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Flirt-Express Ein Zug ist eine Insel

15.02.2009 ·  Der Flirt-Express der Deutschen Bahn fährt nicht in den siebten Himmel, aber immerhin nach Limburg und zurück. Über die Glücksgefühle einer Dame, die ignoriert wird, und einen affärenwilligen Herrn, der allein nach Haus geht.

Von Katharina Vössing
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Am Eingang zu Gleis 1a, vor dem Sonderzug ins Glück, hängen Liedfetzen von „Love is in the air“ in der Luft. Männer und Frauen auf Partnersuche nippen zu Temperaturen um den Gefrierpunkt an ihren Plastiksektgläsern. Sie warten am Vorabend zum Valentinstag hinter einem schwarzen Absperrband darauf, in Frankfurt in den Flirt-Express der Deutschen Bahn einzusteigen. Um einen Brezelstand drängen sich Schultern von Singles an die Rücken Alleinstehender. Einige halten rote Rosen in durchsichtiger Folie in den Händen, ein Geschenk der Bahn. Manche schlingen ihre eigenen Arme um sich und tänzeln von einem Bein aufs andere. Die Frauen bilden Grüppchen. Am Rand der Menge unterhält sich ein großer junger Mann mit einer großen jungen Frau. Sie lacht und wirft ihren Kopf in den Nacken, ihre blond gefärbten Haare schwingen mit.

„Sonderfahrt“ der Turtel-Bahn

Ein kalter Windstoß zerzaust Maria, 28, die lockigen braunen Haare. Mit den Fingern zupft sie sich die kurzen Strähnen wieder in die Stirn, zwei Handgriffe bringen Volumen in den Hinterkopf. Sie hat vor wenigen Minuten schwarze Socken angezogen, man sieht, wie sie in den halboffenen, braunen Schuhen auf ihrem Spann kleine Röllchen werfen. Denn der einzige Mann, den sie auf Anhieb attraktiv gefunden habe, sagt sie, habe sich als der Moderator entpuppt. Und nach seinen ersten Worten fühle sie sich auch von ihm nicht mehr angezogen. „Ja, im Zug gibt es auch Toiletten, falls sich jemand übergeben muss, oder so“, ruft er über ein Mikrofon in die Menge und stößt ein kurzes Lachen aus. Marias leicht gerougte Wangen werden in den zwei Stunden Zugfahrt nach Limburg und zurück wohl höchstens vom Sekt noch ein wenig mehr erröten.

Mit der musikalischen Untermalung von „Please don’t stop the music“ gehen die Passagiere der Turtel-Bahn nun schnell der gelb leuchtenden Zuganzeige „Sonderfahrt“ entgegen. 554 Personen hatten sich zu diesem Speed-Dating zum Nulltarif angemeldet, 60 der Bewerber wurden von der Deutschen Bahn eingeladen, nur 45 sind gekommen. Nicole, 21, ist eine von ihnen und nimmt im Waggon auf einem Zweiersitz Platz. Sie hat aschblonde Haare, trägt dunkelroten Lippenstift und einen starken schwarzen Lidstrich, der sich zu den Augenwinkeln hin verjüngt. Verunsichert erzählt sie, dass sie einen Arbeitskollegen gesichtet habe. Draußen hätten sich die beiden kurz gegrüßt. „Hier hat man keine Veto-Karte, oder?“, fragt sie und lächelt wie jemand, dessen einziger Ausweg der Sprung von einer Klippe ist – gejagt von einem wilden Arbeitstier.

Speed-Dating im Anmach-Zug

Im Fünf-Minuten-Takt wird sich ihr Kollege gleich immer näher an ihren Sitz heranpirschen. Die harte Natur des Speed-Dating kennt kein Pardon, jeder muss mit jedem. Noch arbeiteten sie und ihr Kollege nicht richtig zusammen, sagt Nicole. Im Sommer jedoch kämen sie in die gleiche Abteilung. Wenn sie dann neben ihm sitzen müsse und er auf den heutigen Tag zu sprechen käme, würde sie ihre Krallen ausfahren und sagen: „Sag bloß nichts.“ Während sie mit weitgeöffneten Augen den Vordersitz fokussiert, nimmt sie einen Schluck Orangensaft.

Der Anmach-Zug fährt los. Aus zwei Lautsprechern ertönen spanische Gesänge zu Wolfgang-Petry-Rhythmen. Der Sekt fließt. An den Fensterscheiben kleben rote Herzen aus Folienpapier, darunter zeichnen sich Luftblasen ab. Ein rotes Luftballonherz baumelt auch zwischen Isa, 23, und Daniel, 26, von der Gepäckablage herunter. Sie tauschen sich über seine Vorliebe für Karaoke, die Polizei, das Buch „Feuchtgebiete“ und ihre Leidenschaft für das Tauchen und den Beruf der Erzieherin aus. Er erzählt von seinem Hörsturz beim Tauchen in einem drei Meter tiefen Schwimmbecken und seiner Angst danach. Nachdem die Worte aus ihm herausgesprudelt sind, sagt er, dass er beim ersten Mal eigentlich nicht so gerne drauflosrede. „So! Mal im Uhrzeigersinn durchrollen“, dröhnt die Stimme des Moderators aus dem Lautsprecher.

Unterschied zwischen Foto und Realität

Die Herren quetschen sich an den Service-Damen, die Sekt nachschenken, vorbei zur nächsten Flirt-Partnerin. Isas Programm: Otto, fast 40, Olaf, geschätzte 30, Alfred, Ende 30, Bluterguss über dem linken Auge. Seine körperliche Zuwendung ist so stark, dass sie jeden Fluchtweg für die Partnerin abschneidet. „Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Abend“, sagt Isa schnell zu dem Jackettträger und zieht dann mehrmals den Finger über ihre Kehle, ohne darauf zu achten, ob Alfred hinsieht oder nicht. Doch Alfred ist schon weitergezogen.

Klaus, 41, setzt sich zu ihr. Er sei seit einem Jahr Single und habe schon drei Monate über „Friendscout24“ eine Freundin gesucht, sagt er später. Zu enttäuschend sei jedoch bei zwei von drei Frauen, die er getroffen habe, der Unterschied zwischen Foto und Realität gewesen. Was er von dem Liebes-Zug erwarte? „Nur einen netten, heiteren Abend.“ Dann beugt er sich vor und sagt in gedämpfterer Stimme: „Also, meine Wohnung ist aufgeräumt“ – die Lachfalten um seine Augen zeigen ihren Tiefgang.

Es ist 20.03 Uhr, noch acht Minuten bis zum Zielbahnhof Frankfurt. Aus den Boxen tönt die Hermes House Band mit „I will survive“. Es pressiert, die fünf Minuten Pärchenzeit wird aus Zeitmangel um drei Minuten verkürzt. Marcus, auch so um die vierzig, hat sein Namensschild zu Beginn der Fahrt gleich in seiner Jackentasche gelassen. Seine von grauen Strähnen durchsetzten Haare fallen in einem Seitenscheitel zum Kinn ab. Er sieht aus, als habe er gerade acht Stunden im Stau gestanden. „Das Problem ist“, sagt er, „dass sich meine Freundin heute nicht mit mir treffen wollte.“ Da habe er einfach keine Lust mehr zum Flirten gehabt. Auf Isas Stirn bildet sich eine kleine Falte.

Maria verzieht gequält das Gesicht. Sie hat mit zwölf Männern gesprochen – und möchte keinen von ihnen wiedersehen. Vielleicht hat sie sich zwischendurch nach Fluchtmöglichkeiten gesehnt. In einem Zug, der nicht hält, ist das aber ebenso schwer, wie von einer einsamen Insel zu fliehen. Trotzdem verlässt sie den Flirt-Express lächelnd. Und auch Nicoles Gesicht strahlt: Ihr Arbeitskollege hat sie ignoriert.

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