FDP keine Vertreter geschickt

Dass die Diskussion um Armut nicht nur Hartz-IV-Bezieher im Blick haben kann, machte Harald Schuster deutlich, der als Sozialarbeiter in der Flüchtlingsunterkunft Oberursel arbeitet. Viele der Menschen dort wünschten sich nichts sehnlicher als den Sozialhilfesatz. Doch der Regelsatz nach dem Asylbewerberleistungsgesetz sei seit 1993 unverändert und betrage 181 Euro. „Da geht es schnell nicht um Teilhabe, sondern darum, wie man über die Runden kommt“, sagte der Sozialarbeiter. Außerdem erschwere die manchmal nur wöchentlich verlängerte Duldung die Integration. Während Carls von der Erwerbsloseninitiative die Arbeitslosengeld-II-Leistungen von 351 Euro als „Notfallversorgung“ bezeichnete, fragte der Verdi-Kreisvorsitzende Clemens Selzer nach dem Mindestlohn für Menschen, die arbeiteten und dennoch arm seien. Auch die Bad Homburger SPD-Vorsitzende Elke Barth merkte an, manche von Carls’ Forderungen, etwa nach der Möglichkeit, Rücklagen zu bilden oder sich mit Versicherungen gegen Risiken abzusichern, könnten sich Geringverdiener nicht leisten.

Moderator Meinhard Schmidt-Degenhard vom Hessischen Rundfunk bezeichnete es als „erschreckend“, dass die führenden politischen Kräfte im Kreis, CDU und FDP, trotz Einladung zu diesem Abend keine Vertreter geschickt hätten. Dietz sagte, mit dem Reichtums- und Armutsbericht habe er nicht provozieren wollen. „Das war ein Nebeneffekt, doch eigentlich geht es darum, die Wahrnehmung zu schärfen.“

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Jahrgang 1964, Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Hochtaunuskreis.

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