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Friedrichsdorf Die Bittschrift hat Napoleon nicht erreicht

 ·  Unter den französischen Kriegszügen litten auch die Friedrichsdorfer. Als Nachfahren der Hugenotten beanspruchten sie aber eine Sonderrolle, wie eine Austellung über eine unruhige Zeit in der Landgrafschaft zeigt.

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Zeig' mir deinen Rucksack, und ich sage dir, für wen du kämpfst. Mark Scheibe, Jurist und Biologe, braucht keine Hoheitsabzeichen und Länderfarben, um den mit braunem Fell überzogenen Feldtornister als französisches Modell zu erkennen. „Ein deutscher wäre schwarzbunt“, erklärt er mit Verweis auf die in beiden Ländern bevorzugten Viehrassen. Grenzüberschreitend wirksam geworden ist hingegen die Lagermütze in derselben Vitrine, die der französische Soldat nach Ablegen des Huts getragen hat.

Der Kopfwärmer mit dem langen, baumelnden Zipfel hat später rechts des Rheins als Kasperlmütze Karriere gemacht. Scheibe kennt sich mit den Utensilien der Zeit um 1800 aus, als die Franzosen zunächst direkt nach der Revolution, dann mit ihrem Feldherrn Napoleon mehrfach den Taunus durchquerten. Er forscht an der Universität Mainz über den Räuberhauptmann Schinderhannes, den auch die Franzosen jagten. Daher wusste Scheibe, wo Leihgeber zu finden waren.

Einquartierungen und Kriegssteuern

„Friedrichsdorf in Napoleonischer Zeit“ heißt die Ausstellung im Heimatmuseum Seulberg, und es hat nichts mit Vorbehalten gegenüber der Gebietsreform zu tun, wenn darin die heutige Gesamtstadt nach ihren Stadtteilen getrennt betrachtet wird. Denn die neunziger Jahre des 18. Jahrhunderts bis zum endgültigen Ende von Napoleons Herrschaft im Jahr 1815 waren von Krieg geprägt, dessen Folgen die damaligen Dörfer sehr unterschiedlich zu spüren bekamen.

Weniger direkte Kämpfe trafen die Homburger Landgrafschaft als vielmehr Kontributionen, Einquartierungen, Schanzgelder, Kriegssteuern und Lebensmittellieferungen. In dieser Hinsicht unterschieden sich weder Freund noch Feind: Die Franzosen verlangten ebenso Verpflegung wie preußische, russische oder österreichische Truppen der anderen Seite.

Aus Köppern, Seulberg und Holzhausen, damals noch ohne die Vorsilbe Burg-, sind Listen für die Kriegssteuer überliefert. Diejenigen der Jahre 1802 bis 1809 aus Holzhausen sind in der Ausstellung zu sehen, und außer Geld haben die Bauern auch Eier, Gemüse, Brennholz und vor allem Unmengen Brot abgeben müssen. Hinzu kam das, was einfach gestohlen wurde. „Bis hin zur Tabakspfeife“, sagt die Friedrichsdorfer Stadtarchivarin Erika Dittrich, weshalb sie mit einer solchen die Auflistung des Diebesguts hinter Glas illustriert hat.

Vom Dreispitz zum Tschako

Die Friedrichsdorfer hatten zwar auch unter den Folgen der französischen Kriegszüge zu leiden. Doch sie beanspruchten eine Sonderrolle. Schließlich unterhielten sich die Nachfahren der hugenottischen Glaubensflüchtlinge noch immer in der Sprache ihres Herkunftslands. Die neue Republik in Paris hatte das Regime hinweggefegt, das sie einst aus Frankreich vertrieben hatte.

Also hofften sie auf Entgegenkommen und erreichten tatsächlich 1797 im Quartier Friedberg, dass ihnen „Citoyen“ Jouvelle einen Schutzbrief ausstellte. Das Dokument befreite sie von Kriegsausgaben und wurde später sogar von drei Generälen erneuert. Auch sie erließen den französischen Asylanten in Deutschland Abgaben und Einquartierungen oder hielten sie so gering wie möglich. Verschiedene Uniformen oder der Wandel der Kopfbedeckungen vom Dreispitz bis zum Tschako machen in der Ausstellung anschaulich, wie die fremden Soldaten den hiesigen Bauern gegenübergetreten sind. Vermessungsinstrumente, ein Mikroskop oder eine mobile Schreibunterlage zeigen die Technik jener Zeit.

Der Wandel der Mode lässt sich an den Kleidern der Wiesbadener Schneiderin Bettina Maake ablesen, die auf historische Modelle spezialisiert ist. Er ist auch Ausdruck der Geisteshaltung, wenn die Jacke in den Revolutionsfarben Blau-Weiß-Rot später vom Empirekleid mit seiner hohen Taille abgelöst wird, das sich am Ideal der Antike orientiert.

Gute Erinnerung an Napoleon

Immer wieder versuchten die Friedrichsdorfer Textilfabrikanten, sich mit Verweis auf ihre französische Herkunft gegen Unbill wie eine Handelssperre zu wehren, die Napoleon 1799 erlassen hatte. Dieses Anliegen fand Eingang in einen allerdings folgenlosen Friedensvertrag, den die Französische Republik 1800 mit dem Landgrafen von Hessen-Homburg schloss. Vier Jahre später zeichnete sich eine Gelegenheit ab, den „Durchgang der Waren nach Frankreich“ direkt beim noch ungekrönten Kaiser der Franzosen zu erbitten: Die Gemeinde entsandte Pfarrer de Felice und Schultheiß Foucar ins linksrheinische, zu jener Zeit französische Mainz.

Dort hatte sich im September 1804 Napoleon zu Besuch angesagt. Die kleine Friedrichsdorfer Delegation hatte eine Bittschrift dabei, in der die Worte standen, die der Ausstellung den Untertitel liefern: „Wir sind Frankreich nicht völlig fremd“, heißt es dort, „alle unsere Familien lebten vorzeiten in seinem Schoß, und sie würden wohl heute noch dort leben, wenn die unglückliche Aufhebung des Edikts von Nantes nicht gekommen wäre.“ Doch die Delegation reiste zwei Tage vor Ankunft Napoleons erfolglos wieder ab.

Mit den Privilegien hatte es ein Ende, als der Landgraf von Hessen-Homburg nicht dem von Napoleon protektorierten Rheinbund beitreten wollte und dem neuen Großherzogtum Hessen-Darmstadt unterstellt wurde. Die Darmstädter Regierung kam den Friedrichsdorfern, etwa mit der Verschonung vom Militärdienst, nicht mehr entgegen. Dafür behielten die Friedrichsdorfer Napoleon in guter Erinnerung. Auch Jahrzehnte nach seinem Ende findet man ihn noch als Patron für den Zweitnamen von Kindern wieder.

Die Ausstellung im Heimatmuseum Seulberg, Alt Seulberg 46, ist bis zum 1. Juli mittwochs und donnerstags von 9 bis 12 Uhr sowie sonntags von 14 bis 17 Uhr geöffnet.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1964, Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Hochtaunuskreis.

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