29.03.2006 · Stadt und Kreis Aschaffenburg sowie der Kreis Miltenberg wollen zu einer „Testregion“ für Autos, Piloten und Sicherheitstechnik werden. Audi, Daimler-Chrysler und BMW haben ihr Interesse angekündigt.
Von Ewald HetrodtDurch leichtes Zupfen macht der Sicherheitsgurt den Autofahrer auf eine kritische Situation aufmerksam. Das Lenkrad warnt ihn, indem es vibriert. An der Windschutzscheibe bekommt man Informationen über den Verkehrsfluß. Ein Laptop im Wagen steht per Funk in Verbindung zu den Verkehrszeichen. Er arbeitet außerdem mit einer Kamera zusammen, so daß alle Verkehrszeichen erkannt werden können. Dies ist das Auto der Zukunft.
Im Unterschied zu den herkömmlichen Fahrzeugen soll es Unfälle verhindern, indem es mit seiner Umgebung „kommuniziert“. Um die Funktionen des Wagens zu erproben und diesen zur Serienreife zu bringen, reichen einfache Teststrecken und Crash-Anlagen künftig nicht mehr aus. Das vielfältige Zusammenspiel zwischen dem Auto und der Umgebung muß unter realen Bedingungen in einem differenzierten Umfeld geprüft werden.
Die dafür erforderliche Verkehrsinfrastruktur soll den europäischen Automobilherstellern künftig zwischen Spessart und Odenwald geboten werden. Stadt und Kreis Aschaffenburg sowie der Kreis Miltenberg wollen zu einer „Pilot- und Testregion“ werden. 25 Jahre nach der Erfindung des Airbags entsteht am Bayerischen Untermain abermals ein Projekt, das für die Zukunft der Automobilindustrie von bahnbrechender Bedeutung sein könnte.
120.000 Euro Startkapital
Der Geschäftsführer des Technologiezentrums Zentec, Gerald Heimann, nahm gestern in Großwallstadt aus den Händen des Regierungspräsidenten von Unterfranken, Paul Beinhofer, als Startkapital 120.000 Euro entgegen, die aus dem Topf der High-Tech-Offensive des Freistaates stammen. Dieselbe Summe steuern Kommunen und Geldinstitute der Region bei.
Die eigentliche Arbeit leistet der „Forschungs- und Kooperationsverbund Fahrzeugsicherheit“, in dem sich schon im Sommer des vergangenen Jahres Branchengrößen mit klingenden Namen zusammengefunden haben: Acts, Continental Teves, Easi Engineering, Magna Donnelly, Siemens Restraint Systems, Takata-Petri AG, TRW und Wagon Automotive. Eingebunden sind außerdem die Fachhochschule und die IHK, Stadt und Kreis Aschaffenburg sowie der Landkreis Miltenberg. Das organisatorische Dach bildet die Zentec.
Geschäftsführer Gerald Heiman erläuterte die Vorteile des Standorts. Er nannte unter anderem die zentrale Lage in Deutschland und der EU, die Nähe zum Flughafen, das dichte Autobahnnetz und die jahrzehntelange Tradition auf dem Sektor der Fahrzeugsicherheit. Hinzu komme, daß in dieser Region zwar viele Zulieferer vertreten seien, aber kein einziger Hersteller. Dieser würde nämlich seine Konkurrenten davon abhalten, hier ihre Produkte testen zu lassen. Damit dies möglich ist, müssen zum Beispiel Schilder und Ampelanlagen an den Teststrecken mit Sendern bestückt werden, um die Vernetzung mit den Fahrzeugen zu ermöglichen.
„Safety Week“ in Aschaffenburg
Einen „Demonstrator“ gibt es schon: Unter der Federführung von Siemens Restraint Systems ist ein BMW 525i mit allen Finessen der sogenannten passiven Sicherheit ausgestattet worden. In der nächsten Woche soll er anläßlich der „Safety Week“ in Aschaffenburg der Öffentlichkeit vorgestellt werden.
Hinter den Kulissen klärt sich unterdessen, wie rasch aus der Vision Wirklichkeit wird. Das hängt zum einen von den potentiellen Kunden ab. Führende Vertreter der Unternehmen Audi, Daimler-Chrysler und BMW haben nach den Worten von Heimann im ersten Quartal dieses Jahres mit größtem Interesse auf das Konzept reagiert und lassen sich mit begeisterten Kommentaren zitieren. Allerdings, so Heimann, komme es nun darauf an, daß sie ihre konkreten Erwartungen an die geplante Testregion formulierten und sagten, wieviel Geld ihnen die einzelnen Dienstleistungen wert seien.
Erhöhung der Fahrzeugsicherheit
Daneben könnten sowohl auf Bundesebene als auch in Brüssel noch in diesem Jahr relevante politische Entscheidungen fallen. Heimann berichtete über ein Gespräch mit dem Verband der Automobilindustrie in Frankfurt, der gegenwärtig auf Wunsch von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ein Papier mit Maßnahmen zur Erhöhung der Fahrzeugsicherheit erstelle. Über ein ähnliches Programm werde außerdem in der Europäischen Kommission nachgedacht.
Der Geschäftsführer der Zentec kann sich vorstellen, daß mit dem Bau einer ersten Referenzstrecke noch in diesem Jahr begonnen werde. Zeitdruck entsteht nach seinen Worten auch durch das Vorhaben der europäischen Automobilindustrie, in der zweiten Hälfte des Jahres 2007 ihre sämtlichen Innovationen vorzustellen. Ein Ausstellungsort ist Turin, der zweite steht noch nicht fest. „Das macht uns natürlich ehrgeizig.“