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Gesundheit Weniger Landesgeld für Suchtprävention: Der Drogennebel wird dichter

26.07.2004 ·  In ihrem „Suchtbericht 2003“ konnte sich Hessens Sozialministerin Silke Lautenschläger (CDU) noch selbst gratulieren. Doch auch bei der Suchtprävention hat das Land mittlerweile den Rotstift angesetzt. Den Beratungsstellen fehlt Geld.

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In ihrem „Suchtbericht 2003“ konnte sich Hessens Sozialministerin Silke Lautenschläger (CDU) noch selbst gratulieren. Mit Darmstadt-Dieburg hatte auch der letzte der hessischen Landkreise und kreisfreie Städten eine Fachstelle für Suchtprävention eingerichtet. Kinder und Jugendliche vor dem Konsum legaler und illegaler Drogen zu bewahren war nun in Hessen flächendeckend zu einer Aufgabe professioneller Sozialarbeiter geworden. Doch auch dieser „unverzichtbare Faktor für eine erfolgreiche Sucht- und Drogenpolitik“ (Lautenschläger) ist von den Sparvorgaben der Regierung Koch nicht verschont geblieben.

15 Prozent oder 4.000 Euro Landeszuschuß fehlen jeder der 29 Beratungsstellen seitdem im Etat, obwohl die Aufgaben eher gewachsen sind. Der Bedarf nach Vorbeugung gegen Drogenkonsum war noch nie so hoch wie heute. Nach einer Studie der Frankfurter Universität hat die Hälfte aller Frankfurter Schüler schon einmal gekifft, jeder fünfte rauche aktuell die vermeintlich „weiche“ Droge Haschisch. Die Jugendlichen neigten zum Koma-Saufen und zu Experimenten mit allen möglichen Chemikalien, warnt zudem die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marion Caspers-Merck. „Der Spiegel“ sah in einer viel beachteten Titelgeschichte über die „Seuche Cannabis“ Haschwolken über den gesamten europäischen Kontinent wabern.

Schon morgens einen Joint

„An einigen Schulen qualmen schon morgens die Joints“, erzählt auch Dagmar Wieland aus dem einst ländlich-sittlichen Main-Kinzig- Kreis. Sie sieht sich nach den Sparbeschlüssen deutlich mehr Arbeit gegenüber, bei kleinerem Etat und mit weniger Arbeitskraft. Bislang nämlich gab es in Hanau eine Kollegin mit einer halben Stelle, die gestrichen wurde. Die Stadt Hanau sprang zwar ein, will sich aber die Arbeitskraft für das eigene Stadtgebiet sichern. Der Altkreis Hanau wurde kurzerhand Wielands Beratungsstelle in Gelnhausen zugeschlagen.

„Wir haben mehr als 30 Projekte absagen müssen“, berichtet Anne Jost vom Frankfurter Verein Arbeits-und Erziehungshilfe (vae), der nach dem Wiesbadener Sparbeschluß eine von 3,5 Stellen für die Drogenprävention gestrichen hat. Erzieherinnen beispielsweise erfahren nun nichts über die persönlichkeitsstärkende Wirkung eines spielzeugfreien Kindergartens, Lehrer müssen sich Konzepte für eine rauchfreie Schule selbst erarbeiten oder möglicherweise ganz ohne „schulische Suchtvereinbarungen“ auskommen. Was solche Projekte wirklich bringen, ist schwer zu fassen, so daß auch ein Verzicht auf sie zunächst ohne unmittelbare Folgen bleibt. Jost ist aber überzeugt, daß Kampagnen gegen einzelne Drogen weniger bringen als eine allgemeine Stärkung der Kinderseelen, die möglichst früh beginnen sollte.

Weitere Einsparungen als Ziel

Das Geld für beides könnte schnell noch weniger werden, fürchtet Horst Weigel, Präventionsberater im Odenwaldkreis. Fürs erste Jahr hat dort das Rote Kreuz die vom Land hinterlassene Finanzlücke geschlossen, doch der Kreis will die Drogenberatung komplett auf eine neue Grundlage stellen und hat den Vertrag mit dem DRK gekündigt - mit dem Ziel weiterer Einsparungen.

In Stadtallendorf verlor die langjährige Präventionsberaterin ihren Job, weil der Trägervereins zum Sparen gezwungen war. Ihr Nachfolger, Diplom-Pädagoge Wolfgang Meinert, mußte nach mehr als 20 Jahren Arbeit mit Süchtigen „völlig die Perspektive wechseln“, weil er nun drei Viertel seiner Arbeitskraft der Prävention widmen soll. „Manchmal fühle ich mich sehr zerrissen“, sagte er über seinen neuen Doppeljob. Sorgen bereitet den Mitarbeitern zudem, daß ihr kleiner Trägerverein nach dem Sparprogramm kurz vor der Insolvenz steht.

„Mal drei Jahre Finanzsicherheit wären toll“

Die Präventionsstellen suchen dringend nach anderen Geldquellen. „Wir machen das, was alle machen. Wir versuchen bei den Krankenkassen Mittel locker zu machen“, berichtet Martin Kraus von der Jugend- und Drogenberatungsstelle in Wetzlar. Die ministerielle Sparvorgabe von 4.000 Euro ist zumindest für dieses Jahr kein Problem für die Mittelhessen, wenn auch aus unerquicklichem Grund: Die Stelle der Präventionsberatung konnte über ein Jahr lang nicht besetzt werden, so daß auch keine Sachkosten etwa für Dienstfahrten in den weitläufigen Kreis anfielen. Inzwischen ist eine Kraft gefunden, die zum neuen Schuljahr loslegen soll mit dem, was dann noch an Ausstattung vorhanden ist.

Auch die Frankfurterin Anne Jost streckt sich nach Zuschüssen, gerade hat die Stadt 27.000 Euro für eine Kampagne gegen den Cannabis-Konsum locker gemacht. Die Aktion soll sechs Monate dauern und ist ein wichtiger Baustein im vae-Angebot. Doch Anne Jost schwebt etwas anderes vor: „Es wäre toll, wenn wir mal für drei Jahre Finanzsicherheit hätten.“

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