17.04.2007 · Von den einst 12.000 amerikanischen Soldaten in Hanau sind nur noch 2000 geblieben. Noch ist der vollständige Abzug der Army nicht bestätigt. Dennoch muss sich die Stadt schon jetzt Gedanken über die künftige Nutzung der amerikanischen Liegenschaften machen.
Von Luise Glaser-LotzAm 28. März 1945 nahm die amerikanische Armee die Stadt Hanau ein und errichtete ihr Hauptquartier im heutigen Olof-Palme-Haus an der Philippsruher Allee. Die Soldaten nächtigten zunächst in Zelten im Lamboywald und richteten sich dann ihr Quartier in den historischen Kasernengebäuden an der Lamboystraße ein.
Mit Unterstützung der Amerikaner machten sich die Hanauer an den Aufbau der zerstörten Stadt und an die Etablierung neuer demokratischer Strukturen. Zugleich begründeten die Amerikaner in Hanau einen ihrer zeitweise größten Armeestandorte in Deutschland und Europa. Mehr als 12 000 Soldaten und in etwa noch einmal so viele Familienangehörige zählten in Hochzeiten zur „Hanau Military Community“.
Herausforderung an die Stadtplanung
Seit einigen Jahren aber schrumpft die amerikanische Militärgemeinde auch in Hanau kontinuierlich. So verabschiedete sich im vergangenen Jahr die „Vierte Brigade“ mit rund 1000 Mann vom Fliegerhorst Erlensee. Im Gang ist der Abzug der „16th Command Support Group“ mit weiteren 1000 Soldaten aus der Hutier-Kaserne im Lamboyviertel. Am 6. Juni wird nach den Worten von Armeesprecher Wolfgang Niebling eine kleine Delegation hier zum Abschied die letzte Fahne einrollen. Am 4. Mai treten rund 800 Pioniere der „130. Brigade“ der Pioneer-Kaserne in Hanau-Wolfgang zum Abschiedsappell an.
Weniger als 2000 Soldaten mit ihren Angehörigen dürften zurzeit noch die „Hanau Military Community“ bilden, wobei sich die Zahlen laut Niebling fast täglich ändern. Der Abzug der amerikanischen Soldaten ist nach seinen Worten aber nicht gleichzusetzen mit einer Aufgabe der Kasernen. Niemand könne genau sagen, ob beispielsweise die Hutier-Kaserne, die bis Oktober komplett geräumt sein soll, nicht doch noch von der Armee anderweitig genutzt werden könnte. Laut Plan ist eine Aufgabe der „Hanau Military Community“ bis zum Jahr 2010 vorgesehen. Doch solange das Pentagon das nicht offiziell angeordnet hat, bleibt auch dieses Datum Spekulation.
Gleichwohl muss sich die Stadt heute rüsten auf die größte Herausforderung an die Stadtplanung seit dem Wiederaufbau. Der Weg muss geebnet werden für die Zukunft der rund 340 Hektar, auf die sich die von der amerikanischen Armee genutzten Flächen in den verschiedenen Stadtteilen summieren. Den Schwerpunkt bildet der Stadtteil Wolfgang mit der Pioneer-Kaserne, der Pioneer Housing Area, der Old-Argonner-Kaserne, der New-Argonner- Kaserne, der Campo Pond Training Area sowie der Wolfgang-Kaserne. Im benachbarten Stadtteil Großauheim schließen sich die Underwood-Kaserne und die Großauheim-Kaserne mit der Großauheim River Training Area am Main an. In der Hanauer Kernstadt bestehen noch die Hutier-Kaserne, die Yorkhoff-Kaserne und die Cardwell Housing Area.
Armeesprecher: Wenig Altlasten auf den Arealen
Seit dem Jahr 2000 hat die Army nach ihrer Darstellung in all diese Liegenschaften und Areale mehr als 85 Millionen Dollar investiert. Gut 40 Prozent davon flossen in den Wohnungsbau oder den Bau von Einrichtungen wie Schulen und Kaufhäusern. Fast 1200 Wohnungen – die kleinsten mit drei Zimmern, die größeren mit vier bis fünf Zimmern – zählen zum Bestand der Wohngebiete. Alle befinden sich laut Niebling in einem guten bis sehr guten Zustand.
Stattlich klingt auch die Liste der Infrastruktureinrichtungen. So gibt es mehrere Warenhäuser oder Geschäfte unter anderem in der Großauheim-Kaserne, in der Pioneer-Kaserne, in der Hutier-Kaserne und der Old-Argonner-Kaserne. Auch Schulen, Sporthallen und ein Krankenhaus stehen voraussichtliche in einigen Jahren leer. Kulturelles Zentrum der Amerikaner in Hanau ist die Wolfgang-Kaserne mit Europas größter Bowling- Bahn, Kinder- und Jugendeinrichtungen, Restaurants und Geschäften. Stolz sind die Amerikaner auch auf ihre Spielplätze. Mehr als zwei Millionen Dollar wurden in den vergangenen Jahren in die rund 70 Spielplätze investiert, die teilweise in Parkanlagen eingebettet sind.
Überhaupt legt die Army Wert auf die Feststellung, sich auf ihren Flächen für Natur und Umwelt einzusetzen. Dass auf den frei werdenden Arealen Altlasten in größerem Maß zu finden sein könnten, schließt Armeesprecher Niebling weitgehend aus. Bei allen Anlagen, wie beispielsweise dem Wartungskomplex für Fahrzeuge in der Hutier-Kaserne, sei eng mit den deutschen Umweltbehörden zusammengearbeitet worden. Alle modernen Standards seien erfüllt. Die Army, so Niebling, sei gezielt um die Erhaltung bedrohter Lebensräume und Tierarten auf ihren Flächen bemüht. So werde auf den Einsatz von Düngern und Pestiziden verzichtet. Eine Biotopkartierung in Hanau habe ergeben, dass auch hier viele bedrohte Tierarten heimisch seien wie das Schwarzkehlchen, der Wendehals oder verschiedene Fledermausarten. Das Baumprogramm der Hanau Community umfasst laut US-Army etwa 8000 Bäume, davon sind mehr als 100 älter als 200 Jahre, etwa 600 älter als 100 Jahre.
Gespräch mit Investoren
Sobald die Amerikaner endgültig aus Hanau abziehen und die Flächen freigeben, gehen diese in den Besitz der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bima), früher Bundesvermögensanstalt, über. Will die Stadt darüber verfügen, muss sie erst einmal verhandeln und dann viel Geld in die Hand nehmen. Da sie davon stets zu wenig hat, will sie auch bei den Konversionsflächen auf Investoren zurückgreifen. Gute Erfahrungen hat die Stadtverwaltung mit der Umwandlung der Kasernen Francois und Hessen-Homburg im Lamboygebiet gemacht, wo mit Hilfe eines Investors unter anderem ein Schulzentrum, Büros und das Technische Rathaus in den aufwendig sanierten Liegenschaften eingerichtet wurden.
Wie Oberbürgermeister Claus Kaminsky (SPD) kürzlich ankündigte, will sich die Stadt die Entwicklungschancen durch die Konversionsflächen nicht entgehen lassen. Man hoffe darauf, dass die Bima den Gestaltungswillen der Kommunen berücksichtige und bei künftigen Verhandlungen nicht nur den kommerziellen Aspekt sehen werde. Das Rathausbündnis von SPD, FDP, Grünen und Bürgern für Hanau will nach seinen Worten im Doppelhaushalt 2007 und 2008 jeweils 100.000 Euro für Planungskosten einstellen lassen. In einem ersten Schritt soll bis zum Jahresende ein Rahmenplan erstellt werden. Die Strukturplanung, in der grundsätzliche Entwicklungsmöglichkeiten in unterschiedlichen Szenarien aufgezeigt werden sollen, will man bis 2009 auf die Beine stellen.
Auf der Basis dieser Planungen will die Stadtverwaltung mit möglichen Investoren ins Gespräch kommen. Auf bestimmte Nutzungen will sich die Stadt bis dahin nicht festlegen. Denkbar ist vieles. Ralf-Rainer Piesold (FDP) beispielsweise, künftig als Dezernent für die Wirtschaftsförderung und die Schulentwicklung zuständig, sieht für seine Ressorts auf alle Fälle Entwicklungschancen. Auch von der Einrichtung einer Hochschule war von städtischer Seite schon die Rede. Einbezogen werden sollen die Konversionspotentiale laut Kaminsky auch in das entstehende Gutachten über die Entwicklung von Einzelhandelsstandorten in der Stadt.
Luise Glaser-Lotz Korrespondentin der Rhein-Main-Zeitung für den Main-Kinzig-Kreis.
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