04.01.2008 · Zwischen den hessischen Parteien ist abermals der Streit um das richtige Schulsystem entbrannt. Anlass ist eine Studie des Erziehungswissenschaftlers Helmut Fend und seiner Kollegen.
Von Matthias TrautschZwischen den hessischen Parteien ist abermals der Streit um das richtige Schulsystem entbrannt. Anlass ist eine Studie des Erziehungswissenschaftlers Helmut Fend und seiner Kollegen. Die Wissenschaftler hatten Biographien von Menschen aus Südhessen untersucht, um mögliche Zusammenhänge zwischen Schulform und späterem Erfolg zu erforschen. Dabei waren die Wissenschaftler zu dem Schluss gekommen, dass die Gesamtschule und die Förderstufe nicht mehr Gerechtigkeit schaffen als die Schulen des gegliederten Systems. Ungeachtet der Schulstruktur entscheide die Herkunft des Kindes über den Bildungserfolg. So stünden die Chancen eines Arbeiterkindes, einen Hochschulabschluss zu erreichen, im Vergleich zu einem Kind aus der Oberschicht eins zu zwölf.
Der bildungspolitische Sprecher der CDU-Landtagsfraktion, Hans-Jürgen Irmer, wertete die Forschungsergebnisse als Beweis dafür, dass die von der SPD und den Grünen geplante Einheitsschule „nur unvorstellbares Chaos, aber keine Verbesserungen“ brächte. Zuvor schon hatte Kultusministerin Karin Wolff (CDU) die Studie als Bestätigung ihrer Schulpolitik dargestellt. Die Wissenschaftler der Universitäten Zürich und Konstanz hätten gezeigt, dass mehr Bildungsgerechtigkeit nicht durch die Abschaffung von Gymnasien, Haupt- und Realschulen herzustellen sei. Die Untersuchung belege auch, dass ein Viertel der Schüler nach Beendigung des Schulbesuchs noch einen höheren Abschluss erreiche. Dies zeige, dass das hessische Schulsystem durchlässig sei und dass die Möglichkeiten einer weiterführenden Bildung genutzt würden.
SPD: CDU stellt Ergebnisse der Studie falsch dar
Für die SPD ist diese Darstellung der Forschungsergebnisse nach den Worten ihres Generalsekretärs Norbert Schmitt „nur schwer erträglich und ziemlich bizarr“. Fend und seine Kollegen hätten festgestellt, dass die Schule Bildungschancen erschließen könne, „solange sie die Kinder bei sich hat“. Spätere Entscheidungen seien dann aber wieder stark von der familiären Herkunft abhängig. Daher seien Chancengleichheit, soziale Gerechtigkeit und Integration weiterhin wichtige sozialpolitische Ziele. Heike Habermann, die bildungspolitische Fraktionssprecherin der SPD, sagte, ihre Partei habe nie behauptet, „dass eine Änderung des Schulsystems allein Wunder bewirkt“. Das längere gemeinsame Lernen sei nur ein Baustein des von der SPD angestrebten „Hauses der Bildung“. Dazu gehörten überdies die frühkindliche Bildung, eine Schuleingangsstufe, die Ganztagsschule und eine verbesserte Lehrerausbildung.
Nach den Worten des bildungspolitischen Fraktionssprechers der Grünen, Matthias Wagner, zeigen die in der Studie festgestellten schlechten Bildungschancen von Arbeiterkindern „die skandalöse soziale Schieflage des hessischen Bildungssystems“. Die schulpolitische Sprecherin der FDP, Dorothea Henzler, forderte, die „leidige Schulformdebatte“ zu beenden. Der Bildungserfolg hänge nicht vom Schulsystem, sondern von Faktoren wie der Gestaltung des Unterrichts und der individuellen Förderung ab.
„Ergebnisse seiner Studie als enttäuschend“
Der Erziehungswissenschaftler Fend, der selbst zu den Fürsprechern der Gesamtschule gehörte, bezeichnete die Ergebnisse seiner Studie als enttäuschend. Eine erste Untersuchung in den siebziger Jahren habe ergeben, dass es in den Gesamtschulen gelinge, die unterschiedliche soziale Herkunft teilweise auszugleichen. Das gelte offenbar aber nur während der Schulzeit. Nach deren Ende, bei den Entscheidungen über Ausbildung, Studium und Beruf, verliere sich diese Wirkung. Dann seien der Einfluss und die Unterstützung durch die Familie entscheidend. Allerdings, so Fend, habe die Studie auch eine Reihe von „tröstlichen Ergebnissen“. So sei das Bildungswesen durchlässiger als erwartet: Viele Kinder, die zunächst keinen höheren Abschluss erworben hätten, erreichten diesen etwa auf dem Weg der beruflichen Bildung. Die Politik müsse dafür sorgen, dass solche Möglichkeiten auch Kindern aus bildungsfernen Schichten offenstünden.
Die Lebenslaufuntersuchung:
Für die Studie „Lebensverläufe von der späten Kindheit ins frühe Erwachsenenalter“ wurde die Entwicklung von mehr als 1500 Personen zwischen dem zwölften und dem 35. Lebensjahr untersucht. Die Teilnehmer wuchsen zu einem Drittel in Frankfurt, zu zwei Dritteln in den Landkreisen Odenwald und Bergstraße auf. Je ein Drittel von ihnen besuchte das dreigliedrige Schulsystem, die Gesamtschule und die im Odenwald-Kreis flächendeckend eingeführte Förderstufe. Ihr Augenmerk legten die Wissenschaftler der Universitäten Zürich und Konstanz auf den Zusammenhang zwischen der schulischen Laufbahn und der späteren beruflichen, sozialen und familiären Entwicklung.
Sozialwissenschaftler bezeichnen die Art der Untersuchung als „Längsschnittstudie“: Hierbei werden dieselben Menschen zu mehreren Zeitpunkten befragt und die Ergebnisse verglichen. Ausgangspunkt der nun veröffentlichten Ergebnisse ist eine Erhebung zur „Entwicklung im Jugendalter“ aus den Jahren 1979 bis 1983. Im Jahr 2002 wurden die Teilnehmer nach ihrem zwischenzeitlichen Werdegang befragt. Seither werden die Daten unter unterschiedlichen Aspekten ausgewertet. (trau.)
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