Home
http://www.faz.net/-gzg-whf5
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Gesellschaft Babyboom in Hessen

Die Zahl der Geburten ist in Hessen erstmals seit zehn Jahren wieder gestiegen - und noch dazu stärker als im Bundestrend. Inwieweit das Elterngeld und der Ausbau der Kinderbetreuung ausschlaggebend sind, ist unter Fachleuten umstritten.

© picture-alliance/ ZB Vergrößern Fast 29.000 Kinder kamen 2007 in Hessen zur Welt, 2,2 Prozent mehr als im Jahr zuvor

Babyboom in Hessen: Die Zahl der Geburten ist erstmals seit zehn Jahren wieder gestiegen und noch dazu stärker als im Bundestrend. In den ersten sieben Monaten 2007 kamen zwischen Trendelburg und Hirschhorn nach vorläufigen Zahlen 28.907 Säuglinge zur Welt, 2,2 Prozent mehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahres, wie das Statistische Bundesamt in Wiesbaden berichtete.

Im Bund fiel der Geburtenanstieg im selben Zeitraum um 1,4 Prozentpunkte geringer aus. Inwieweit das 2007 eingeführte Elterngeld und der Ausbau der Kinderbetreuung ausschlaggebend sind, ist unter Fachleuten umstritten. Das gilt um so mehr, als 2006 mit rund 51.400 Neugeborenen der Tiefststand in Hessen erreicht worden war.

Mehr zum Thema

Info-Lücken bei Elterngeld

Der Direktor des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung, Reiner Klingholz, sagte, das Elterngeld biete nicht nur finanzielle Unterstützung, sondern auch einen Anreiz, möglichst schnell ins Berufsleben zurückzukehren. „Das ist genau das, worauf die potenziellen Eltern gewartet haben.“ Die Sexualberatungsorganisation Pro Familia ist da ganz anderer Ansicht. Eine Umfrage unter rund 400 Klienten ein Jahr nach Einführung des Elterngeldes habe „erheblichen Nachholbedarf“ bei Kinderbetreuungsangeboten ergeben, sagte die Landesgeschäftsführerin Brigitte Ott. Der Bezug des Elterngeldes von maximal 14 Monaten sei vor allem für Arbeitslose viel zu kurz. Viele Jugendliche und Alleinerziehende seien zudem kaum darüber informiert.

Trendforscher Matthias Horx hatte schon im März 2006 einen Anstieg der Geburtenrate in Deutschland vorhergesagt. Die Lust auf Kinder steige, wenn Frauen nicht in klassischen Hausfrauenrollen isoliert würden. Eine kinderfreundliche Umgebung und flexible Jobs seien ebenfalls entscheidend. Viele junge Frauen wollten dabei lieber ein Familienleben in der Stadt als in einem Vorort.

Rückbesinnung auf die Familie

Der Vorsitzende des Berufsverbands Deutscher Psychologen Hessen, Peter Fiesel, sieht eine Reihe gesellschaftlicher Entwicklungen als Ursache. Junge Leute suchten wieder stärker nach einer Sinnhaftigkeit in ihrem Leben und entschieden sich daher auch eher für Kinder. Die Rückbesinnung auf die Familie könne aber auch eine Folge des Elterngeldes und der Diskussion über die Überalterung der Gesellschaft sein. Die klassische Emanzipationsthematik mit dem Ziel der Selbstfindung im Beruf sei zudem in den Hintergrund getreten und habe dem Thema Familienplanung wieder mehr Raum überlassen.

Ott von pro familia hält die Entspannung der wirtschaftlichen Lage für die Hauptursache des Geburtenanstiegs. Die Statistiker der größten Stadt Hessens sehen darin auch einen Grund. „Wenn die Wirtschaft wächst, wird auch Frankfurt größer - dieser einfache Zusammenhang hat von Juli bis September zu einem hohen Bevölkerungszuwachs in der Mainstadt geführt“, heißt es in einer Mitteilung des Bürgeramtes. Allerdings bezieht sich dies nicht nur auf die Zahl der Geburten, sondern auch auf die Zuzüge.

In Frankfurt soviele Geburten wie seit 1969 nicht mehr

Dennoch haben im Sommer in Frankfurt so viele Säuglinge das Licht der Welt erblickt wie seit 38 Jahren nicht mehr: 1915 Babys kamen im dritten Quartal in Frankfurt zur Welt, eins weniger als im zweiten Quartal 1969. Dieses Plus sei „vor allem auf die nachgeholte Erfüllung des Kinderwunsches zurückzuführen“, schreiben die Statistiker über immer ältere Mütter. „Besonders in den Altersjahrgängen zwischen 34 und 41 haben die Geburtenzahlen in den letzten Jahren deutlich zugenommen.“ Die Beamtenstadt Wiesbaden und die Single-Hochburg Frankfurt führten bereits 2005 eine Geburten- Hitliste der 50 größten Städte Deutschlands an, die auf eine Umfrage des Hamburger Männermagazins „Men's Health“ in den Kommunen zurückging.

Unbestritten ist inzwischen immerhin, dass der Geburtenanstieg nicht auf einen Babyboom nach der Fußball-Weltmeisterschaft zurückzuführen ist. Neun Monate nach der WM gab es sogar weniger Neugeborene als im gleichen Monat des Vorjahres.

Quelle: FAZ.NET mit dpa/lhe

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Studie zur Geburtenrate Deshalb bekommen die Deutschen so wenig Kinder

Das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung hat untersucht, warum so viele junge Menschen in Deutschland keine Familien gründen. Ein entscheidender Grund: ein unerreichbarer Perfektionsanspruch. Mehr Von Uta Rasche

19.03.2015, 14:18 Uhr | Feuilleton
Vermisste Säuglinge Der serbischen Baby-Mafia auf der Spur

In Serbien kommt ein schlimmer Verdacht immer mehr ans Tageslicht: Jahrzehnte schon sollen Neugeborene in Kliniken für tot erklärt worden sein. Ein Verein geschädigter Eltern geht der mutmaßlichen Baby-Mafia nun auf die Spur. Mehr

19.02.2015, 12:55 Uhr | Gesellschaft
Termine des Tages Deutscher Bundestag diskutiert über Krankenversicherung

In Berlin geht es im Ausschuss für Gesundheit des Deutschen Bundestages heute um das GKV-Versorgungsstärkungsgesetz. Außerdem wird über die private Krankenversicherung sowie über die Gesundheitsvorsorge diskutiert. Mehr

25.03.2015, 06:10 Uhr | Wirtschaft
New Orleans Babyboom nach hartem Winter

Neun Monate nach Schnee, Eis und klirrender Kälte erlebt New Orleans einen Babyboom. Viele Schwangere haben den Winter als Grund ihrer Empfängnis bestätigt. Mehr

14.11.2014, 09:39 Uhr | Gesellschaft
Bildung Wieviel Geld wir für unsere Schüler ausgeben

Rund 6300 Euro gibt Deutschland im Schnitt je Schüler aus. Am wenigsten sind es in Nordrhein-Westfalen. Mehr

19.03.2015, 14:54 Uhr | Wirtschaft
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 01.01.2008, 10:08 Uhr

Scheinheilige Hobbystrategen

Von Matthias Alexander

Ging sie zu hart vor oder zeigte sie zu wenig Präsenz? Die Polizei wird nach den Blockupy-Krawallen von vielen Seiten angegriffen. Aus politischer Strategie verbünden sich dazu selbst FDP und Linkspartei. Mehr 3 3