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Gesundheit In Hessen großer Mangel an Spenderorganen

30.08.2005 ·  Von einem gewissen Alter an reden die meisten Menschen nicht mehr gerne über ihr Geburtsdatum - Elfriede Müller schon. Sie ist sogar stolz darauf, antworten zu können. Denn lebt seit gut 17 Jahren mit einem neuen Herzen und einer neuen Niere. Doch nicht jeder Transplantationskandidat erhält auch ein Organ.

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Von einem gewissen Alter an reden die meisten Menschen nicht mehr gerne über ihr Geburtsdatum - ganz im Gegensatz zu Elfriede Müller. Sie ist sogar stolz darauf, auf die Frage antworten zu können: "Ich bin 66 Jahre, und ich bin froh, daß ich so alt geworden bin." Elfriede Müller lebt seit gut 17 Jahren mit einem neuen Herzen und einer neuen Niere. Sie sei damit eine der ersten Patientinnen in Deutschland mit einer kombinierten Herz-Nieren-Transplantation, berichtet Ernst-Heinrich Scheuermann, der sie lange vor der Organtransplantation als Dialyse-Patientin in Frankfurt betreut hat. Scheuermann ist Mitglied der ärztlichen Leitung des Nieren-Zentrums am Schleusenweg, das eng mit dem Universitätsklinikum zusammenarbeitet, und dort als Oberarzt in der Nephrologie tätig.

Eine chronisch entzündliche bakterielle Infektion der Nieren führte bei Elfriede Müller zur Erkrankung der beiden Organe und schließlich zu deren endgültigem Versagen. Denn eine eingeschränkte Herzfunktion infolge rheumatischen Fiebers, begleitet von Entzündungen an den Herzklappen, wirkte sich auch auf die Funktion der vorgeschädigten Nieren aus. Langfristig konnten weder das Implantieren einer biologischen Herzklappe noch die Dialyse verhindern, daß Elfriede Müller schließlich so schwach wurde, daß sie kaum mehr ein paar Meter zu Fuß gehen konnte. So wurde sie im September 1987 auf die Warteliste von Eurotransplant gesetzt. Die niederländische Stiftung ist für die Verteilung von Spenderorganen in Deutschland, Österreich, den Beneluxländern, Kroatien und Slowenien zuständig und fand im Januar 1988 einen geeigneten Spender für Elfriede Müller.

Nach Auskunft Scheuermanns waren die Wartezeiten damals deutlich kürzer als heute. Inzwischen bestehe besonders in Hessen trotz intensiver Bemühungen der Deutschen Stiftung Organtransplantation und des hessischen Sozialministeriums ein eklatanter Mangel an Spenderorganen. Auf eine Million Einwohner kommen in Hessen rechnerisch lediglich 10,5 Spender, im Bundesdurchschnitt sind es immerhin 13,8. Ein Nierenkranker müsse in Hessen durchschnittlich sechs Jahre auf ein passendes Ersatzorgan warten, und von den Herzpatienten stürben etwa 20Prozent auf der Warteliste. Diese prekäre Situation führt Scheuermann vor allem darauf zurück, daß die Warteliste im Laufe der Jahre immer länger geworden ist.

Die Landesregierung habe mit der Gründung der "Initiative Organspende Hessen" im Jahr 2002 einen Beitrag zur breiten öffentlichen Diskussion und Aufklärung geleistet, glaubt Sozialministerin Silke Lautenschläger (CDU). Am 5.Juni hatte sie zum "Tag der Organspende" die Bevölkerung abermals dazu aufgerufen, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen und Verantwortung für sich zu übernehmen. Umfragen hätten ergeben, daß 70 bis 80 Prozent der Bürger einer Organspende positiv gegenüberstünden, doch nur zwölf Prozent hätten einen Spenderausweis. Diese Diskrepanz hängt für Lautenschläger damit zusammen, daß Organspende mit dem Tod verbunden sei und dieser von vielen Menschen verdrängt werde.

Scheuermann führt den Mangel an Spenderorganen unter anderem auf das weitverbreitete Vorurteil zurück, mit einem Spenderausweis in der Tasche würden im Notfall nicht alle medizinischen Möglichkeiten zum Überleben ausgeschöpft. Darüber hinaus hänge viel von der Gesprächsführung mit den Angehörigen ab, und obwohl sie gesetzlich dazu verpflichtet seien, "sind die Meldungen als Organspender in Betracht kommender Verstorbener durch die Krankenhäuser außerordentlich lückenhaft". Möglicherweise liege das an der Arbeitsüberlastung des Personals auf den Intensivstationen, vermutet Scheuermann.

Von ein und demselben Spender erhielt die damals 48 Jahre alte Elfriede Müller im Frankfurter Universitätsklinikum zunächst ein neues Herz und - zwölf Stunden später - eine Niere. Ein solcher Eingriff ist auch heute noch selten, viel häufiger ist die kombinierte Pankreas-Nieren-Transplantation zur Behandlung von Diabetikern mit vollständigem Nierenversagen. Dieser Eingriff wurde am Transplantationszentrum des Frankfurter Universitätsklinikums im vergangenen Jahr zehnmal vorgenommen.

Noch heute macht Elfriede Müller häufig zu schaffen, daß der verstorbene Spender damals jünger war als sie. Über seine Identität weiß sie nichts. Das ist üblich, denn die Herkunft der Spenderorgane muß nach dem Datenschutzgesetz geheim bleiben, unter anderem, um zu verhindern, daß Angehörige des Spenders auf den Empfänger Druck ausüben können. Gleichwohl habe sie sich oft den Kopf zerbrochen, ob der Verstorbene wohl eine Familie hatte, kleine Kinder vielleicht, sagt Elfriede Müller. "Noch heute denke ich oft: Wer war der Mensch?"

Wenn Elfriede Müller ins Grübeln gerät, fragt sie sich auch, wie der Spender zu Lebzeiten wohl zur Organspende gestanden habe. In Deutschland gilt die sogenannte erweiterte Zustimmungslösung. Das bedeutet, daß entweder der Verstorbene zu Lebzeiten schriftlich einer Organentnahme zugestimmt haben muß - zum Beispiel in Form eines Organspendeausweises - oder daß Angehörige ihr Einverständnis zu einer Organspende geben und damit im Sinne des Verstorbenen handeln. Als Elfriede Müller operiert wurde, war dies zwar gesetzlich noch nicht so festgeschrieben, wurde aber dennoch so gehandhabt.

Die ehemalige Angestellte der Stadtverwaltung Bad Vilbel ist trotz ihrer schweren Krankheit ein optimistischer Mensch geblieben. Was andere als lästige Pflicht empfinden, etwa Haushaltsarbeiten oder Einkäufe, findet sie "großartig": Vor den Transplantationen war sie für jeden Handgriff zu schwach, jeder Weg war ihr zu weit. Über Gesundheit redet die sonst so offene, dreifache Großmutter nur ungern. Sie werde sich schon richtig verhalten, meint sie. Schließlich könne sie sich nicht unter eine Glasglocke zurückziehen. Auch daß sie täglich zwölf verschiedene Medikamente schlucken muß, unter anderem gegen die Abstoßung der fremden Organe, nimmt sie gelassen hin. Das Arzneimittelkästchen ist immer dabei, auch wenn sie wie in diesem Sommer mit ihrem Ehemann, mit dem sie seit 45 Jahren verheiratet ist, in den Urlaub fährt.

BRIGITTE ROTH

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