1993 glaubten die Kasseler Sozialdemokraten an einen Fehler der Natur, als ihre Mehrheit abhanden gekommen und das Amt des Oberbürgermeisters an Georg Lewandowski von der CDU verloren war. Nun wählten die Kasseler den zweifach unbezwungenen Favoriten ab und mit Bertram Hilgen (53,4 Prozent) erstmals wieder einen Sozialdemokraten zum Oberbürgermeister. Er wird sein Amt am 22. Juli antreten. Lewandowski unterlag mit 46,6 Prozent der Stimmen in der Stichwahl. Doch die relativen Zahlen lassen die Dimension des Wechsels nicht erahnen. Die wahre Dramatik des Umbruchs bringt allein der Vergleich der absoluten Stimmen zum Ausdruck: Hilgen ist zweifelsohne der Sieger, aber angesichts von 142291 Wählern ist ein Ergebnis von 32020 Stimmen in der ehemals roten Stadt nicht überwältigend. Gegenüber der sozialdemokratischen Kandidatin vor sechs Jahren, Ilona Caroli, hat Hilgen etwa 5000 Stimmen mehr auf sich vereinigt. Hilgen hat vor allem deshalb gewonnen, weil Lewandowski verloren hat. Für den Oberbürgermeister, der 1993 und 1999 jeweils mit etwa 44000 Stimmen oder gut 60 Prozent in sein Amt gewählt worden war, stimmten nur noch 27963 Kasseler. Lewandowski hat also weit mehr als ein Drittel seiner Wähler enttäuscht.
Er war dem Fehler erlegen, der einst die Sozialdemokraten geschwächt und ihn groß gemacht hatte. Er hatte sich im Binnenleben des Rathauses und der Politik offenkundig zu weit von den Bürgern entfernt. Wenn er erklärte, wie komplex die Entscheidungsabläufe seien und wie gering die Macht eines Oberbürgermeisters sei, der in den Gremien politische Mehrheiten brauche, hörte keiner zu. So wurde scheinbar unendlich lange über ein Innenstadtleitbild diskutiert, ohne daß den Kasselern ein Ergebnis und dessen Konsequenz schlüssig vermittelt worden wäre. Die Kaufleute der Innenstadt inserierten gegen Lewandowski, weil er auch für Investitionen in Einkaufszentren am Stadtrand offen war. Zu spät bemerkte er, was sich da zusammenbraute. Zu lange hatte er auf jene vertraut, denen er einst den Weg zu Investitionen in der Innenstadt gegen den Willen der Sozialdemokraten geebnet hatte. Erschreckt mußte er feststellen, daß er plötzlich zu ihrem Feind geworden war, weil er sie nicht vor Wettbewerb zu schützen bereit war.
Lewandowski versäumte auch, Leistungen herauszustellen. Die Idee, Kassel in das Rennen um die Europäische Kulturhauptstadt zu schicken, hatte er zuerst geäußert. Er setzte sich erfolgreich für den Ausbau des Flughafens ein, und in die Kasseler Museumslandschaft investiert das Land 200 Millionen Euro. Kassel entwickelt sich zusehends zu einem Logistikzentrum. Davon aber erfuhr der Wähler lange nur nebenbei. Die Kasseler, stets am eigenen Erfolg zweifelnd, fragten eher: Brauchen wir einen Flughafen, kommt das Geld für die Museen tatsächlich, schafft Logistik wirklich Arbeitsplätze?
Was müsse er Wahlkampf bestreiten, fragte Lewandowski, die Leute kennten ihn doch. Er wiegte sich in der Sicherheit, er werde schon wieder gewählt, und zwar im ersten Wahlgang. Erst als dieser vor zwei Wochen verloren war, schien er den Wahlkampf zu beginnen. Doch seine Wähler fragten sich, ob er die Lust verloren habe, ob ihm die Stadt gleichgültig geworden sei. Sie vermißten Engagement. Nur auf die Vergangenheit zu verweisen, genügte ihnen nicht. Für neue Visionen war es aber zu spät. Offenbar gab es in seiner Umgebung keinen, der ihn strategisch klug beriet. 1999 war das noch anders. Doch Dieter Beine, sein damaliger Büroleiter, ist heute Protokollchef des Landes.
Dagegen hatte Lewandowskis Herausforderer längst seine Strategie geplant und setzte sie entschieden um. Hilgen, Büroleiter Hans Eichels zu dessen Zeit als Kasseler Oberbürgermeister und hessischer Ministerpräsident, ließ die Zusammenarbeit von CDU und SPD im Rathaus scheitern. Er wollte sich befreien, um seinen Wahlkampf ungehemmt zu führen. Daß er damit sozialdemokratische Dezernenten aus dem Amt trieb und beschädigte, Partei und Fraktion spaltete, nahm er billigend in Kauf. Schon im Herbst 2004 begann er zu plakatieren, vermied jeden Hinweis auf seine Parteizugehörigkeit, gab sich als der neutrale Intellektuelle. Gleichzeitig rief sein Wahlkampfteam Tausende potentieller Wähler an. Er machte Hausbesuche. Wenn es konkret wurde, legte sich Hilgen nicht fest. Stoppen, gucken, schießen, war sein Motto, wenn eine klare Aussage gefordert war. Er müsse erst einmal im Amt sein und dann prüfen. Der Amtsinhaber mußte stets entscheiden, zum Wohl des einen und zum Leid des anderen.
Parallel dazu schrieb ein früherer Lokalredakteur für Hilgen eine Wahlkampfzeitung. Selbst offenkundig falsche Behauptungen wurden dort aufgestellt, und Bundesfinanzminister Eichel intervenierte mit Erfolg bei der Siemens AG, als sich abzeichnete, daß eine Multifunktionshalle in Kassel auf gutem Weg war, die Siemens als ein Partnerprojekt präsentiert hatte.
Gescheitert ist mit Hilgens Wahl auch die schwarz-grüne Zusammenarbeit in der Stadtverordnetenversammlung. Während die Politiker, die sie betreiben, in ungewöhnlicher Harmonie kooperierten und durchaus Erfolge vorzuweisen haben, honorierten das die Wähler beider Partner nicht. Die grüne Oberbürgermeisterkandidatin Helga Weber schöpfte das grüne Wählerpotential im ersten Wahlgang mit 6613 Stimmen oder 11,3 Prozent nur gut zur Hälfte aus. Die andere Hälfte blieb zu Hause oder wählte Hilgen. Im zweiten Wahlgang, scheint es, votierten fast alle ihre Wähler aus dem ersten Wahlgang nun für Hilgen.
Anfang 2006 sind in Hessen Kommunalwahlen. In Kassel hat der Wahlkampf begonnen. Wenn die Oberbürgermeisterwahl eine Lagerwahl gewesen sein sollte, in der sich rot-grüne Wähler mit bisher bürgerlichen Kaufleuten verbanden, ist die Ausgangslage für die CDU nicht aussichtslos. Ihr Potential ist nicht ausgeschöpft. Doch wer hat dort die Vision für eine Strategie? Der CDU fehlt ein populärer Repräsentant, der Lewandowski zwölf Jahre lang war. Ihr Fraktionsvorsitzender in der Stadtverordnetenversammlung, der Landtagsabgeordnete Christoph Holler, steht für das schwarz-grüne Bündnis und gilt nun als angezählt. Doch seine innerparteiliche Kontrahentin, die Landtagsabgeordnete Eva Kühne-Hörmann, die für Schwarz-Rot und entschieden gegen Schwarz-Grün war, kann auch nicht auf ungeteilte Unterstützung der Partei zählen. Unterdessen müssen Bürgermeister und Kulturdezernent Thomas-Erik Junge und Baudezernent Norbert Witte als CDU-Politiker um ihre Posten fürchten, wenn Rot-Grün wiederbelebt werden soll.
Hilgen wolle die Fraktion umbauen, damit sie besser zu den Grünen passe, sagten die Grünen noch am Wahlabend. Die Gesichter einzelner Sozialdemokraten waren gar nicht so fröhlich. Hilgen glaubt an weitere Siege. Das motiviert Mitglieder und Wähler. Claus-Peter Müller

