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Gesundheit Ein Leben voller Fettpunkte

Bad Orb. Die Wiegeliste lügt nicht. Leonie Harms, 85,6 Kilogramm, steht auf dem Zettel, und kurz darunter: Rebecca Krohn, 98,6 Kilogramm.

© Rainer Wohlfahrt Vergrößern Strampeln für die Linie: Weniger und richtiges Essen ist ein Schlüssel zum Normalgewicht, Bewegung ein anderer.

Die Wiegeliste lügt nicht. Leonie Harms, 85,6 Kilogramm, steht auf dem Zettel, und kurz darunter: Rebecca Krohn, 98,6 Kilogramm. Das Blatt hängt an der Pinnwand im Gruppenraum, die bösen Zahlen sind sechs Wochen alt. Damals waren Leonie und Rebecca, 13 und 14 Jahre alt, gerade in die Spessart-Klinik Bad Orb gekommen. Zum Abnehmen. Zum Leichterwerden. Zum Besserfühlen.

Tobias Rösmann Folgen:

Rebecca ist dick, seit sie denken kann. Schon im Kindergarten wog das blonde Mädchen mit dem netten Lächeln zu viel. In den Fragebogen der Klinik hat sie geschrieben, dass sie unter ihrem Aussehen leidet. Sport macht sie nicht, dafür greift sie zu oft nach Süßigkeiten: immer nebenher, meistens bei den Hausaufgaben. Auf der Straße, in Neu-Isenburg, wird die Realschülerin manchmal ausgelacht. „Das Wichtigste ist, dass ich regelmäßig esse“, sagt das Mädchen mit dem Doppelkinn.

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Klinik für das Selbstbewußtsein

Leonie ist 13 und kommt aus Groß- Gerau. Sie trägt eine rechteckige Brille und hat rote, wellige Haare, die sie mit einem Zopfband bändigt. Sie ist größer als Rebecca, ungefähr 1,65 Meter. Wenn sie lacht, lacht sie laut. In die Klinik ist sie gekommen „fürs Selbstbewusstsein“. Leonie schwimmt gerne. Sie geht auf die Gesamtschule. Ausgelacht wird sie nie, dafür aber gehänselt. Wenn sie Sport macht, bekommt sie Seitenstiche. Auf ihrem schwarzen T-Shirt steht: „Let the love shine.“

Gerd Claußnitzer öffnet die Tür zum Chefarztbüro. Er ist sehr schlank. Für den 47 Jahre alten Kinder- und Jugendmediziner sind Leonie und Rebecca typische Fälle. „Mit 13, 14, da entsteht der Leidensdruck“, sagt der Ernährungsfachmann. „Dann, wenn sich die Geschlechterrollen ausbilden.“ Vorher sind pummelige Kinder süß. Wonneproppen mit Babyspeck. Diese Ansicht ist verbreitet, und sie ist gefährlich, denn der Körper kann Fettzellen überhaupt nur bilden, bis er zehn Jahre alt ist. Danach können nur die vorhandenen Fettzellen noch wachsen.

Verheerende Folgen

Die Folgen sind verheerend: Wer als Kind zu dick ist, wird als Erwachsener schnell fett. Sind die Fettzellen einmal da, bleiben sie für immer. Claußnitzer sagt: „Das Gewicht zu halten wird dann ein lebenslanger Kampf.“ Kürzlich hat er einen Dreijährigen behandelt, der wog 50 Kilo. Normal sind 15.

Leonie Harms schaufelt sich den Teller voll. Eine Zange mit Salat und Tomatenstücken nach der anderen schiebt sie in das Fladenbrot. Rebecca und sie stehen in der Lehrküche der Klinik. Auf der Speisekarte steht Döner. Gesunder Döner natürlich, mit Hähnchenfleisch und einer Soße aus Magerquark und Trockenkräutern. Als Vorspeise gibt es Salat mit Thunfisch, der nicht in Öl, sondern in Wasser eingelegt war. Zum Nachtisch wird selbstgemachtes Erdbeereis gereicht: gefrorene Erdbeeren, fettarme Milch, etwas Zucker. Es schmeckt, als wäre es vom Eismann.

30 Fettpunkte sind erlaubt

Horst Bauer, Diätassistent der Klinik, sagt: „Das Ziel ist, den Kindern klarzumachen: ,Das schmeckt so gut, das will ich zu Hause auch kochen.‘“ Deshalb gibt es in den Kochkursen auch Pizza – oder Cordon Bleu ohne Panade. Denn allein die hat 30 Fettpunkte, weil sie das Pfannenöl aufsaugt. Und 30 Fettpunkte sind das Maximum, was die Kinder und Jugendlichen in Bad Orb täglich an Fett zu sich nehmen dürfen. Alles, was sie essen, tragen sie in einen Ordner ein.

Ein Leben nach Fettpunkten. Eine Bratwurst hat 29, eine Dose Thunfisch in Öl hat 30. Wer eine Portion frittierte Pommes mit Currywurst isst, deckt den Tagesbedarf eines Erwachsenen von 60 bis 80 Gramm. Rebecca setzt sich an den Esstisch und beißt in den Fettarm-Döner: „Schmeckt gut.“

Wie ein Korken in der Badewanne

Wegen der Sache mit der Badewanne war sogar der Chefarzt überrascht. 170 Kilo wog das zehn Jahre alte Mädchen, das in der Klinik seine Adipositas bekämpfen sollte. Adipositas heißt Fettsucht, aber das hört sich nicht so schön an. Irgendwie unanständig. „Wir haben uns gar nichts Böses dabei gedacht“, sagt Claußnitzer.

Aber als die Krankenschwestern das Mädchen in eine herkömmliche Badewanne hievten, blieb das Kind stecken. Wie ein Korken in der Flasche. Lieber erinnert sich der Arzt da an den Siebzehnjährigen, der mit 250 Kilo in seine Klinik kam und in drei Monaten 50 Kilo verlor. Abnehmen, sagt Claußnitzer, ist auch eine Frage der Disziplin.

Wasser fülllt den Magen

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