27.07.2005 · Der Dalai Lama, der 1989 den Friedensnobelpreis erhalten hat, bedankte sich für die hessische Auszeichnung, die er „gar nicht verdient“ habe. Er sei weder ein besonderer Mensch noch „etwas Erhabenes“.
Von Heide Müller-GerbesDer XIV. Dalai Lama ist am Mittwoch mit dem Hessischen Friedenspreis der Albert-Osswald-Stiftung ausgezeichnet worden. Das Kuratorium würdige damit den „unermüdlichen und wirkungsvollen Einsatz für eine gewaltfreie Lösung des chinesisch-tibetischen Konflikts und seine Bemühungen um einen friedlichen Dialog zwischen den Weltreligionen“, heißt es in der Verleihungsurkunde, die dessen Vorsitzender, der frühere hessische Finanzminister Karl Starzacher (SPD), dem spirituellen Führer der Tibeter im Wiesbadener Kurhaus überreichte.
Starzacher hob hervor, daß der Dalai Lama in jüngster Zeit auf die politische Unabhängigkeit Tibets von China zugunsten der kulturellen Autonomie seiner Landsleute verzichtet habe. Damit habe er die Tür geöffnet für eine Verhandlungslösung. Auch daß er die Trennung geistlicher und weltlicher Führung eingeleitet habe, sei geeignet, die Kommunikation mit China zu erleichtern. In den Konflikt sei Bewegung gekommen, die Hoffnung auf eine dauerhafte Lösung mache, sagte Starzacher; mehr denn je komme es jetzt auf den guten Willen Pekings an.
Koch: Menschenrechte haben universelle Geltung
Ministerpräsident Roland Koch (CDU), der als sein langjähriger Freund die Laudatio für den Dalai Lama hielt, zeigte sich zuversichtlich, daß sich bei der chinesischen Führung die Einsicht durchsetzen werde, daß eine friedliche Lösung der Tibet-Frage in Interesse ihres Landes liege. Denn dies mache den Weg Chinas in die Welt erst wirklich frei.
Die Verleihung des Friedenspreises sei Anerkennung für den Dalai Lama und Appell zugleich, sagte Koch, der die weltweiten Bemühungen des Dalai Lama um eine friedliche Lösung des Tibet-Konflikts seit Jahren unterstützt. Niemand stelle die Integrität der chinesischen Grenzen in Frage: „Aber wir sind davon überzeugt, daß Menschenrechte universelle Geltung haben.“ Eindringlich beschrieb der Ministerpräsident die aktuellen Schwierigkeiten der Tibeter im eigenen Land, wo sie aufgrund massiver Ansiedlung von Chinesen zur Minderheit geworden seien. Bis zum heutigen Tag sei ihnen die Ausübung der tibetischen Religion und die Verehrung ihres religiösen Führers, des Dalai Lama, „praktisch nicht möglich“. Auch werde das Erlernen der tibetischen Sprache von den staatlichen Autoritäten nicht respektiert. Und die meisten Klöster seien zerstört oder stünden unter staatlicher Kontrolle.
Gefängnis, Vergewaltigung, Verschleppung und Tod
Das Leben der Tibeter in Tibet bedeute auch Gefängnis, Vergewaltigung, Verschleppung und Tod, fügte Koch hinzu. Und die chinesische Regierung müsse sich beispielsweise fragen lassen, wo der vom Dalai Lama ernannte Panchem Lama, die Reinkarnation des zweithöchsten tibetischen Geistlichen, geblieben sei, ob er noch lebe und wenn ja, wie er erzogen werde. Die Liste der Namen derer, deren Verbleib ungewiß sei, werde immer länger - sei es, daß sie in Klöstern Verantwortung getragen oder sich öffentlich zu den Interessen des tibetischen Volks geäußert hätten.
Jedes Volk habe aber ein Recht auf kulturelle Identität und religiöse Selbstbestimmung, für die auch zu kämpfen legitim sei. Der Dalai Lama jedoch verfolge den in der Geschichte ungewöhnlichen Weg kompromißloser Friedfertigkeit, der Vorbildfunktion habe und nicht scheitern dürfe; andernfalls, so Koch, drohe den nächsten Generationen eine zerstörerische Zukunft.
Mitmenschlichkeit, Zuneigung und Freundlichkeit
Der Dalai Lama, der 1989 den Friedensnobelpreis erhalten hat, bedankte sich für die hessische Auszeichnung, die er „gar nicht verdient“ habe. Er sei weder ein besonderer Mensch noch „etwas Erhabenes“. Zwischen ihm und seinen Zuhörern bestehe „nicht der geringste Unterschied“: „Sie sind deshalb alle Kandidaten für den Preis“, sagte er mit verschmitztem Lächeln. Denn Werte wie Mitmenschlichkeit, Zuneigung und Freundlichkeit seien „als natürlicher Teil unseres Geistes in uns allen angelegt“.
Besonders bedankte er sich bei Ministerpräsident Koch für dessen „kenntnisreiche“ Schilderung der Zustände in seinem Land und bat seine „Freunde“, wie er sagte, darum, ihn weiter bei der friedlichen Lösung der Tibet-Frage zu unterstützen.
In einem Grußwort hatte der Präsident des Hessischen Landtags, Norbert Kartmann (CDU) dem Preisträger eingangs versichert, daß der Anspruch auf die geistige und kulturelle Identität des tibetischen Volks gerechtfertigt sei: „Wir teilen ihren Wunsch und ihre Hoffnung, daß die Regierung der Volksrepublik China die Chance einer friedlichen Verständigung erkennt und in einen ernsthaften Dialog eintritt.“ Der hessische Friedenspreis wird seit 1993 verliehen und ist mit 25000 Euro dotiert. Zu seinen Trägern gehören der frühere PLO-Führer Jassir Arafat ebenso wie der frühere EU-Administrator in Mostar, Hans Koschnick und der Chef der UN- Waffeninspekteure Hans Blix.