07.08.2008 · Weil sich Waschbären und Marderhunde nicht vertragen haben, sind sie im Hanauer Wildpark getrennt worden. In die Wisentherde soll ein neuer Bulle frisches Blut bringen.
Von Luise Glaser-LotzEs ist bei den Tieren wie bei den Menschen: Wenn die Chemie nicht stimmt, wird ein Zusammenleben schwierig. Für einen Waschbären im Wildpark Alte Fasanerie hatte diese Tatsache kürzlich tödliche Folgen. Er wurde Opfer des Angriffs eines Marderhundes, mit dem er zusammen in einem Gehege lebte. Dabei hatten es die Pfleger des Tierparks nur gut gemeint, als sie den Vorgaben einer modernen Zootierhaltung folgen wollten.
Damit es den Tieren in Gefangenschaft nicht zu langweilig wird, geht man nach den Worten von Wildbiologin Marion Ebel zunehmend dazu über, Gattungen mit ähnlichen Lebensräumen gemeinsam zu halten. Das gehe oft gut, berge aber auch Risiken: mehr Stress für ältere oder kränkliche Tiere, eine erhöhte Ansteckungsgefahr bei Krankheiten und eine insgesamt höhere Sterberate.
Tödlicher Nachbarschaftsstreit
Im Hanauer Wildpark war der Frieden zwischen den Marderhunden und den Waschbären spätestens dann nicht mehr herzustellen, als sich bei den Marderhunden Nachwuchs einstellte. Das führte laut Ebel zu einer erhöhten Aggressivität bei den Tieren. Wohl deshalb kam es zu schweren Beißereien, bei denen ein Waschbär starb und ein Waschbärweibchen schwer verletzt wurde. Damit war das Experiment, die Marderhunde, die Mitglied der Hundefamilie sind, und die Waschbären, die zu den Kleinbären gehören, gemeinsam zu halten, endgültig gescheitert. Die acht Marderhunde kamen umgehend in ein neues Gehege, die elf Waschbären blieben unter sich.
Das alles geschah vor etwa zwei Monaten. Die Jungtiere der Marderhunde, Dick und Doof, sind inzwischen herangewachsen, Doof wurde an einen Tierpark in Norddeutschland abgegeben, und Dick lebt mit seiner Familie in dem neuen Gehege. Dort fühlen sich die Tiere wohl, was die Besucher daran erkennen können, dass sich die bis zu 30 Zentimeter hohen Tiere ganz in der Nähe des Zaunes in die Sonne legen und auch sonst fleißig auf dem Areal unterwegs sind. Als sie noch mit den Waschbären zusammenlebten, seien sie viel zurückhaltender gewesen, erinnert sich die Wildbiologin. Die Munterkeit der Tiere wurde offenbar auch nicht durch den Umstand gestört, dass ihr zunächst provisorisches Domizil in den vergangenen Wochen umgestaltet worden ist.
Blauzungenkrankheit dezimiert die Wisentherde
Dank einer Finanzspritze von 20 000 Euro vom Förderverein des Wildparks ist das 20 mal 40 Meter große Gehege zu einer Augenweide geworden. Ein Teich wird von einem kleinen Wasserfall gespeist, die Schlafhöhle der Marderhunde ist in einen hölzernen Unterstand eingebettet, Obstbäume bereichern im Sommer und Herbst den täglichen Speiseplan der Tiere. Auch der Waschbärfamilie geht es laut Ebel viel besser, seit sie wieder alleinige Hausherren in ihrem Gehege sind.
Während es sich die Marderhunde und Waschbären nach der Scheidung gemütlich machen, heißt es bei der kleinen Wisentherde in diesen Tagen Abschied nehmen. Im vergangenen Jahr war ein Großteil der 16 Tiere zählenden Herde an der Blauzungenkrankheit gestorben. Nur vier Tiere – drei Weibchen und ein stattlicher Bulle – überlebten die Erkrankung. Nun versucht der Wildpark, die Herde nach der Impfung des Restbestands gegen den tödlichen Virus wieder aufzubauen. Sollte es dem Jungbullen Falco gelungen sein, eine seiner drei Gefährtinnen im Frühjahr gedeckt zu haben, dann wird sich das mit der Geburt eines Kälbchens voraussichtlich noch im August zeigen. Die Schwangerschaft offenbart sich den Pflegern in der Regel nicht.
Alpha-Bulle Falco heiß begehrt
Falco selbst wird den möglichen Nachwuchs aber selber nicht mehr kennenlernen. Eine polnische Wisentforscherin, die kürzlich in Klein-Auheim zu Gast war und von dem Erbgut des Jungbullen begeistert war, konnte den Leiter des Wildparks, Forstdirektor Dieter Müller, davon überzeugen, den Bullen an den Tierpark in Hardehausen in Nordrhein-Westfalen abzugeben.
Falcos Genetik sei so hervorragend, dass diese einen hohen Anteil am künftigen weltweiten Wisentbestand haben sollte. In der großen Herde in Hardehausen könne Falco ordentlich für Nachwuchs der im Bestand bedrohten Gattung sorgen. Im Gegenzug bekommt die Alte Fasanerie einen Bullen aus deren Herde. Eginwald aus Hardehausen, der frisches Blut in die Hanauer Herde bringen soll, wird in den nächsten Tagen erwartet.
Kampf gegen Krankheiten
Weiter geht unterdessen der Bau des Fangstalls, der künftig eine bessere Impfung und Pflege der Wisente im Krankheitsfall ermöglichen soll. Denn es ist derzeit keineswegs sicher, dass die tödliche Krankheit trotz der Impfung in diesem Jahr nicht doch noch einmal ausbrechen könnte. Dann könnten die Tiere in dem Stall versorgt und vor ihren Artgenossen, die auf kranke Exemplare häufig aggressiv reagieren, geschützt werden. Spätestens aber im nächsten Frühjahr, wenn die nächste schwierige Impfaktion ansteht, wäre der Stall laut Müller dringend erforderlich.
Für den Fertigbau des Spezialstalls sammelt der Förderverein Wildpark Alte Fasanerie Spenden unter dem Stichwort „Wisente“ (Sparkasse Langen-Seligenstadt, BLZ 506 521 24, Kontonummer 06 021 000).
Luise Glaser-Lotz Korrespondentin der Rhein-Main-Zeitung für den Main-Kinzig-Kreis.
Jüngste Beiträge