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Hanau Vacuumschmelze droht ein neuer Tarifstreit

14.07.2010 ·  Vor zwei Jahren beschäftigte ein Tarifstreit bei der Vacuumschmelze in Hanau sogar Kirchenleute und Richter. Zum Jahresende läuft die damals getroffene Übereinkunft aus. Unternehmen und IG Metall müssen neu verhandeln.

Von Thorsten Winter
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In der Belegschaft der Vacuumschmelze in Hanau köchelt es in diesen Tagen wieder. Anders als beim Tarifstreit vor zwei Jahren heizt aber nicht ein Plan zum Ausstieg aus dem Flächentarifvertrag die Stimmung unter den 1500 Mitarbeitern auf. Schon gar nicht steht eine Talfahrt bei Aufträgen und Umsatz dahinter. Im Gegenteil: Der metallverarbeitende Großbetrieb verzeichnet eine im Vergleich zum Oktober 2009 doppelt so hohe Nachfrage nach manchen Erzeugnissen wie etwa Kernen (siehe Kasten). Auch die Aufträge für andere Produkte ziehen signifikant an, wie Finanzchefin Andrea Bauer sagt. Nach zwei Jahren mit tiefroten Zahlen könnte deshalb am Jahresende unter dem Strich eine „schwarze Null“ stehen.

Beim Betriebsrat heißt es angesichts dessen, das Unternehmen stehe wirtschaftlich besser da als erwartet. Allerdings sehen die Mitarbeiter neuen Verhandlungen über ihre künftige Wochenarbeitszeit und Vergütung entgegen. Die Geschäftsführung einerseits und die IG Metall sowie der Betriebsrat andererseits stehen kurz vor der Aufnahme von Gesprächen zu diesen Fragen. Im Herbst 2008 hatten sie nach einem bewegten Sommer mit Streiks und einer versuchten „Tarifflucht“ des Unternehmens eine weitreichende Übereinkunft getroffen mit Zugeständnissen beider Seiten. Die Mitarbeiter müssen seitdem Nullrunden beim Lohn hinnehmen. Urlaubs- und Weihnachtsgeld sind jeweils auf die Hälfte gekürzt. Zudem gilt ein Arbeitszeitkorridor von „plus/minus fünf Stunden“ in der Woche, der dem Betrieb Überstundenzuschläge erspart; die Vereinbarund läut allerdings im Dezember aus.

Betriebsrat will keinen Folgevertrag

Der Betriebsrat hält der Chefetage nun vor, diese Vorgabe „restriktiv“, also im Sinne des Unternehmens ausgelegt zu haben. Und genau auf diesem Grund ist die Stimmung aufgeheizt, wie ein Arbeitnehmervertreter sagt. Auch dürften sich die Mitarbeiter noch gut daran erinnern, weshalb die Geschäftsführung den Plan fallen ließ, aus dem Metall-Flächentarif auszutreten: Diese Zusage erfolgte erst, nachdem das Unternehmen vor dem Landesarbeitsgericht mit dem Begehren gescheitert war, der von der IG Metall, der Bevölkerung und Kirchenvertretern unterstützten Belegschaft einen unbefristeten Streik zu untersagen. Vor diesem Hintergrund lautet die Leitlinie des Betriebsrats für die Verhandlungen kurz und bündig: „Wir gehen davon aus, dass es keinen Folgevertrag geben wird.“

Finanzchefin Bauer sieht das anders. Sie will nach der Erfahrung der beiden vergangenen Jahre für magere Zeiten vorsorgen. Ihr schwebt eine Möglichkeit vor, Arbeitszeiten und Vergütungen, falls wirtschaftlich nötig, auch weiter „atmen“ zu lassen. „Ich bin dafür, dass die Mitarbeiter in guten Jahren entsprechend profitieren – aber in schlechteren Zeiten müssen wir das flexibler handhaben können“, fordert sie. Konkret könnten Urlaubs- und Weihnachtsgeld von der Höhe des Jahresergebnisses abhängig gemacht werden. Bauer ließe nach ihren Worten auch mit sich reden, ob in guten Zeiten die Tarifsteigerungen, die den Mitarbeitern entgangen sind, rückwirkend doch gezahlt werden. „Nach meiner persönlichen Überzeugung wäre dies im Interesse des Unternehmens und der Belegschaft“, sagt sie, und: „Ich weiß, dass die IG Metall das nicht so sieht.“

Eigentümer entlastet Schuldendienst

Bauer kann dessen ungeachtet ihre Sicht der Dinge mit Zahlen unterfüttern: 2009 verminderte sich der Personalaufwand aufgrund der Vereinbarung um rund 20 Millionen Euro im Vergleich zum Vorjahr, wie sie sagt. Dies habe sich günstig auf die Kassenlage ausgewirkt, da zwischenzeitlich etwa die Arbeitszeit ohne Lohnausgleich auf 30 Stunden gesenkt worden sei und zudem eben Urlaubs- und Weihnachtsgeld um 50 Prozent gekürzt worden seien. Dies habe der Vacuumschmelze GmbH & Co. KG ein „sattes Cash-Polster“ beschert und das im Tagesgeschäft erlittene „Desaster“ in Grenzen gehalten.

Als Betrieb, dessen Produkte nicht nur von wenig konjunkturabhängigen Medizintechnik-Unternehmen, sondern auch von der in der Krise gebeutelten Autoindustrie verarbeitet werden, hat die Vacuumschmelze zwei finanziell üble Jahre hinter sich. Die Bilanz 2008 weist zwar einen im Vergleich zu 2007 nur um 16 Millionen Euro auf 341 Millionen Euro verminderten Umsatz aus. Doch erzielte das Unternehmen einen Verlust von 32,5 Millionen Euro nach einem Gewinn von 8,5 Millionen Euro im Jahr zuvor. 2009 brach der Umsatz laut Bauer sogar auf 235 Millionen Euro, der operative Verlust betrug demnach etwa 30 Millionen Euro. Außer dem verminderten Personalaufwand verschaffte auch ein Entgegenkommen des Eigentümers der Vacuumschmelze Luft. Der Finanzinvestor One Equity Partners erwarb zwei Drittel der Stücke der mit 9,25 Prozent verzinsten Unternehmensanleihe über 135 Millionen Euro. „Das entlastet uns mit elf Millionen Euro im Jahr“, rechnet Bauer vor.

Sehr schwache Kredit-Ratings

Wie gut das Unternehmen dieses Entgegenkommen gebrauchen kann, wird an seinen Kredit-Ratings aus dem vergangenen Jahr deutlich: Bei den führenden Ratingagenturen Moody’s und Standard & Poor’s (S&P) gilt die Anleihe als „Ramsch“. Im Mai 2009 stufte S&P das Papier auf CCC+ ab, eine der niedrigsten Bewertungen; zwei Monate zuvor hatte Moody’s schon die ebenfalls schwache Note Caa1 vergeben und auf die hohe Verschuldung des Betriebs hingewiesen.

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