06.06.2006 · Bei einer Attacke auf ein Versuchsfeld mit genmanipulierter Gerste in Gießen sind ein Fünftel der Pflanzen zerstört worden. Zwei der sechs militanten Gentechnik-Gegner befinden sich nach Tagen im Polizeigewahrsam wieder auf freiem Fuß.
Von Thorsten WinterMit banger Erwartung sehen Pflanzenforscher an der Gießener Universität den nächsten Tagen und dem Fortgang ihrer Arbeit an einem Feld mit genmanipulierter Gerste entgegen. Denn: Zwei der sechs Gentechnik-Gegner, die das Feld am Freitag teilweise verwüstet hatten und deshalb über die Pfingsttage in Frankfurt in Unterbindungsgewahrsam saßen, befinden sich seit gestern vormittag wieder auf freiem Fuß. Die aus dem Gewahrsam entlassenen Personen dürfen sich zwar einer polizeilichen Verfügung zufolge dem Versuchsfeld bis 31. August nicht mehr nähern, wie eine Sprecherin des Polizeipräsidiums Mittelhessen sagte.
Und sollten sie es doch tun, würden sie umgehend wieder festgenommen. Allerdings bleibt fraglich, ob diese Drohung fruchtet. Schließlich ist der 41 Jahre alte mutmaßliche Rädelsführer schon öfter bei ähnlichen Aktionen aufgetreten. Gegen ihn und die fünf anderen Gentechnik-Gegner ermittelt die Polizei wegen Hausfriedensbruchs und Sachbeschädigung.
Schaden noch nicht zu beziffern
Bei der von einem Fernseh-Team gefilmten „Feldbefreiung“ waren einige der genetisch veränderten Pflanzen herausgerissen worden; Polizeikräfte verhinderten jedoch die Zerstörung des vom Institut für Phytopathologie (Pflanzenkrankheiten) betreuten Felds. Ein Fünftel davon ist in Mitleidenschaft gezogen worden. Mithin sind Teilziele des Versuchs noch erreichbar - wenn es zu keinen weiteren Schädigungen kommt, wie Institutsleiter Karl-Heinz Kogel ausführte. Genmanipulierte Gerste war zuvor in Deutschland noch nicht im Freiland ausgesät worden.
Das gesamte, auf drei Jahre angelegte und vom Bund geförderte Forschungsprojekt werde 350.000 bis 400.000 Euro kosten. Den Schaden vermag Kogel nicht zu beziffern. „Es kommt darauf an, was noch auszuwerten ist“, sagte er. Klar ist nach seinen Worten allerdings schon jetzt, daß Nachwuchsforscher nachhaltig unter dem Angriff auf ihre Arbeit leiden: Da einige Forschungsergebnisse nun erst verspätet vorgelegt werden können, müssen zwei Doktoranden ihre Abschlußarbeiten um ein Jahr verschieben. Dabei hatten Mitarbeiter des Instituts vor dem Angriff vorsorglich einige Pflanzen geerntet.
Aufklärung durch HR gefordert
Sie hatten mit einer Attacke grundsätzlich gerechnet, wie Kogel sagte. Schließlich war die Aktion in einer Programmvorschau des Hessischen Rundfunks (HR) angekündigt worden. Vor diesem Hintergrund verlangt der Gießener SPD-Landtagsabgeordnete Thorsten Schäfer-Gümbel nun Aufkärung durch den Sender: „Die Frage stellt sich, wer wen zu welchem Zeitpunkt informiert hat. Wenn die Aktion bekannt war, hätte sie verhindert werden müssen“, meint er.
Kogels Institut hatte im April etwa 5000 Gerstenpflanzen ausgebracht. Gegenstand der Forschung sind zwei verschiedene Sorten des Getreides. Ein Teil trägt ein Gen in sich, das die Gerste ein bestimmtes Eiweiß produzieren läßt, welches gegen Pilzerkrankungen wirkt. Der andere Teil weist eine Erbinformation aus einem Bakterium auf, das die Qualität der Gerste als Hühnerfutter verbessern soll. Bei dem Versuch wollen die Forscher laut Kogel herausfinden, ob die genetisch veränderten Pflanzen nur schädliche oder auch nützliche Pilze im Boden schädigen. Zu diesem Zweck vergleichen sie die Besiedlung der Wurzeln von manipulierten und herkömmlichen Pflanzen.
Polizei überwacht Versuchsfeld
Ob die Wissenschaftler ihre Arbeit zu Ende führen können, ist nicht sicher. Der Institutsleiter äußert sich zurückhaltend: „Die Leute lassen sich von Sicherheitskräften nicht abschrecken“, meinte er mit Blick auf die Gentechnik-Gegner. Deshalb lehnt es das Institut ab, das Versuchsfeld von eigenen Leuten bewachen zu lassen. Derzeit hat die Polizei ein Auge auf das Gelände, indem sie „verdichtet“ Streife fährt.