19.10.2006 · Indiens Filmproduzenten mögen es romantisch. Auf der Suche nach neuen Kulissen für ihre Schmachtfetzen sind sie in Südhessen fündig geworden. Auf der Mathildenhöhe in Darmstadt surren bald die Kameras.
Von Rainer HeinVor einigen Tagen hat Darmstadts Oberbürgermeister Walter Hoffmann (SPD) erstmals einen indischen Filmproduzenten in seinem Büro begrüßen können. Raja Ramesh von der Firma Madras Entertainment möchte im November zwei Songfrequenzen an „romantischen Plätzen“ der Stadt für seinen Film „Aadatha Aattamellam“ drehen - ein „Familiendrama mit vielen Emotionen“, wie er sagt, das bis auf die beiden Liedszenen bereits produziert ist.
Nach Darmstadt hat Ramesh durch Christoph Rau gefunden, der als „Location-Scout“ ausländischen Filmproduzenten in Deutschland die Wege ebnet. Für die Vorbesichtigung wählte er die Orangerie, die Mathildenhöhe und den Prinz-Georgs-Garten aus. Madras Entertainment will dort nächsten Monat mit 16 Mitarbeitern drehen, darunter den beiden Hauptdarstellern des Films und drei Sängern. Außerdem sollen an zwei der sechs geplanten Drehtage einige deutsche Tänzerinnen teilnehmen.
„Exotische“ Kulisse für indisches Publikum
Mit Ramesh und Rau ist Bollywood nun auch in Darmstadt angekommen. Verwunderlich ist das nicht, denn Filmmacher aus der Filmmetropole Bombay haben Südhessen schon vor Monaten entdeckt. Angefangen hat alles im vergangenen Sommer, als der Landrat des Kreises Bergstraße, Matthias Wilkes (CDU), in Zusammenarbeit mit der Filmförderung „Location Hessen“ zwölf Produzenten an die Bergstraße einlud. Wilkes zeigte den Indern die Schönheiten des Landes der Nibelungen, fuhr im Reisebus mit ihnen zur Weltkulturerbestätte Kloster Lorsch, ins Fürstenlager Bensheim-Auerbach und zum Felsenmeer im Odenwald. Zum Abschluß offerierte er seinen Gästen ein zünftiges deutsches Mahl an historischer Stätte: Schweinshaxe auf Schloß Auerbach.
Vergebens waren die Bemühungen des Landrates nicht, denn kurz darauf meldete sich Vinod Kumar Singh, Regisseur und Produzent aus Bombay, und begann in der Kreisstadt Heppenheim mit den Dreharbeiten zu „Humraah - The Traitor“. In dem Liebesstreifen geht es um einen Geheimagenten, der sich aus Bombay auf die Suche nach einer Frau aufmacht, die er ausgerechnet in Heppenheim findet. Weil Singh wie Ramesh immer von Romantik reden, wenn sie über geeignete Drehorte sprechen, ist die Wahl Heppenheims leicht nachzuvollziehen. Die Stadt mit ihrem Marktplatz, auf dem im Sandsteinbrunnen die mit Gold geschmückte Mutter Gottes thront, den zahlreichen Fachwerkhäusern, dem „Dom der Bergstraße“ und der alles überragenden Starkenburg liegt inmitten der Weinberge und wirkt wie konserviertes Mittelalter. Für indisches Kinopublikum sei eine solche Kulisse, sagt Ramesh, „sehr exotisch“.
Touristenwerbung durch Filme
Wilkes zeigte sich zu Beginn der Dreharbeiten in Heppenheim ziemlich euphorisch, weil Indien mit mehr als 1000 Kinofilmen im Jahr als größter Produzent der Welt gilt und die von den Bollywood-Regisseuren vor einigen Jahren entdeckte Schweiz einen nachweisbaren Zuwachs an Touristen aus dem fernen Kontinent verzeichnen kann. Warum sollte also nicht auch in Südhessen diese Form der Touristenwerbung Früchte zeitigen? Die hohe Erwartungshaltung an der Bergstraße wurde jüngst jedoch durch die Filmpremiere von „The Traitor“ etwas gedämpft.
Die zahlreichen Gäste, die einschließlich Wilkes Anfang Oktober mit großen Erwartungen nach Viernheim zur Uraufführung gekommen waren, zeigten sich ziemlich ernüchtert. Auch der Tenor der Zeitungskritiken war eindeutig: ein billig wirkender Amateurfilm, gekennzeichnet durch schlechte handwerkliche Qualität. Wie zum Beleg zitierte die örtliche Zeitung die Mainzer Filmwissenschaftlerin Susanne Marschall, die auf Bollywood-Filme spezialisiert ist, und meinte, so ein niedriges Niveau wie bei dieser Produktion sei ihr noch nicht begegnet.
Ob die indische Filmindustrie geeignet ist, Werbung für den Odenwald und die Bergstraße zu machen, ist seitdem eine politische Frage. Der Bergsträßer Landtagsabgeordnete Norbert Schmitt (SPD) hat die Viernheimer Filmpremiere zum Anlaß genommen, um vom dem „Tam-Tam“ zu warnen, das um die Bollywood-Filmproduktionen gemacht werde. Er könne nur mit Graus daran denken, daß Produzent Singh seine Ankündigung wahr mache und weitere zehn Filme in der Region drehe.
Drehort für „Diese Drombuschs“
Darmstadt hat sich von dieser Debatte noch nicht berühren lassen, betrachtet das Bollywood-Thema aber nicht als Kulturphänomen, sondern als eine Aufgabe der Wirtschaftsförderung. Hoffmann formulierte als Fazit seines kurzen Gesprächs mit Ramesh, er nehme zur Kenntnis, „daß Darmstadt mit seinen romantischen Seiten als Drehort entdeckt wird“ und übergab anschließend an seinen Gast Michael Kolmer, der das Amt für Wirtschaftsförderung leitet. Kolmer sieht die Filmförderung im Lichte der städtischen Erfahrungen, die positiv, aber auch typisch deutsch sind.
So diente die Stadt beispielsweise als Drehort für die Familienserie „Diese Drombuschs“, was bei jeder Wiederholung im Fernsehen heute noch die Zugriffszahlen der städtischen Internetseiten steigen läßt. Indien betrachtet Kolmer als „unterschätzten Zielmarkt“. Produzenten aus Bombay oder Chennai - woher Ramesh stammt - bei Dreharbeiten organisatorisch zu unterstützen ist für ihn daher eine typische Aufgabe seines Amtes.
Ähnlich sieht das auch die Hessen-Agentur, die eine Datenbank mit hessischen Drehorten eingerichtet hat, um auf Nachfrage schnell Informationen zu bieten. Rau, dessen Firma Filmlocation Germany ihren Sitz in Darmstadt hat, sprach während seines Besuchs beim Oberbürgermeister von weitergehenden Plänen zu einem Werbefilm „Hessen als Drehort“ und einem „Produktionsspiegel Hessen“. Beides soll indische Filmer aufmerksam machen und es ihnen erleichtern, jene Orte zu finden, die die Menschen in ihrem Land noch nicht kennen. Raus Vorbild als Location-Scout ist sein Kollege aus der Schweiz. Der habe so viele Produzenten ins Land geholt, daß „das Matterhorn heute fast jeder Inder kennt“.