16.11.2007 · Seit 40 Jahren lädt der Wildpark Alte Fasanerie zur Begegnung mit Hase, Wolf und Wisent – und ist auch als Lern- und Bildungszentrum beliebt.
Von Luise Glaser-LotzWenn Ayla, Scott und Khan ihr Geheul erklingen lassen, dann ist ihnen ein großes Publikum gewiss. Doch nicht nur die drei weißen Polarwölfe, Stars der Wolfsheulnacht im Wildpark Alte Fasanerie in Hanau-Klein-Auheim, locken die Menschen in Scharen in den weitläufigen Wildpark. Auch die Tierbabys wie Aaron und Aimee, die beiden Elche, die mit der Flasche aufgezogen wurden, und die vielen anderen Tierkinder sind Publikumsmagneten.
Wenn an Wochenenden die Sonne scheint, ist der Zustrom in die Alte Fasanerie enorm. Dann reichen die vielen Parkplätze vor dem Haupteingang nicht aus, und der Nebeneingang mit weiteren Plätzen wird geöffnet. Doch auch dort wird es oft eng für die Autos. Rund 200.000 Besucher kommen jedes Jahr, um die 350 Tiere, die 30 verschiedene Wildarten repräsentieren, zu sehen – und wenn möglich auch mit dem an den Eingängen angebotenen Spezialfutter zu verwöhnen.
Einer der größten Wildparks in Deutschland
Lange Zeit war das über hundert Hektar große, von einer fast vier Kilometer langen, unter Denkmalschutz stehenden Bruchsteinmauer eingefasste Gelände für den Normalbürger verbotenes Terrain, denn es diente als Jagdrevier der Mainzer Erzbischöfe. Den Beginn machte im Jahr 1710 die „Untere Fasanerie“ auf dem Gelände der heutigen Gaststätte, dem damaligen Jagdhaus. Sie wurde vom Mainzer Erzbischof Lothar Franz von Schönborn eingefasst, bei starkem Regen aber häufig überflutet. Erzbischof Karl Friedrich von Ostein ließ vier Jahrzehnte später die höher gelegene Obere Fasanerie, das heutige Wildparkgelände, erschließen und mit der Bruchmauer umgeben. Von hier bezogen die Mainzer Kurfürsten, wenn sie im Sommer im Steinheimer Schloss residierten, ihre frischen Fasanen.
1803 ging das damalige Wiesengelände an die Großherzöge von Hessen-Darmstadt über. Sie ließen Kiefern und Eichen anpflanzen und nutzten das Gebiet bis zum Ende des Ersten Weltkriegs als Hofjagdrevier. Danach wurde es als Jagdbezirk verpachtet. Erst im November vor 40 Jahren bekam die Öffentlichkeit Zutritt. Angeregt von einer Idee des Bürgers Karl Winter, ergriff der damalige Bürgermeister von Klein-Auheim, Willi Rehbein, Sohn des Oberbürgermeisters Karl Rehbein, die Initiative und überzeugte das Land Hessen, in dessen Besitz das Areal inzwischen war, von der Idee, einen Wildpark zu schaffen.
Viele Klein-Auheimer packten mit an, um das verwilderte Plateau wieder nutzbar zu machen. Den Anfang machten vor 40 Jahren einige wenige Gatter mit Wildschweinen, Dam- und Rotwild sowie einer Steingeiß sowie Volieren mit Fasanen und Greifvögeln. Schon kurz danach gründete sich der bis heute rege Verein der Freunde und Förderer des Wildparks Alte Fasanerie. Mit seiner Hilfe wuchs die Attraktivität des Wildparks, heute betrieben von der Hessischen Landesforstverwaltung, kontinuierlich an. Er zählt zu den größten seiner Art in Deutschland. Die Länge der Wanderwege summiert sich auf 15 Kilometer, und die einzelnen Gatter sind so groß, dass manche Tierarten auf den ersten Blick gar nicht auszumachen sind.
Tiere in natürlicher Umgebung beobachten
Allein das Rotwildgehege ist nach den Worten von Forstdirektor Dieter Müller größer als der ganze Frankfurter Zoo. Die weitläufigen Gehege bieten den Tieren eine artgerechte Haltung mit den nötigen Rückzugsmöglichkeiten. Für die Besucher, die sich auf die ausgedehnte Wanderung durch den Park machen, bergen sie Überraschungen. Niemand weiß, ob sich die Wölfe oder Elche auch wirklich sehen lassen. Doch mit ein wenig Geduld ist der Kontakt meist möglich, zumal die mit der Flasche aufgezogenen Tiere kaum menschenscheu sind und gerne an die Zäune herankommen. Außerdem gibt es immer genügend Mufflons, Ziegen oder Wildschweine, die allzeit für einen Leckerbissen aus der braunen Futtertüte zu haben sind. Auch frei lebende Rehe und Hasen gibt es viele im Wildpark, und die Vogelpopulation ist beachtlich. So finden sich hier fast alle europäischen Spechtsorten.
Das Angebot der Alten Fasanerie geht über das Erlebnis, Tiere in natürlicher Umgebung beobachten zu können, weit hinaus. Es hat sich auch als Lern- und Bildungszentrum etabliert. Das umfangreiche Veranstaltungsprogramm für Erwachse und vor allem für Kinder, für die sogar ein kleines Indianerdorf geschaffen wurde, widmet sich intensiv der Wildbiologie und der Waldpädagogik, deren Themen von einem festen Stamm ausgebildeter Führerinnen vermittelt werden. Rund 650 Veranstaltungen und Führungen stehen jedes Jahr auf dem Programm: vom Indianerwochenende für Erwachsene über die wildbiologische Führung und die Wolfsheulnächte bis hin zum Survivalkursus mit praktischen Tipps zum Überleben im Wald. Seit 2001 ist der Wildpark zudem Standort eines Forstmuseums, das von vielen Schulklassen genutzt wird.
Über die Besucherzahlen brauchen sich die Betreiber des Wildparks schon lange keine Gedanken mehr zu machen. Doch treiben Müller und seine Mitstreiter im Tierpark derzeit ganz andere Sorgen um. Der nur für Wildtiere gefährlichen Blauzungenkrankheit sind schon zehn von 16 Wisenten zum Opfer gefallen, auch zwei Mufflons sind daran gestorben. Erkrankte Tiere bekommen Schmerzmittel, damit sie die Schmerzen im Maul nicht vom Fressen abhalten. Aufbaumittel sollen dafür sorgen, dass sie bei Kräften bleiben. Doch mehr könne man für die Tiere nicht tun, sagt Müller, der darauf hofft, dass wenigstens bis zum nächsten Frühjahr ein Impfstoff zur Verfügung steht.
Vom Hungertod bedroht
Großes Pech hat auch die junge Luchsfamilie: Im Mai hatten Robin und Lyca, nachdem sie erst im Jahr zuvor zusammengeführt worden waren, drei kleine Luchsmädchen in die Welt gesetzt. Lyca starb kürzlich an einer Nierenverletzung, Robin musste wegen einer Nierenerkrankung eingeschläfert werden, und ein Luchsbaby erlag ebenfalls einer Nierenentzündung.
Offenbar verschreckt von einer Tierarztbehandlung, zwängten sich danach die beiden verbliebenen Schwestern unter dem Zaun ihres Geheges durch und werden seitdem vermisst. Da sie nur Milchzähne haben, können sie noch nicht jagen und sind jetzt vom Hungertod bedroht. Aber möglicherweise werden die völlig ungefährlichen, kleinen Luchse gefunden oder kommen von alleine zu ihrem Zuhause zurück.
Luise Glaser-Lotz Korrespondentin der Rhein-Main-Zeitung für den Main-Kinzig-Kreis.
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