05.11.2008 · An Kaiser Barbarossa, den Schriftsteller Grimmelshausen und den Telefon-Erfinder Philipp Reis will Gelnhausen erinnern und die Söhne der Stadt in einem unverwechselbaren Museum würdigen.
Von Holger DellKaum eine andere Kleinstadt kann deutsche Geschichte und Kultur so umfassend und eindrucksvoll wie Gelnhausen an bedeutenden Persönlichkeiten festmachen, die dort geboren wurden oder gewirkt haben. Kaiser Friedrich I., genannt Barbarossa, der Gründer der Stadt und Erbauer der heute besterhaltenen Stauferpfalz, steht für den Geist und das Handeln im Mittelalter. Dem an der Schmidtgasse geborenen Barockschriftsteller Johann Jacob Christoffel von Grimmelshausen verdankt die Literatur einzigartige Schilderungen vom Leben und Denken zu Zeiten des Dreißigjährigen Krieges, die zur Weltliteratur gehören. Der Telefonerfinder Philipp Reis verkörpert den Aufbruch in unser technisches Zeitalter. In Zukunft will Gelnhausen den Stolz auf seine großen Söhne eindrucksvoller zeigen, als dies in der Vergangenheit geschah. Doch dazu bedarf es großzügiger Spender und Sponsoren.
Relativ selten haben sich in den zurückliegenden Jahren Besucher in das Heimatmuseum in der ehemaligen Augusta-Schule am Obermarkt verirrt. Als es 1986 öffnete, galt es mit seinen hübsch und meist hinter Glaswänden aufgebauten Exponaten zwar als gefällig, ließ aber eine Konzeption vermissen, die der ehemals Freien Reichsstadt und ihren Persönlichkeiten gerecht geworden wäre. Heute hat fast jedes Dorf eine solche Stätte, in der altes Handwerksgerät, ein paar Bodenfunde, Biedermeiermöbel, Fotos und Bücher zu finden sind.
Kostbare Münzen mit dem Bildnis des Kaiserpaares
Auf kleiner Fläche im Foyer des Gebäudes, wo auch noch Tourist-Information, Bibliothek und Stadtarchiv beheimatet sind, in einem größeren Raum im Erdgeschoss und einem Kellerraum fristet das Museum seit zwei Jahrzehnten unverändert und fast unbeachtet sein Dasein. Der Versuch, 800 Jahre Stadtgeschichte auf engem Platz zu präsentieren, verbaut den Blick auf das Außergewöhnliche. Barbarossa und Grimmelshausen haben unauffällig im Foyer Platz genommen, Philipp Reis steckt in einem gläsernen Kasten mit Sprechapparaten und Telefonen am Treppenabgang zum Kellerraum.
Dabei könnte das Museum mit Pfunden wuchern, die es in Europa und in der Welt einzigartig machten, sagt Altbürgermeister Jürgen Michaelis, der Vorsitzende einer vor zwei Jahren gegründeten Kulturstiftung Gelnhausen. In Banktresoren und im Stadtarchiv schlummerten einzigartige Schätze, die in Verbindung zu den großen Söhnen der Stadt stünden und die die Stiftung und der Geschichtsverein der Öffentlichkeit zugänglich machen möchten. Kostbarstes Gut sind einige in Barbarossas eigener Gelnhäuser Münzprägestätte hergestellte Brakteaten mit dem Bildnis des Kaiserpaares und 15 Erstausgaben von Grimmelshausen-Schriften, darunter der Simplicissimus, sowie weitere Drucke der Barockzeit, die zum Teil irrtümlich dem großen Gelnhäuser Dichter zugeschrieben wurden. Der Porzellanfabrikant Adolf Huber hatte sie kurz vor seinem Tod im Jahre 2005 der eigens für diesen Bücherschatz gegründeten Kulturstiftung vermacht.
Gerüchte machten in jüngerer Zeit die Runde, durch falsche Lagerung seien kostbare Schriften bereits angegriffen und teilweise zerstört. Tatsächlich hatte sich im Archiv an einer Wand Schimmel gebildet, und seine Sporen hatten sich überall im Raum als die Gesundheit bedrohender Staub niedergeschlagen, der derzeit aufwendig entfernt wird. Aber an Papieren richtete er keinen Schaden an. Betroffen waren erst recht nicht die Grimmelshausen-Bücher. Diese sind sicher in Schließfächern der Kreissparkasse verwahrt.
Turbinenhaus als Ausstellungsfläche
Der Vorsitzende des Gelnhäuser Geschichtsvereins, Vollbrecht Kalbfleisch, räumt allerdings ein, dass in den Museumsarchiven ein ungewöhnlich großer, ungeordneter Bestand an Dingen lagere, der bisher nicht zu sehen gewesen und „nicht glücklich“ gelagert worden sei. Die Stadt hat mit dem Verein im Mai dieses Jahres eine Vereinbarung geschlossen, wonach der Geschichtsverein das Museum künftig – allerdings in Abstimmung mit ihr – ehrenamtlich verwalten und betreiben wird.
„Unser großes Ziel ist es, die Attraktion des Museums zu steigern. Da uns aber Mittel und Personal fehlen, dies selbst zu bewältigen, wurde die vor einem Jahr geborene Idee verwirklicht, die Aufgabe an den Geschichtsverein zu übertragen“, äußerte jetzt Bürgermeister Thorsten Stolz (SPD). Ein Aufruf zur Mitarbeit war erfolgreich. Bislang meldeten sich etwa 20 freiwillige Helfer, von denen einige die Bestände inventarisieren werden. Gemeinsam erarbeiteten Geschichtsverein, Kulturstiftung und deren Kuratorin und Grimmelshausen-Expertin Simone Ploetz-Grünewald ein Konzept, mit dem nicht allein die Schätze aus den Tresoren und Archiven anschaulich präsentiert werden sollen. Vielmehr soll ein Museum zum Anfassen und Mitmachen entstehen, das die Beschäftigung mit der Geschichte und ihren großen Persönlichkeiten zum Erlebnis werden lässt. Erste konkrete Projekte will Ploetz-Grünewald zu Beginn des nächsten Jahres vorstellen.
Bei den Planungen für die Museumsumgestaltung kam den Gelnhäusern ein glücklicher Zufall zu Hilfe. Die Stadtwerke boten eine bislang als Werkstätte benutzte Hälfte ihres Turbinenhauses für Ausstellungen an. So sollen nun die Teile des bisherigen Museums dorthin ausgegliedert werden, die sich mit allem beschäftigen, was mit Arbeit, Handwerk und Industrie und mit dem Weinbau zu tun hat. Damit wird es möglich, so Michaelis, neue Schwerpunkte zu setzen, mit den Pfunden zu wuchern und das historische Erbe für alle, aber besonders für die Jugend attraktiver darzustellen. Das Ergebnis werde eine unverwechselbare Einrichtung sein, die sich auf Barbarossa, Grimmelshausen und Reis konzentriere und sich von anderen Museen unterscheide.
Interaktives Angebot
Den Gelnhäusern bleibt aber ein Problem: das Geld. Deshalb kann nach Kalbfleischs Angaben keine Zeitprognose für die Verwirklichung gestellt werden. Die Kulturstiftung ist indes schon erfolgreich dabei, Spender und Sponsoren zu suchen. Nach Möglichkeit sollen wenigstens Reis und Grimmelshausen im Jahre 2009 schon das Bild des Museums und sein interaktives Angebot prägen. Denn dann stehen gleich zwei Jubiläen an, die groß gefeiert und entsprechend im Museum dokumentiert werden sollen: der 333. Todestag des Barockschriftstellers und der 175. Geburtstag des Telefonerfinders.