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Gießen „Klärungsprozeß“ zu Bio-Unterricht

11.10.2006 ·  In der aufgeregt geführten Debatte um das mutmaßliche Fehlverhalten eines evangelikalen Biologielehrers in Gießen hat das Schulamt den Pädagogen entlastet. Der Lehrer hatte die Unterricht zur Evolutionstheorie auch die Schöpfungslehre diskutiert.

Von Thorsten Winter
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Heidrun Sarges unterrichtet gemeinhin Physik, wenn sie nicht mit der Leitung der Liebigschule in Gießen beschäftigt ist. In diesen Wochen hat sie aber ungezählte Male über Biologie und Religion reden und sich Verdächtigungen zu Lasten ihrer Schule erwehren müssen. Doch könnten derlei Anwürfe nun wieder abebben: In der bundesweit aufgeregt geführten Debatte um das mutmaßliche Fehlverhalten eines evangelikal orientierten Biologielehrers hat das Staatliche Schulamt den Pädagogen entlastet. Für ihn sei das Prüfungsverfahren abgeschlossen, sagte Schulamtsleiter Heinz Kipp.

Die Behörde kann dem an der Liebigschule tätigen Lehrer, der die Schöpfungslehre im Unterricht zur Evolutionstheorie und persönliche religiöse Anschauungen vorgestellt hat, kein Fehlverhalten nachweisen. Nach weiteren Angaben der Schule muß der Lehrer folglich auch keine dienstrechtlichen Folgen befürchten. Unabhängig davon ist an der Liebigschule allerdings ein „Klärungsprozeß“ in Gang gekommen, wie Leiterin Sarges mitteilte. So sollen Fachkonferenzen festlegen, wie Religion und Biologie im Unterricht zu trennen seien - und zwar über die Lehrpläne hinaus, die philosophische und religiöse Diskussionen im Biologieunterricht zulassen. Auf diese Weise will die Schule vorbeugen, wieder in die Schlagzeilen zu geraten und damit Darstellungen zu kämpfen, die ihr nicht gerecht werden.

„Schöpfungslehre auch in Biologie anzusprechen“

Auch hat sie mit dem Lehrer vereinbart, daß dieser sich nicht mehr im Biologieunterricht zur Schöpfungslehre äußert. Nach Angaben des Schulamts wird der Pädagoge in diesem Jahr keinen Kursus mehr geben, in dem es um die Evolution gehe. Dies ist vor dem Hintergrund der Aussagen von Hessens Kultusministerin Karin Wolff (CDU) geschehen, die sich am Wochenende dafür ausgesprochen hat, christliche Schöpfungslehre auch in Biologie anzusprechen.

Die Debatte über die Vermischung von naturwissenschaftlichen Fragen und Glaubensdingen war nach einem Bericht des Fernsehsenders Arte in Gang gekommen. In der Folge gaben sich Kamerateams und andere Medien an der Liebigschule die Klinke in die Hand. In dem Arte-Bericht war der Lehrer zu Wort gekommen, den das Schulamt nun überprüft hat. Er hat nach eigenen Angaben mit angehenden Abiturienten im Alter von 18 bis 20 Jahren auch Thesen der sogenannten kreationistischen Schöpfungslehre diskutiert. Anders als im Arte-Beitrag suggeriert, habe der Lehrer aber nicht die Ansicht vertreten, die Erde sei nur 6000 Jahre alt, sagte Sarges. „Wir sind keine religiös geprägte Schule und schon gar nicht freikirchlich“, hob sie hervor.

Ansichten jahrelang nicht als Problem empfunden

Vielmehr gilt die Schule traditionell als naturwissenschaftlich ausgerichtet. Dafür steht auch ihr Name. Dergleichen ist aber aus Sicht von Sarges in der Debatte stark in den Hintergrund geraten, auch weil die Vorgänge an der Liebigschule mit Vorwürfen gegen eine andere Gießener Schule in ähnlicher Sache genannt worden sind. Sachliche Hintergründe seien „nicht wahrgenommen“ worden, so intensiv sie auch vermittelt worden seien. „Dadurch wurde der Eindruck erweckt, wir unterrichteten Naturwissenschaften in abwegiger Weise“, sagte Sarges.

Erstaunen mag dessenungeachtet der Zeitpunkt der Kritik: Der Lehrer ist seit 30 Jahren an dieser Schule tätig und hat seine Anschauungen nicht erst in jüngerer Vergangenheit ausgebreitet. Doch hat sich laut Schulleitung niemals ein Elternteil oder ein Schüler darüber beklagt. Das zeige, „daß es die Jahre über nicht als Problem empfunden wurde“. Meßbar geschadet hat die Debatte der Schule im übrigen nicht. So sind keine Schüler abgemeldet worden, sondern vielmehr wurden gerade zwei neu angemeldet - in einem Fall ist der Vater Biologe.

Quelle: F.A.Z., 11.10.2006, Nr. 236 / Seite 54
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Jahrgang 1967, Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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