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Gießen Laute Kritik an „Mall“ verstummt

13.10.2006 ·  Die vor einem Jahr eröffnete Einkaufs-Galerie „Neustädter Tor“ sorgt für mehr Zulauf in Gießen. Allen Unkenrufen zum Trotz sind Geschäftsaufgaben auf der traditionellen Einkaufsmeile ausgeblieben. Doch auf wessen Kosten die Galerie Umsätze anzieht, ist noch offen.

Von Thorsten Winter
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Ein ausgeprägter Hang zur Untertreibung läßt sich Heidrun Quilitzsch kaum nachsagen. Wenn es um das von ihr geleitete Einkaufs- und Erlebniszentrum „Neustädter Tor“ am Rand der Gießener Innenstadt geht, formuliert sie einprägsame Sätze voller Selbstbewußtsein: „Wir haben neue Wege erschlossen, von denen auch der Kaufhof profitiert“, sagt die Centermanagerin. Sie nimmt für die vor einem Jahr eröffnete Galerie in Anspruch, Mehrwert für die Stadt an der Lahn geschaffen zu haben. Und meint sogar: „Wir sind Gießen - nicht irgendein Fremdkörper.“ Gegenteilige Aussagen weist sie als „Genöle“ und „Geschwätz von Ewiggestrigen“ zurück. Wer sich unter jenen umhört, die vor dem Bau des Konsumtempels gewarnt oder jedenfalls das Projekt nicht unterstützt hatten, der hört nur wenig Gegenreden. Vielmehr arbeiten der alteingesessene Handel und das Zentrum zusammen, etwa bei Aktionen zu verkaufsoffenen Sonntagen.

Gleich von mehreren Seiten war das „Neustädter Tor“ schon vor dem Bau kritisch beäugt worden. Benachbarte Schulen beschwerten sich über den „Betonklotz“, Einzelhändler mahnten, die „Mall“ werde zu Umsatzverschiebungen und Geschäftsaufgaben führen. Nicht zuletzt wurde ein Verkehrschaos vorhergesagt, da das Einkaufszentrum nicht nur über eine Verkaufsfläche mit 85 Läden, sondern auch über ein Parkhaus verfügt. Doch von den Schulen ist nicht mehr viel zu hören, von einem Verkehrschaos kann keine Rede sein, auch weil der Zustrom von Kunden unter der Woche überschaubar ist; so haben Angestellte durchaus Zeit, in aller Ruhe einen Schaukasten zu putzen oder zu plaudern.

Stadtoberhaupt sieht Vorteile durch „Mall“

Aus Sicht von Oberbürgermeister Heinz-Peter Haumann (CDU) stärkt die „Mall“ die Rolle Gießens als zentraler Einkaufsstadt in Mittelhessen. Und der etablierte Handel äußert sich moderat: „Es sieht so aus, als ob die Auswirkungen nicht so extrem sind wie noch im vergangenen Jahr befürchtet“, sagt Robert Balser, der Vorsitzende des Arbeitskreises Handel in Gießen. Das „Neustädter Tor“ habe die Innenstadt belebt, weil mehr Leute als früher unterwegs seien. „Gießen hat als Oberzentrum für viele Leute durch die Galerie an Attraktivität gewonnen“, fügt er hinzu. Der Lebensmittelanbieter Tegut im Erdgeschoß des Einkaufszentrums bereichere das Angebot. Der Handel habe aber schon früher auf Marktlücken hingewiesen, wie Tegut sie nun gefüllt habe.

Balser zeigt sich in dieser Hinsicht mit Quilitzsch einig. Die Centermanagerin zitiert eine von der Gießener Universität betreute Umfrage, nach der 20 Prozent der Kunden des Gießener Innenstadthandels wegen der „Mall“ in die Stadt kämen. „Wir ziehen Leute nach Gießen, die sonst nicht da wären“, folgert sie. Und meint, diese Besucher gingen „logischerweise“ auch über die traditionelle Einkaufsmeile Seltersweg, die Unkenrufen zum Trotz im ersten Jahr nach der Eröffnung des Einkaufszentrums nicht verödet sei.

2005 nicht mehr Umsatz durch Galerie

Allerdings steht die Antwort auf die Frage aus, die der Geschäftsführer von Karstadt in Gießen vor Jahresfrist gestellt hat: Auf wessen Kosten wird die neue „Mall“ die notwendigen Umsätze erwirtschaften? Um 60 Millionen Euro im Jahr geht es nach seinen Angaben. 2005 jedenfalls hat das „Neustädter Tor“ nicht für mehr Umsatz gesorgt, wie Balser sagt. Vielmehr habe Gießen rund 40 Millionen Euro an Erlösen eingebüßt. Er geht davon aus, daß Umsätze auf mehr Anbieter als zuvor verteilt werden - also der eine oder andere weniger in der Kasse hat. Dies wiederum muß sich nicht kurzfristig in Geschäftsaufgaben niederschlagen, wie er meint: Wenn jemand zehn oder zwanzig Prozent an Umsatz verliere, wird eben zuerst Personal entlassen und eine geringere Marge hingenommen. Zudem wisse er von Geschäftsleuten, die mit den Vermietern über niedrigere Mieten verhandelten.

Auch im „Neustädter Tor“ könnten die Erlöse hier und da durchaus höher sein, wie die Centermanagerin zugibt. Allerdings entwickelt sich die Galerie normal und befindet sich noch in der Phase der Markteinführung, wie sie hervorhebt. Erst nach drei Jahren werde der Betreiber sehen, wo die „Mall“ wirklich stehe. Aber schon jetzt gebe es Mieter, die „dick in den schwarzen Zahlen“ seien.

„Zuviele Schuhanbieter“

Bei anderen Geschäftsleuten in der „Mall“ sind jedoch kritische Stimmen zu hören - hinter vorgehaltener Hand. So sagt ein Händler, der früher Läden in der Innenstadt von Gießen betrieben hat, seine Erlöse lägen „drastisch“ unter Plan. Im „Neustädter Tor“ gebe es zuviele Schuhanbieter - neben den drei großen Ketten Fink, Reno und Roland noch drei Nischenanbieter -, während nicht genügend Haushaltswaren zu haben seien. Überhaupt gebe es zu viele großflächige Geschäfte, meint der Händler. Quilitzsch führt dagegen an, bisher „Null Fluktuation“ unter den Mietern zu haben. „Allerdings werden wir beim Mieter- und Branchenmix korrigieren müssen.“

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Jahrgang 1967, Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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