28.04.2003 · Der neue Wissenschaftsminister Udo Corts (CDU) über seine Pläne für die hessischen Hochschulen und die eigene Karriere.
Ihre Ernennung zum Wissenschaftsminister scheint manchen erstaunt zu haben. FDP-Fraktionschef Jörg-Uwe Hahn hat nach Ihrer Vorstellung durch Roland Koch gesagt: "Corts muß Nachhilfeunterricht nehmen." Haben Sie einen guten Nachhilfelehrer gefunden?
Ich glaube, daß es nicht darum geht, selbst der Künstler an der Spitze der Kulturverwaltung zu sein, sondern darum, gewisse Reformprozesse in Gang zu setzen oder fortzuführen. Ich glaube, daß ich das kann und daß ich das in anderen Bereichen unter Beweis gestellt habe. Ich brauche nicht die Relativitätstheorie neu zu erfinden, sondern ich versuche, den Wissenschaftsbereich weiter zu reformieren.
Viele dachten, Sie würden Wirtschaftsminister werden. Hat es Sie überrascht, daß es anders kam?
Die jungen Leute würden sagen: nicht wirklich. Ich bin auch kein klassischer Mann der Wirtschaft. Wenn Sie sich meinen Lebenslauf anschauen, sehen Sie, daß ich im großen und ganzen Generalist bin. Es gab zwei Tage nach der Wahl ein Gespräch mit dem Ministerpräsidenten über meine weitere berufliche Entwicklung, auch über die Frage des Eintritts ins neue Kabinett. Ich habe sehr frühzeitig gesagt, daß das Amt des Wissenschaftsministers mir Spaß machen könnte. Erstens, Sie leiten ein eigenes Ressort. Und das zweite ist: Die Kompetenzen auf Landesebene in diesem Bereich sind sehr groß. Daraus kann man eine ganze Menge machen. Deswegen: überrascht nein, sondern eigentlich ganz glücklich darüber.
Wie haben die Professoren und Hochschulpräsidenten auf Ihre Ernennung reagiert?
Ich habe zwei Gespräche geführt, bevor ich Minister wurde, einmal mit den Universitätspräsidenten, einmal mit den Fachhochschulpräsidenten. Und ich hatte den Eindruck, wir hatten uns viel zu sagen und werden das fortsetzen. Ich bin sehr offen empfangen worden, ich war angenehm überrascht.
Das heißt, Sie werden jetzt ein regelmäßiges Forum mit sämtlichen Hochschulpräsidenten installieren?
Wir haben einen Rhythmus vereinbart. Ich halte es in einer Phase, in der wir einiges verändern oder reformieren wollen, für ganz wichtig, daß nicht über Bande gespielt wird, Briefe ausgetauscht werden oder die Presse genutzt wird, sondern daß man ein offenes Gespräch über die Sache miteinander führt. Das möchte ich einmal im Kreis aller Hochschulpräsidenten tun und monatlich alternierend im Kreis der Fachhochschulpräsidenten. Und dann möchte ich einmal in einem großen Forum - das kann alle drei Monate stattfinden - mit einer festen Tagesordnung die Dinge abarbeiten.
Ministerpräsident Kochs jüngste Äußerungen zur Hochschulpolitik haben sicher manchem einen Schrecken eingejagt. Da hieß es etwa, daß sich die Universitäten als Dienstleister verstehen müßten oder daß man Institute, die "wissenschaftlich tot" seien, auch schließen könne. Was kommt jetzt auf die Hochschulen zu?
Ein Blick ins Hochschulrecht zeigt, daß ein Minister nicht allein in der Lage ist, einen Studiengang zu schließen. Aber man muß die Universitäten darauf hinweisen, daß die Geldvermehrung nicht endlos ist. Müssen wir an allen Universitäten der Region alles anbieten? Nein! Wir müssen Profile bilden. Es gibt ja sogar Studiengänge - ich weiß von einem, den ich aber jetzt nicht nennen werde -, für die ist kein einziger Student eingeschrieben. Da kann ich doch darüber nachdenken, ob ich das Geld nicht an anderer Stelle einsetze. Es geht darum, die Hochschulen wettbewerbsfähiger zu machen. Die Studenten müssen sagen: Wir gehen nach Frankfurt, weil die Angebote einfach besser sind. Dort kann ich Sonntag abends in die Bibliothek gehen, habe ein besseres Betreuungsverhältnis und so weiter. Das müssen wir deutlich machen, und das müssen wir auch vermarkten.
Das ist aber doch eine etwas härtere Gangart, als Ihre Vorgängerin, Frau Wagner, sie einschlug.
Ich halte eine gewisse Konsequenz für notwendig. Und ich bin sicher, daß die Universitätspräsidenten und die Gremien so reformfähig und reformwillig sind, daß sie diesen Gang mitgehen werden. Jeder Präsident ist auch ein bißchen eitel und will seine Universität an der Spitze sehen. So wie wir in der letzten Legislaturperiode die Quantität im Bildungswesen verändert haben, möchten wir jetzt die Qualität steigern, und dazu gehört es, vielleicht auch eines Tages zu sagen, wir nehmen nicht mehr jeden Studenten, sondern wir suchen sie uns aus.
Wenn die Universität zum Dienstleister wird, dann steht auf der anderen Seite der Student als - möglicherweise zahlender - Kunde. Zunächst einmal soll von Langzeitstudenten Geld verlangt werden. Wie hoch wird die Gebühr sein, und wie definieren Sie den Begriff "Langzeitstudent"?
Wenn wir feststellen, daß jemand die Regelstudienzeit ziemlich weit überschreitet, wird er zahlen müssen. Die Gebühr könnte wie in anderen Ländern um die 500 Euro pro Semester liegen. Das ist sozial akzeptabel.
Was heißt "ziemlich weit" überschreiten?
Der grobe Rahmen liegt ungefähr bei 50Prozent Überziehung der Regelstudienzeit. Damit nicht der Anschein erweckt wird, daß sich der Finanzminister damit refinanziert, sollen die Gebühren in einen Stipendienfonds fließen. Er soll leistungsstarken, überdurchschnittlich qualifizierten Studenten die Möglichkeit geben, frei von der üblichen Jobberei ihr Studium schneller durchzuziehen und vielleicht auch einmal einen Auslandsaufenthalt zu absolvieren.
Ist es Ihr Fernziel, Studiengebühren für alle einzuführen?
Das sehe ich zur Zeit noch nicht. Solange wir eine Finanzierung so wie jetzt, aus normalen Steuermitteln, hinbekommen, halte ich es nicht für erforderlich. Ich weiß nicht, ob wir irgendwann in die finanzielle Zwangslage kommen. Wenn wir den Hochschulpakt so fortschreiben können wie bisher, besteht die Gefahr nicht.
Was halten Sie von einem Teilzeitstudium?
Auch das ist ein Modell. Das hängt vom Lebensentwurf des einzelnen ab. In Amerika, so habe ich das kennengelernt, macht man seinen Bachelor, arbeitet dann eine Weile und geht irgendwann an eine Graduate School. Wenn Sie sich heute die Bewerbungen von akademisch ausgebildeten Berufsanfängern anschauen, weisen die mittlerweile alle Praktika und Volontariate nach, um darzustellen, daß sie nicht reine Theoretiker sind, sondern auch mal woanders hineingeschaut haben. Ich möchte jungen Leuten die Möglichkeit eröffnen, ihre Ausbildung in Bausteinen zu absolvieren. Einzelheiten sind noch nicht so ausgefeilt, daß ich sie vortragen will, aber diese Alternative sollte ermöglicht werden.
Stichwort Bachelor: Man hat den Eindruck, daß sich diese Studiengänge in Hessen geradezu epidemisch ausbreiten. Ihre Vorgängerin war dem gegenüber aufgeschlossen, hat sinngemäß aber einmal gesagt, das deutsche Diplom und der deutsche Magister seien durchaus auch Markenartikel. Wie ist Ihre Haltung?
Da sehe ich keinen großen Unterschied zu Frau Wagner. Es gibt viele Dinge in anderen Ländern, die man sich anschauen und die man manchmal auch übernehmen kann. Ich sehe es bei den Abschlüssen nicht unbedingt. Wir haben ja schon unterschiedliche Ausbildungsgänge. Absolventen der Fachhochschule etwa können später direkt in den Beruf gehen. Die Abschlüsse müßten allerdings schneller als zur Zeit gemacht werden.
Viele sagen aber, eine allzu große Beschleunigung der universitären Ausbildung sei nicht sinnvoll.
Das ist eine persönliche Einschätzung. Ich habe Jura studiert und habe die Zeit genutzt, auch viele andere Dinge neben dem Studium zu machen. Wenn ich mich ausschließlich auf das Studium konzentriert hätte, glaube ich, hätte ich es sehr viel schneller absolvieren können. Ob das immer sinnvoll ist oder man nicht auch ein bißchen Studium generale haben sollte, ist die Frage. Der ernsthafte Versuch bei den Juristen, Leute nach sieben, acht Semestern zum Examen zu ermutigen, hat bei vielen zu einer Beschleunigung geführt.
Also ein Freischuß für alle Staatsexamensfächer?
Das will ich erst mal mit den Fachleuten besprechen, ich kann noch nicht sagen, ob das so sinnvoll ist. Aber es kann Vorteile haben.
Es gab einige Unruhe wegen der Überlegung, die ASten abzuschaffen. Ist diese Idee jetzt endgültig vom Tisch?
Ich habe vor, im Rahmen meiner Antrittsbesuche und Empfänge auch mit den Vertretern der ASten zu sprechen. Ich glaube, daß die ASten ganz sinnvoll für die politische Bildung sind. Was von Teilen meiner Partei, insbesondere vom RCDS, kritisiert wurde, ist, daß man bestimmte Ziele allgemeinpolitischer Art mit Geldern verfolgte, die nicht dafür vorgesehen waren. Aufgabe der ASten ist, die Leistungen für die Studenten zu verbessern. Es gibt jetzt schon Instrumente, mit denen man das ein bißchen besser kontrollieren kann. Ich werde mir anschauen, wie sich das weiterentwickelt, und habe vorgesehen, daß darüber diskutiert wird, welche Funktionen Studentenvertretungen künftig haben sollten. Zur Zeit ist es kein Thema.
Wie sollte die hessische Hochschullandschaft in fünf Jahren aussehen?
Ich möchte, daß es eine bessere Vernetzung zwischen den Universitäten gibt. Die unterschiedlichen Universitäten sollen Profile gebildet haben. Ich möchte, daß man mit bestimmten Universitäten bestimmte Fächer verbindet, von denen sie sagen können: "Wir sind ,the best'."
Und als was sehen Sie sich in fünf, sechs Jahren? Als Frankfurter Oberbürgermeister vielleicht, als Minister in einem Kabinett von Bundeskanzler Roland Koch, als hessischer Ministerpräsident? Oder immer noch als Wissenschaftsminister?
Ich sehe mich in fünf Jahren als Wissenschaftsminister, nach einer hoffentlich wieder gewonnenen Landtagswahl. Ich möchte dieses Amt fünf Jahre innehaben, weil ich glaube, daß man, wenn man jetzt gewisse Dinge anschiebt, am Ende auch die Ergebnisse sehen möchte. Ich war jetzt vier Jahre Staatssekretär, ich war vorher knapp vier Jahre Stadtrat. Alles andere käme viel zu früh. Ich habe nach drei Wochen den Eindruck, daß mir die Aufgabe, die ich jetzt übernommen habe, noch sehr viel Spaß machen wird. Sie ist ja auch ordentlich bezahlt.
Die Fragen stellten Eva-Maria Magel und Sascha Zoske