26.07.2006 · In Dieburgs Stadtkern bekommt man nicht einmal mehr einen Liter Milch. Fachleute befürchten zunehmenden Leerstand in den Innenstädten. Ein Einzelhandelskonzept für das Rhein-Main-Gebiet soll dem entgegensteuern.
Stuttgart und Kassel praktizieren es schon seit längerem: Sie machen Investoren und Einzelhandelsunternehmen Vorgaben, wo künftig noch neue großflächige Geschäfte entstehen dürfen. Denn die neuen Ansiedlungen sollen nicht mit dem Interesse der Kommunen kollidieren, ihren Bürgern auch künftig eine Nahversorgung - vor allem mit Lebensmitteln - zu sichern. Nun wollen die 75 Kommunen im Ballungsraum Frankfurt/Rhein-Main mit einem Einzelhandelskonzept folgen.
Wie rigide es ausfallen wird, ob der immer größeren Nachfrage der Investoren mit strikten Grundsätzen begegnet oder den wegen ihrer Finanzschwäche anfälligen Kommunen lediglich empfohlen wird, die Interessen ihrer Nachbarn und der Gesamtregion zu berücksichtigen, ist letztlich eine politische Entscheidung, die die Kommunen im Ballungsraum noch nicht getroffen haben.
Einkaufen zu Fuß oft nicht mehr möglich
Die Voruntersuchungen des Planungsverbandes zeigen eines deutlich: Bereits jetzt stehen in rund einem Drittel aller Stadt- und Ortsteile im Ballungsraum den Einwohnern keine größeren Lebensmittelmärkte mehr zur Verfügung, ist das fußläufige Einkaufen nicht mehr möglich. Betroffen sind nach Angaben des Verbands vor allem Ortsteile im Hintertaunus, aber auch Eppstein-Ehlhalten oder Bad Soden-Altenhain.
In Kriftel gibt es keinen Metzger mehr, ein mobiler Händler hat die Versorgung übernommen. Und in der ehemaligen Kreisstadt Dieburg gibt es in der Innenstadt keine Möglichkeit mehr, einen Liter Milch zu kaufen. Aus dieser Tatsache generell ein Ausbluten der Ortskerne und Innenstädte zugunsten der „grünen Wiese“ abzuleiten, so weit will Doris Krüger-Röth, Abteilungsleiterin für Analysen beim Planungsverband, nicht gehen.
Zahl der inhabergeführten Geschäfte nimmt ab
Die Qualität in den Innenstädten sei vielerorts sogar gestiegen, „aber nur in bestimmten Segmenten“. Die Funktion von Städten, alles vorzuhalten, was zum täglichen Bedarf gehöre, sei nicht mehr gegeben. Und noch einen Trend hat die Fachfrau für die Innenstädte ermittelt: die Filialisierung. Wie auf der Frankfurter Zeil zu beobachten, nimmt die Zahl der inhabergeführten Geschäfte immer mehr ab, die Rahmenbedingungen, seien es die Mieten oder die Nachfrage, stimmten nicht mehr.
Frank Albrecht, Präsident des hessischen Einzelhandelsverbands, macht eine Verödung vor allem in den Frankfurter Vororten aus. Die Innenstadt sei nicht gefährdet, nicht einmal durch das in Bau befindliche Einkaufszentrum „Frankfurt Hoch Vier“ an der Zeil: Das stärke nur die Innenstadt als Einkaufsmagnet.
Trend zu mehr Verkaufsfläche
Die Fachleute erwarten dennoch in den nächsten Jahren einen starken Verdrängungswettbewerb. Der Hauptverband des Deutschen Einzelhandels rechnet damit, daß sich der Trend zu mehr Verkaufsfläche fortsetzt. Existierten Anfang der neunziger Jahre in Deutschland 77 Millionen Quadratmeter Verkaufsfläche, so soll es bis 2010 eine Zunahme auf 125 Millionen Quadratmeter geben.
Dabei liegt Deutschland bereits jetzt mit knapp 1,4 Quadratmeter Verkaufsfläche je Einwohner zusammen mit Österreich und Belgien an der Spitze in Europa. Im Planungsverband vermutet man, es werde eines Tages nicht nur die bekannten Leerstände in einigen Innenstädten geben, sondern auch leere Hallen auf der „grünen Wiese“.
Stärkung innerstädtischer Geschäftsquartiere
Im hessischen Wirtschaftsministerium hat man auf den Strukturwandel im Einzelhandel insofern reagiert, als man die Innenstadtoffensive „Ab in die Mitte“ aufgelegt, das Förderprogramm Stadtumbau Hessen an den Ausbau der Innenstädte gekoppelt und das Gesetz zur Stärkung innerstädtischer Geschäftsquartiere, kurz „Inge“, auf den Weg gebracht hat.
Vor allem rät das Ministerium in seinem Einzelhandelserlaß den Kommunen, „die Möglichkeit der restriktiven planerischen Steuerung zu nutzen“. Sie sollten zu „interkommunal abgestimmten Strategien“ finden. Diese seien zur Sicherung verbrauchernaher Versorgung unerläßlich. Wirtschaftsminister Alois Rhiel (CDU) warnt angesichts der Diskussion über ausblutende Innenstädte davor, die Stadtkerne schlechter zu reden, als sie seien: Viele Kommunen hätten „sehr positive und nachahmenswerte“ Schritte zur Revitalisierung eingeleitet.
Attraktive Innenstadt ist von Vorteil
Dennoch sollten Städte und Gemeinden bedenken, daß sie als Standort nur anziehend seien, wenn sie eine attraktive Innenstadt hätten. Er fordert deshalb die Einbindung der kommunalen Entscheidung in überörtliche, regionale Zusammenhänge. Das vom Planungsverband vorangetriebene Einzelhandelskonzept für den Ballungsraum hält er für eine „deutliche Notwendigkeit“. Vor allem müsse das Konzept verläßlich sein und dürfe nicht „durch Ausnahmen durchlöchert“ werden.
Und Diskussionen wie die um die Erweiterung des Main-Taunus-Zentrums sind Rhiel zufolge keine Vorgänge, die unter Ausschluß der Öffentlichkeit auf Gemeinde- und Kreisebene entschieden werden dürften: „Ich hielte es für sehr gut, wenn auf transparente Weise im Planungsverband die Erweiterung zur Sprache käme und beurteilt würde“, sagte der Minister dieser Zeitung. Das gebiete die regionale Bedeutung des Vorhabens. Die Entscheidung müsse gegebenenfalls von der oberen Planungsbehörde getroffen werden. Die derzeitige Praxis hält Rhiel „für zu kurz gesprungen“.
Diese Region ist es selbst schuld
Peter Pan (fetchman)
- 27.07.2006, 12:21 Uhr