26.07.2008 · Wenn Winzer von den Nachbarn lernen: Der Grüne Veltliner ist eine typisch österreichische Rebsorte. Hierzulande pflanzen sie nur wenige an: mit gutem Ergebnis.
Von Uwe Kauss„In der Umgegend von Heidelberg, zumal auf der Ebene, wird der Balteliner häufig gebaut und vielen anderen Varietäten vorgezogen. Er gibt daselbst, wenn er vollkommen reif wird, sehr vielen und guten Wein.“ 1827 veröffentlichte der Heidelberger Hofgärtner Johann Metzger sein Buch „Der rheinische Weinbau in theoretischer und praktischer Beziehung“. Den Grünen Balteliner beschreibt er darin als Variante einer Sorte, die bei Oppenheim, Worms, im Rheingau, an der Bergstraße und vielen anderen Orten verbreitet sei. Bei Pforzheim nenne man sie Veltleiner.
Dort gibt es den duftigen, würzigen Wein, der daraus wird, heute nicht mehr, dafür umso mehr davon in Österreich. Der Grüne Veltliner gehört seit den fünfziger Jahren zur Alpenrepublik wie Mozart und die Wiener Sängerknaben. 37 Prozent der gesamten Rebfläche Österreichs waren 1999 mit dieser Rebsorte bepflanzt. Nun kehrt sie an die Hänge des Rheins zurück.
Aromatische Ergänzung zum Riesling
Ferdinand Koegler, schulterlange Haare, Vollbart und modische Brille, sitzt im großzügigen Garten seines Eltviller Weingutes. Alte Bäume spenden Schatten, Kirchenglocken läuten. Der Winzer, 38 Jahre alt, Absolvent der Weinbau-Fachhochschule Geisenheim, übernahm 1999 das Gut von seinem Vater. Koegler ist ein international orientierter Mann, reist oft in die Vereinigten Staaten und zu Messen nach China. Das hübsche Hotel Hof Bechtermünz, das zum Weingut gehört, beherbergt Gäste aus aller Welt.
Seit 1899 produzierte das Weingut Koegler fast ausschließlich Riesling. Der neue Chef suchte im Jahr 2001 nach einer Sorte, mit der er den Rheingau-Klassiker aromatisch ergänzen und sein Sortiment erweitern konnte. Gäste und Kunden hätten immer wieder nach einem säureärmeren Wein als dem Riesling gefragt, sagt Koegler. „Chardonnay kam nicht in Frage. Der passte nicht zu uns.“ Auch wollte er nicht „den hunderttausendsten Sauvignon Blanc“ anbauen, „Der wird in Südafrika ganz hervorragend, aber nicht hier.“
Beim Besuch befreundeter Winzer in Österreich kam ihm die Idee: Warum nicht Grüner Veltliner? Ein kräftiger und aromatischer Wein, mit schönen Fruchtnoten, wenig Säure und immer ein klein wenig Pfeffer auf der Zunge. „Mit Riesling ergänzt sich dieses Geschmacksprofil ganz hervorragend. Manchmal liegt das Gute so nahe“, meint Koegler. Und erinnert sich an Erzählungen seines Vaters: Vor dem Zweiten Weltkrieg sei der traditionelle Rheingauer Hauswein, „Bubbes“ genannt, aus verschiedenen, in einem Hang stehenden Rebsorten gekeltert worden – der Grüne Veltliner habe ganz selbstverständlich dazugehört. Koegler besorgte sich also Reben und bepflanzte zunächst einen halben Hektar in einer Parzelle der bekannten Lage Kiedricher Sandgrub.
Auch Oliver Kahn schätzt Veltliner aus dem Rheingau
Der Veltliner entwickelte sich prächtig. „Wir haben zum Teil bis zu 80 Prozent des Ertrags herausgeschnitten, so dick waren die Trauben“, erinnert sich Koegler. Die ersten Ergebnisse überzeugten ihn, mittlerweile hat er die Anbaufläche auf knapp zwei Hektar erweitert. „Damit sind wir der größte deutsche Grüner-Veltliner-Produzent“, sagt er und lacht. Er baut ihn in zwei Varianten aus: als leichten Wein aus dem Stahltank mit zwölf Prozent Alkohol, die er für unter zehn Euro verkauft, und in einer Version aus dem 500-Liter-Holzfass mit 13,5 Prozent für deutlich unter 20 Euro.
Beide Weine bieten eine schöne, für den Rheingau typische Mineralität, etwas weiße Frucht und Noten nach Pfeffer und Kräutern. Die Holzfass-Variante hat mehr Volumen, viel Schmelz, einige Röstaromen und etwas Mandelnote. Nur 1500 Flaschen bringt Koegler davon in den Verkauf. Zum Kreis fester Abnehmer gehört auch der frühere Fußballnationaltorwart Oliver Kahn.
Experimente, die Mühe und Nerven kosten
Auf der anderen Seite des Rheins ist der Grüne Veltliner ebenfalls wieder zu finden. Es ist nur eine kleine, sanft geneigte Parzelle in der Niersteiner Lage Brückchen. Die Reben haben dort Walter und Margit Strub vom Weingut J. u. H.A. Strub vor acht Jahren gepflanzt. Wie Koegler machen sie gute Geschäfte im Ausland – Strub exportiert etwa 60 Prozent seiner Produktion in die Vereinigten Staaten. Auch die Strubs kamen in Österreich auf den Grünen Veltliner, als sie die Weinbauregionen Kamptal und Krems bereisten. „Den Veltliner kann man zur Vesper genauso trinken wie zu einem feinen Gemüse“, schwärmt Margit Strub.
Doch die ersten Ergebnisse seien „sehr enttäuschend“ gewesen. Erst nach drei Jahren hätten die spät reifenden Reben einen Ertrag gebracht, mit dem sich zumindest das Experimentieren gelohnt habe. „Im Keller hat mich der Wein einige Mühe und Nerven gekostet, weil er sich bei der Gärung völlig anders als Riesling verhält“, sagt Strub. Doch heute gelinge ihm „ein Wein mit Charakter, den wir hier in Deutschland hervorragend verkaufen“. Er lässt ihn im großen Holzfass reifen, weil die minimale Sauerstoffzufuhr die Aromen besser entfalten lasse.
Während Strubs Riesling typische Noten nach Pfirsich, Zitrusnoten, ausgeprägte Mineralität und langen Nachhall entwickelt, steht der „GrüVe“ ganz anders da: Heu, Kamille, Kräuter, Pfeffer, viel Kraft und Biss, dafür etwas weniger lang im Nachhall. Für knapp sechs Euro bietet er ihn an. Auch Walter Strub weiß, der Grüne Veltliner habe im 19. Jahrhundert auch rund um Nierstein an den Hängen gestanden. „Später haben die Winzer ihn durch Silvaner ersetzt, weil man sich noch höhere Erträge versprochen hat.“
Mit Namensvettern wie dem Roten, dem Frühroten und dem Weißen Veltliner ist der Grüne gar nicht verwandt, wie einst Hofgärtner Metzger annahm. Er dachte, der Grüne Veltliner sei eine regionale „Varietät“ des Roten, dessen Veränderung durch Boden und Alter der Reben entstehe.
Deutscher Veltliner bleibt noch eine Rarität
Rebforscher konnten nun zwar mit DNA-Analysen beweisen, dass die Sorte Traminer dessen Muttersorte ist, doch der Vater bleibt weiter verschollen. Genetische Merkmale legen nahe, der Rote Veltliner könnte zumindest einer der Großeltern sein. Doch bewiesen ist nichts. Wann und wie die Rebsorte zuvor nach Deutschland kam, ist ebenfalls kaum geklärt. Johann Metzger hat bereits 1827 eine mögliche Erklärung geliefert: „Johann Casimir von der Churpfalz ließ Balteliner Reben, wahrscheinlich zwischen 1583 und 1592 aus dem Bältelin in Südtirol in die Gegend von Heidelberg bringen und sie daselbst auspflanzen, und wahrscheinlich stammen die in den Rheingaugegenden verbreiteten Balteliner Reben von dort ab.“
Noch ist der deutsche Veltliner eine Rarität. Derzeit findet sich neben Strub und Koegler nur noch das Weingut Karl-Heinz Frey in Guntersblum, das die Rebe mit dem rot-weiß-roten Image anbaut. Möglicherweise wird sie bald weiter verbreitet sein. Strub und Koegler berichten übereinstimmend, dass andere Winzer in ihrer Umgebung ebenfalls mit dem Grünen Veltliner experimentierten.