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Gen-Doping Den DNA-Junkies auf der Spur

27.09.2011 ·  Ein Mainzer Sportmediziner nimmt den Kampf gegen das Gen-Doping auf. Von seinem neuen Labor sollen aber auch Freizeitsportler und Krebspatienten profitieren.

Von Sascha Zoske
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Das Lieblingstier aller Extrem-Bodybuilder müsste der Weißblaue Belgier sein. Rinder dieser Rasse sehen aus „wie ein Pitbull auf Anabolika“, findet Perikles Simon. Durch eine Mutation sei bei den Tieren ein Gen beschädigt, das die Muskelbildung zügele, erklärt der Leiter der Abteilung Sportmedizin an der Universität Mainz. Simon fürchtet, dass irgendwo auf der Welt Athleten tatsächlich versuchen, ihre Körper nach dem Vorbild des belgischen Blaurinds zu formen - indem sie sich Viren in die Adern spritzen, die fremde Erbsubstanz enthalten.

„Wir gehen davon aus, dass Gen-Doping schon praktiziert wird“, sagt der Mediziner und Molekularbiologe. Eine mögliche Anwendung sei der Muskelaufbau: Er könne stimuliert werden, wenn es gelinge, das Gen für den Eiweißstoff Follistatin in menschliche Zellen zu schleusen. Wie bei den Blaurindern würde dann die natürliche Bremse für das Muskelwachstum gelöst. Die Vorstellung, dass so etwas nur in Hightech-Laboren gelinge, ist irrig, wie Simon deutlich macht. Für gut 500 Dollar sei ein gebrauchsfertiges Virus zu haben, das als Gen-Vehikel dienen könne. Jeder könne sich diesen Trojaner besorgen, er müsse nur schriftlich versichern, dass er die Schutzvorschriften einhalte. Wer sich schon als nächsten Mister Universum sieht, dürfte wenig Skrupel haben, solch eine Erklärung zu unterschreiben.

„Wunderpille“ mit Goldmedaillen-Garantie

Simon weiß, dass es kaum Möglichkeiten gibt, wild entschlossene Gen-Junkies zu stoppen. Er zitiert eine Untersuchung, nach der 50 Prozent aller Hochleistungssportler in Kauf nehmen würden, in fünf Jahren tot zu sein, wenn sie eine „Wunderpille“ mit Goldmedaillen-Garantie einnehmen dürften. Trotzdem haben der Mainzer Forscher und seine Mitstreiter den Kampf gegen die DNA-Doper aufgenommen. Seit Anfang des Jahres ist am Institut für Sportwissenschaft das Labor für Molekulare Belastungsphysiologie in Betrieb. Dort wollen die Wissenschaftler mit hochsensibler Technik nach suspekten Veränderungen im Blut von Athleten suchen.

Erbsubstanz, die von außen in den Organismus gelangt, unterscheidet sich im Aufbau von jener, die dort bereits vorhanden ist: Die körpereigene DNA enthält bestimmte Sequenzen, die den mit Viren importierten Molekülen fehlen. Diese Abweichungen können Simons Mitarbeiter mit ihren Geräten aufspüren. Der Professor hofft, bis zu den Olympischen Spielen im nächsten Jahr ein Verfahren entwickelt zu haben, mit dem sich Gen-Doping routinemäßig nachweisen lässt. „Die Frage ist, ob man es dann auch wirklich einsetzen will.“

Immunschock möglich - oder Krebserkrankung

Simon geht es dabei nicht nur um die sportliche Fairness. Das Übertragen von Erbmaterial ohne strenge ärztliche Kontrolle sei sehr riskant: Der Athlet könne einen Immunschock erleiden oder Jahre später an Krebs erkranken, und weil Viren zum Einsatz kämen, sei auch denkbar, dass sich Unbeteiligte ansteckten. Spätestens wenn die Allgemeinheit gefährdet werde, müsse mit der Nachsicht gegenüber den Dopern Schluss sein.

Dennoch ist die Fahndung nach Wettkampfbetrügern letztlich „Luxusmedizin“, wie der Professor weiß. Von seinem 1,1 Millionen Euro teuren neuen Labor sollen auch Freizeitsportler profitieren und sogar Menschen, denen der Sinn erst einmal gar nicht nach Ertüchtigung steht. Simon und seine Kollegen untersuchen deshalb allgemein, was auf molekularer Ebene im Körper geschieht, wenn er belastet wird.

Strengt sich ein Mensch physisch an, werden bestimmte Gene aktiviert, damit der Organismus den Stress besser bewältigen kann. Viele dieser Vorgänge sind den Forschern noch ein Rätsel. So steigt zum Beispiel der Gehalt an freier DNA im Blut an, wenn ein Proband auf dem Ergometer in die Pedale tritt. Dabei könnte es sich um eine primitive Immunreaktion handeln, vermutet Simon. Das Erbmaterial diene vielleicht dazu, Abwehrzellen „scharfzumachen“, was sinnvoll wäre, da jede intensive körperliche Tätigkeit das Infektionsrisiko erhöhe - etwa wegen des schnellen Atmens.

Genauere Aussagen über die Fitness

Diesen Effekt will sich Simon zunutzemachen. Wenn sich ein Krebskranker sportlich betätige, gelange auch Tumor-DNA ins Blut, so seine Annahme. Lasse sich der Nachweis präzise führen, könne ein Belastungs-EKG möglicherweise zur Krebsvorsorge genutzt werden. Aber auch bei Tumorpatienten, die schon behandelt würden, sei es interessant, den DNA-Pegel zu beobachten. Noch wisse man nämlich zu wenig darüber, was die Sporttherapie, die vielen Krebskranken empfohlen werde, tatsächlich bewirke.

Überhaupt sollen die molekularen Analysen den Sportmedizinern helfen, genauere Aussagen über die Fitness ihrer Klienten zu treffen. Simon weiß aus eigener Erfahrung, dass das Erscheinungsbild eines Menschen wenig über dessen Leistungsfähigkeit verrät: „Ich hatte hier mal einen 62 Jahre alten Mann mit leichtem Übergewicht, der einen Marathon kurz über drei Stunden lief.“ Die prächtige Muskelfülle eines Bodybuilders wiederum halte nicht immer, was sie verspreche. Wenn die Bewegungsabläufe nicht genau jenen glichen, die sie sonst trainierten, versagten die Studio-Helden mitunter kläglich: „Manche von denen bekommen keinen einzigen Klimmzug hin.“

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Jahrgang 1969, Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

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