19.07.2004 · Ein so heißer Sommer wie im vorigen Jahr wäre für die Dreizehnjährige eine Qual. Denn ärmellose T-Shirts, kurze Röcke und bauchfreie Tops kann sie kaum tragen. Gut 80 Kilogramm bringt Melissa auf die Waage. - Der erste Teil einer Serie über dicke Kinder.
Von Brigitte RothEin so heißer Sommer wie im vorigen Jahr wäre für die Dreizehnjährige eine Qual. Denn ärmellose T-Shirts, kurze Röcke und bauchfreie Tops kann sie kaum tragen. Gut 80 Kilogramm bringt Melissa auf die Waage. Damit repräsentiert sie das eine Extrem von Eßstörungen, die bei Kindern und Jugendlichen in alarmierendem Umfang zunehmen. Die Zahl übergewichtiger Heranwachsender steigt, die der magersüchtigen aber auch. Dafür gibt es viele Gründe, der Körperkult ist einer. Mit Tatoos und Piercings wird der Körper gestylt, die Schönheitschirurgie formt, was von Natur aus zu wünschen übrigläßt.
Die Leiterin des Frankfurter Zentrums für Eßstörungen, Sigrid Borse, betrachtet diese Entwicklung mit Sorge. Denn in den Medien würden, unterstützt durch technische Manipulationen, ästhetische Maßstäbe gesetzt, die mit natürlichen Mitteln überhaupt nicht zu erreichen seien. Bei vielen Heranwachsenden führe das spätestens nach mehreren gescheiterten Diätversuchen zu Resignation und "Frustfressen": "Wenn ich sowieso nicht so toll aussehen kann, dann kann ich auch futtern." Das freilich ist nur eine Ursache dafür, daß zu viele Schüler heutzutage mehr als pummelig sind. Sind die Kinder heute unbeherrschter? Sind sie selbst schuld? Oder die Eltern? Die Umwelt vielleicht?
Mehr als doppelt soviele Dicke wie vor 20 Jahren
In Hessen waren nach Auskunft des Sozialministeriums im vergangenen Jahr 10,7 Prozent der Schulanfänger übergewichtig. Der jugendärztliche Dienst des Gesundheitsamts in Frankfurt, der bei den Schuleingangsuntersuchungen jährlich 5.000 bis 6.000 Mädchen und Jungen sieht, attestiert sogar 12,5 Prozent von ihnen Übergewicht, bei den Zehnjährigen 25 Prozent. Woanders geht die Jugend aber auch nicht schlanker durchs Leben. In den vergangenen 20 Jahren hat sich die Zahl übergewichtiger Kinder und Jugendlicher in Deutschland mehr als verdoppelt. Die Weltgesundheitsorganisation spricht von einer besorgniserregenden Entwicklung in allen Industrienationen.
Doch wann ist ein Kind wirklich zu dick, wann nur ein bißchen moppelig? Je nachdem, welche Maßeinheit zugrunde gelegt wird, und je nachdem, wann und wie gewogen wird, kommen Untersuchungen zu unterschiedlichen Ergebnissen. So stellen manche Ärzte die Mädchen und Jungen morgens nüchtern auf die Waage, andere nachmittags mit Kleidung und vollem Bauch. Richtig kompliziert ist die Definition von Übergewicht. Ungeachtet von statistischen Finessen und Rechenkünsten ist der Trend für die Leiterin des Frankfurter Gesundheitsamts, Sonja Stark, offensichtlich: Heutzutage seien die Mädchen und Jungen 14 Prozent schwerer als ihre Altersgenossen vor 25 Jahren. Dabei seien sie durchschnittlich nur drei Prozent größer als damals.
Und seien 1996 noch 21,5 Prozent der Zehnjährigen übergewichtig gewesen, so seien es jetzt 25 Prozent. Dabei legt das Gesundheitsamt einen altersabhängigen Body-Mass-Index (BMI) zugrunde. So gilt ein Sechsjähriger mit einem BMI von mehr als 15,4 als übergewichtig, bei einem Zehnjährigen liegt diese Grenze bei 16,8. Der BMI errechnet sich aus dem Körpergewicht geteilt durch die Körpergröße im Quadrat. Ergibt das bei einem Zehnjährigen gar einen Wert von mehr als 20, werde er als adipös eingestuft, sagt Stark.
Folgen im Alter: Bluhochdruck, Diabetes, Herzkrankheiten
Adipositas ist nichts anderes als ein wohlklingender Name für Fettsucht. Und die ist bei vielen Jugendlichen spätestens im Schwimmbad nicht mehr zu übersehen. Bekommen sie ihren Speck nicht rechtzeitig von den Hüften, sind sie als Erwachsene besonders anfällig für Diabetes, Bluthochdruck, eine Verengung der Herzkranzgefäße, für Arthrose oder Rückenbeschwerden. Aber wer zuviel auf die Waage bringt, ist nicht nur gesundheitlich gefährdet, sondern leidet auch seelisch. Dicke Kinder werden beleidigt, gehänselt und ausgegrenzt. Deshalb ist es nach Ansicht Starks so wichtig, frühzeitig etwas zu unternehmen. Nur zu einem Drittel seien die Gene verantwortlich für das Körpergewicht. Es bleibe somit genügend Spielraum zur positiven Veränderung. Die vor etwa einem Jahr von ihrer Behörde gegründete Arbeitsgemeinschaft Ernährungsprävention für Kinder und Jugendliche zum Beispiel, der unter anderem "Balance" und das Zentrum für Eßstörungen angehören, informiert in Schulen und bietet Einzelberatungen für Kinder und Eltern an.
In solchen Gesprächen wird offenbar, was die Kinder so alles in sich hineinstopfen - oft nebenbei. Hamburger und Döner gibt es an jeder Straßenecke, Fertiggerichte sind schnell aufgetaut und erwärmt. Nur noch wenige Familien gehen gemeinsam zu Tisch. Jeder ißt, wann und wo es ihm paßt. Da werden beim Computerspielen tütenweise Chips vertilgt, wird Limonade oder Cola mit hohem Zuckergehalt geschlürft, und fürs Fernsehen stehen schon die Fruchtzwerge bereit. Das macht nicht satt, aber dick.
Oft merken die Kinder gar nicht, was sie schon wieder alles gegessen haben. Borse vom Zentrum für Eßstörungen appelliert an die Nahrungsmittelindustrie, Produkte für Kinder mit weniger Zucker und Fett herzustellen. Es ärgert sie, daß sich die Werbung für Süßes und Fettes auch noch gezielt an Kinder wende. Da werde suggeriert, "meine Mami ist nur eine gute Mami, wenn sie mir die Schnitte mit der Extraportion Milch kauft. Denn nur dann werde ich groß und stark." Außerdem hätten die Mädchen und Jungen heutzutage mehr Geld zur Verfügung, oft 50 Euro im Monat, berichtet Borse.
Abhilfe: Fußball und Gummitwist statt Playstation
Schlechte Eßgewohnheiten allein wären noch nicht so schlimm, wenn die Kinder sich austoben würden. Aber welcher Junge klettert noch auf einen Baum, welches Mädchen hüpft mit dem Springseil über Hof oder Wiese? Statt Fangen, Fußball oder Gummitwist zu spielen, sitzen die Kinder vor dem Computer oder Fernseher. Zudem läßt ihnen die Gesellschaft weniger Bewegungsraum, viele haben verlernt, sich ihre Umwelt natürlich zu erschließen. Mag es ein Zeichen von Überbehütung oder auch berechtigter Angst sein: Die Sprößlinge werden zur Schule kutschiert und wieder abgeholt, mit dem Auto hierhin und dorthin gebracht. Das freilich verbrennt keine Kalorien.