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Frauenrechte Kämpferin gegen die Zwangsehe

18.06.2007 ·  Zuwanderung, Sprachkurse und Zwangsheirat: Die Frauenrechtlerin Serap Çileli spricht über die jüngste Reform des Zuwanderungsgesetzes. Darin sieht sie ein wichtiges „Signal, dass Zwangsehen nicht geduldet werden“.

Von Stefan Toepfer
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Wer Deutsch lernt, macht sich schmutzig. So musste die türkische Frau gedacht haben, als sie ihre Nachbarin, die einen Sprachkursus belegt hat, demütigte: „Willst Du eine Hure werden?“ Verachtung spricht aus dieser Frage nicht nur für die Nachbarin, sondern auch für das Land, in dem beide Frauen leben. Die Szene mag nicht repräsentativ sein für die Einstellung der meisten Zuwanderer, aber es ist eine von vielen, die Serap Çileli erzählen kann. Szenen, die alle für eine Facette der Einwanderung stehen: nicht gewollte Integration.

Die im Südhessischen wohnende Frauenrechtlerin Çileli ist über Begebenheiten wie diese empört. Sie findet: Frauen werden entwürdigt, wenn sie die deutsche Sprache nicht beherrschen, kleingehalten, wehrlos. Deswegen kann sie die Einwände gegen einen der strittigsten Punkte der soeben vom Bundestag verabschiedeten Novellierung des Zuwanderungsgesetzes nicht verstehen.

„Sprachnachweis ist das A und O“

Künftig müssen Eheleute, die etwa aus der Türkei zu ihrem Partner nach Deutschland ziehen, Deutschkenntnisse nachweisen. Kritiker halten dies wegen des besonderen Schutzes von Ehe und Familie im Grundgesetz für verfassungswidrig. „Was soll das?“, fragt Çileli. „Der Sprachnachweis ist keine Menschenrechtsverletzung, sondern das A und O.“

Der türkische Staat sei reich genug, um Sprachkurse zu finanzieren, auch die Familien, die zwischen 20.000 und 40.000 Euro für eine Hochzeit ausgäben, könnten für den Unterricht mit aufkommen. Deutsch zu sprechen sei auch eine Bedingung dafür, dass Frauen sich im Falle häuslicher Gewalt wehren und Nachbarn oder die Polizei zu Hilfe holen könnten.

In einem Punkt hätte sich die Einundvierzigjährige eine weitergehende Verschärfung im Zuwanderungsrecht gewünscht: Statt wie beschlossen das Zuzugsalter von Ehegatten von 16 auf 18 Jahre anzuheben, hätte es ihrer Meinung bei 21 Jahren liegen sollen. Mit der Heraufsetzung des Alters ist beabsichtigt, das Zustandekommen von Zwangsehen oder arrangierten Ehen zu erschweren. Auch wenn Zwangsheiraten oder Hochzeiten, bei denen sich die Frau einen von mehreren Männern aussuchen kann („arrangierte Ehen“), durch die Novelle nicht verhindert würden, befürworte sie die Gesetzesänderungen, sagt Çileli. „Sie sind ein Signal an die Gesellschaft und die in ihr lebenden Zuwanderer, dass Zwangsehen nicht geduldet werden.“

Çileli: Zuzugsalter für Ehegatten auf 21 Jahre erhöhen

Auch arrangierte Ehen seien indirekt Zwangshochzeiten, denn von einer Wahlfreiheit der Frau könne keine Rede sein. „Jahr für Jahr holen sich rund 20.000 Türkischstämmige in Deutschland Ehepartner aus der alten Heimat beziehungsweise werden dorthin verheiratet“, sagt die Frauenrechtlerin und Publizistin. „Die Frauen, die aus der Türkei geholt werden, sind oft in Koranschulen erzogen worden. Sie erziehen dann in Deutschland die nächste Generation von Kindern, was die Integration nicht fördert.“

Das Zuzugsalter für Ehegatten auf 21 Jahre zu erhöhen hätte abschreckend gewirkt, findet Çileli. „Zumal, wenn man bedenkt, dass es in der Türkei viele nicht registrierte Kinder gibt, deren Alter vor einer Zwangshochzeit manipuliert wird, so dass sie als Achtzehnjährige gelten, aber tatsächlich erst vierzehn sind.“ Nicht zufrieden ist sie auch damit, dass auch nach dem neuen Gesetz Frauen, die während ihres Urlaubs in der Türkei mit einem Mann verheiratet werden, ihr Aufenthaltsrecht in Deutschland verlieren, wenn sie länger als sechs Monate außerhalb des Landes leben: „Diese Frist muss verlängert werden.

Nötig sei aber vor allem mehr Aufklärung für Mädchen und junge Frauen: „Wenn sie nicht wissen, welche Rechte sie haben und dass Zwangsehen in Deutschland seit 2005 rechtswidrig sind, nützen ihnen die besten Gesetze nichts.“

Aufklärung über Tabuthemen

Çileli hat Kontakt zu etlichen Betroffenen – und war selbst eine von ihnen. Als Zwölfjährige wurde sie in Deutschland mit einem Mann verlobt. Ihr, wie sie sagt, „Hilfeschrei“ dagegen war ein Selbstmordversuch. In den Ferien musste sie als Fünfzehnjährige in der Türkei einen Mann heiraten, mit dem sie sieben Jahre zusammen war. Schließlich willigten ihre Eltern in die Scheidung ein, nicht ohne sie in Deutschland noch einmal verheiraten zu wollen. Sie floh 1992 in ein Frauenhaus. 1993 heiratete Çileli ihren heutigen Mann, den sie während ihrer Ehe in der Türkei kennengelernt hatte. Er begleitet sie bei ihren öffentlichen Auftritten – auch zum Schutz.

Çileli gilt vielen Türken und türkischstämmigen Deutschen als „Nestbeschmutzerin“. Auch weil sie über Inzest in türkischen Familien spricht, „das größte Tabuthema bei muslimischen Familien“; über elf oder zwölf Jahre alte Mädchen, die in Deutschland als Zweitfrauen verheiratet würden; über familiäre Gewalt im Namen der Ehre, das heißt zum Schutz der Jungfräulichkeit von Mädchen bis zur Eheschließung; über neue Moscheebauten, die sie für überflüssig hält: „3000 Gebetshäuser reichen.“ Sie spricht auch über die „Unvereinbarkeit von Koransuren mit der Menschenwürde“, etwa der Gleichberechtigung von Mann und Frau. „Um diese Würde geht es mir, nicht darum, den Islam oder die Türkei schlechtzumachen.“

Das werden ihr nicht alle Zuwanderer glauben. Umso mehr hält Çileli es für nötig, dass die sogenannten säkularen Muslime sich mehr zusammenschließen. Sie möchte weitermachen, auch oder gerade weil ihr zufolge die Zivilcourage unter den Migranten nicht gut genug entwickelt ist. Ihr nächstes Buch über Zwangsehen und Gewalt im Namen der Ehre ist in Vorbereitung – es soll zur Buchmesse 2008 erscheinen. Ob sie Leser aus dem Gastland hat? Es ist die Türkei.

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