03.02.2006 · Das Uni-Klinikum Gießen und Marburg möchte Gießener Mitarbeiter in „befristeten Sonderurlaub ohne Vergütung“ schicken. Dieses Ansinnen hat Beschäftigte in Aufregung versetzt. Den Personalrat beschäftigen zudem die Gespräche über den neuen Haustarif.
Von Thorsten WinterSeit Montag muß Klaus Hanschur ungewöhnlich oft telefonieren. Viele Dutzend Anfragen sind seitdem bei dem Chef des Personalrats am Standort Gießen des Universitätsklinikums Gießen und Marburg eingelaufen. „Es kommt ein Anruf nach dem anderem“, sagt er. Und alle aus demselben Grund: Die zu Monatsbeginn in die Hände der börsennotierten Rhön-Klinikum AG übergegangene Klinik möchte Mitarbeiter in „befristeten Sonderurlaub ohne Vergütung“ schicken, wie es in einem Schreiben des Vorstands an die Beschäftigten heißt. Außerdem ist von einer „befristeten Reduzierung der Arbeitszeit“ die Rede. Auf diese Weise sollen der ohnehin in den roten Zahlen wirtschaftenden Einrichtung Kosten erspart werden, wie der kaufmännische Geschäftsführer Hans-Jürgen Hackenberg bestätigt.
Grundsätzlich richtet sich der Brief an etwas mehr als 1000 Beschäftigte des nichtwissenschaftlichen medizinisch-technischen Dienstes in dem etwa 5000 Mitarbeiter zählenden Klinikum; zu diesem Dienst gehören unter anderem Röntgen-Assistenten, Physiotherapeuten, Kräfte in der Patientenaufnahme, Auszubildende zur Arzthelferin oder Sekretärinnen der klinischen Abteilungen. Im Vergleich mit Marburg weist der Standort Gießen einen Personalüberhang von mehr als zehn Prozent auf, wie Hackenberg sagt. Dies folgt zumindest aus dem Jahresabschluß 2004. Mit Blick auf das vergangene Jahr werden die Zahlen noch abgeglichen.
„Schreiben wohl nicht ganz verstanden worden“
Viele Mitarbeiter fühlen sich durch das Schreiben offenkundig unter Druck gesetzt - und sehen es als Versuch an, Personal durch die Hintertür abzubauen. Denn das Klinikum kann Mitarbeiter nicht betriebsbedingt auf die Straße setzen, da es an eine bis 2010 laufende Beschäftigungsgarantie gebunden ist. Das Anliegen des Vorstands „ist teilweise wohl nicht ganz verstanden worden“, meint Hackenberg indes - und fügt hinzu: „was ich bedaure“.
Jedenfalls hat Hanschur umgehend das Gespräch mit dem kaufmänischen Direktor gesucht. Fazit: Es geht um ein Angebot, das Mitarbeiter freiwillig annehmen können. Um der Aufregung zu begegnen, ist dies einem Teil der Mitarbeiter schon bei einer ersten Betriebsversammlung am Donnerstag erläutert worden. Innerhalb der nächsten zwei Wochen soll es eine weitere Zusammenkunft geben.
Zum Teil stößt das Angebot des Vorstands durchaus auf Gegenliebe: „Es gibt Leute, die gerne Sonderurlaub hätten, der bisher aber abgelehnt worden ist“, berichtet Hanschur. Und in einer Hinsicht ist die Offerte sogar großzügig: Mitarbeiter, die den Arbeitsplatz wechseln wollen, können dies tun - und behalten in der Zeit des Sonderurlaubs ihre alte Stelle. „Das war unser Ziel“, sagt der Personalratschef. Falls sich der Arbeitsplatzwechsel bewährt, hätte auch die Klinik etwas davon: weniger Kosten. Hackenberg liegt aber „bisher keine Interessensbekundung“ vor. Was sich aber im Zuge der nächsten Betriebsversammlung ändern mag.
Hanschur blickt indes schon über diesen noch festzulegenden Termin hinaus. Am 16. Februar beginnen die Gespräche über einen Tarifvertrag für Mitarbeiter, die künftig eingestellt werden. Das Rhön-Klinikum verfügt bisher nicht über einen Konzerntarifvertrag, der auf Gießen und Marburg übertragbar wäre. Ein Konzern-Manteltarif wird zwar gerade ausgearbeitet, aber noch einige Zeit auf sich warten lassen, wie Helmut Bühner, Betriebsratsvorsitzender des Rhön-Klinikums sagt.
Ärzte und Pflegerinnen profitierten von Haustarif
Die Inhalte des auszuhandelnden Haustarifs dürfte vor allem Servicemitarbeiter wie Pförtner und Fahrer interessieren. „Servicekräfte verdienen im öffentlichen Dienst mehr als in der freien Wirtschaft“, erläutert Hanschur. Nicht einlassen will der Personalrat sich auf den Vorschlag des Konzerns, den etwaigen Unterschied zwischen dem bisherigen Gehalt und dem neuen Haustarif aus dem zu vereinbarten Sozialfonds auszugleichen. Denn in diesem Fall würde sich der Fonds, der aus Sicht des Personalrats für Abfindungen, vorzeitige Verrentung oder Umschulungen eingesetzt werden sollte, rasch leeren. Hanschur erwartet angesichts dessen harte Verhandlungen mit Rhön-Klinikum.
Seine Bedenken scheinen nicht ganz unbegründet zu sein. Nach Angaben von Bühner tendiert der Konzern durchaus dazu, die Gehälter und Löhne von Arbeitern oder Helferinnen im Vergleich zu den öffentlichen Tarifen „etwas zu drücken“. Aber in der Vergangenheit habe es nach der Übernahme eines zuvor von der öffentlichen Hand getragenen Krankenhauses auch Gewinnler unter den Beschäftigten gegeben: „Die Berufsgruppen, die wie Ärzte oder Pfleger dringend gebraucht werden, wurden zum Teil besser gestellt.“