30.08.2007 · Eigentlich gilt er als ein Beruf für Männer, die viel schlechte Country-Musik hören und Geschwindigkeitsbegrenzungen für einen Witz halten. Manchmal aber setzen sich auch Frauen als Fernfahrer durch.
Von Nadine LindnerDer größte Stress für einen Fernfahrer ist es, wenn sich gar nichts bewegt. So wie heute. Es ist kurz nach acht Uhr morgens, und Sigi (Name von der Redaktion geändert) flucht leise: „Jetzt habe ich 32 Paletten Katzenfutter hinten drauf und kann nicht abladen, weil die da vorne schlafen.“ Die zierliche Blondine schwingt sich aus ihrem Vierzigtonner und deutet auf die Laderampen des Speditionshofes in Bischofsheim bei Rüsselsheim.
Als sie über den Hof der Spedition läuft, blicken manche Fahrer überrascht aus ihren Lastwagen. „Man ahnt gar nicht, wie verdutzt Männer gucken können, wenn aus so einem großen Auto eine kleine blonde Frau rausklettert.“ Sie lacht. Sigi ist kaum einen Meter siebzig groß und sehr drahtig, die langen Haare hat sie am Hinterkopf zu einem Zopf geflochten. Sie trägt eine Cargo-Hose und derbe Stiefel.
„Mädchen können das nicht“
An der Laderampe geht es nicht vorwärts, und so hat sie Zeit, über ihren Beruf als Fernfahrerin und ihren Werdegang zu erzählen. Die 39 Jahre alte Frau ist in Frankfurt geboren und in Fulda aufgewachsen. „Eigentlich wollte ich früher immer Kindergärtnerin werden“, sagt sie. Die Schule habe sie vom ersten Tag an gehasst. Später nach dem Fachabitur kam eine Schreinerlehre, „drei harte Jahre“, jedoch ohne Abschluss. Sie habe immer zu hören bekommen: „Mädchen können das nicht.“
Sie zog nach Frankfurt und fand eine Lehrstelle als Bürokauffrau, „das war gar nicht schlecht“. Über Umwege landete sie schließlich bei einem Frankfurter Abschleppunternehmen. „Da bin ich zum ersten Mal einen Lastwagen gefahren, es war eigentlich eine Wette.“ Und sie hat sie gewonnen. Seitdem ist sie auf großen Fahrzeugen unterwegs. 1993 folgt der Führerschein Klasse 2, seit 1998 ist sie selbständige Fernfahrerin. „Ich bin stolz auf meinen Beruf und kann gut davon leben.“
Auf dem Hof der Spedition kommen die Kollegen langsam in Bewegung, ein Mitarbeiter gibt das Kommando zum Abladen an Tor 10. Es regnet in Strömen. Sie macht mit einem Handzeichen deutlich, dass diese Laderampe jetzt ihr zusteht und keinem anderen. „Man darf sich nicht die Butter vom Brot nehmen lassen.“ Zentimeterweise setzt sie den Lastwagen rückwärts an die Rampe und muss dabei immer im Blick haben, was 18 Meter hinter ihr geschieht. „Jetzt wollen die Jungs mal sehen, ob ich fahren kann.“ Sie kann. Nun geht alles ganz schnell, jeder Handgriff sitzt. Handschuhe an, Ladeklappe auf. Das Katzenfutter muss abgeladen werden. Der Gabelstaplerfahrer versucht es auf die dreiste Tour: „Na, Häschen, was kriege ich denn dafür, dass ich die Paletten runterfahre?“ Ihre Antwort ist deutlich.
„Viele halten mich für die Freundin“
Im Büro wartet sie wenig später auf die Papiere. Neben ihr steht ein Kollege, der seinem Dialekt nach aus den neuen Bundesländern stammt und die Umstehenden mit der Geschichte unterhält, wie er letztens in Unterhose im Führerhaus aufwachte und seine Hose schließlich auf dem Kotflügel wiedergefunden hat. Die Papiere sind immer noch nicht da. Noch ein Kaffee aus dem Automaten. Sigi wird nervös, der nächste Kunde wartet. Oft werde sie in den Büros übersehen, wenn sie auf die Papiere für die Ladung warte. „Viele glauben, dass der eigentliche Fahrer noch kommt, und halten mich für die Freundin.“
Die Ladepapiere sind fertig, fast vier Stunden hat das Abladen gedauert. Ein Kaffee von der Tankstelle, schnell zum nächsten Kunden. Sie fährt einen Industriepark in Frankfurt-Höchst an. Eine Stadt in der Stadt, die Straßen sind so grau wie der Himmel. An der Rezeption erhält jeder Fahrer einen Lageplan, trotzdem dauert es fast eine Stunde, bis sie die Ladestelle gefunden hat. Sie flucht: „Bei denen weiß die eine Hand nicht, was die andere tut.“
Weiter geht es nach Walluf. Es regnet immer noch ununterbrochen. Dort stellt ein kleines Unternehmen Farbpigmente her, „vielleicht für Druckerschwärze“, sagt sie. Im Büro ist nur der Lehrling zu finden, der sie schüchtern anblickt. „Hey Mausebär, gib mir doch mal ’ne Unterschrift.“ Der Auszubildende weiß nicht so recht, wie ihm geschieht, und blickt sich hilfesuchend um. Sie lacht und malt ihm ein Smiley auf die Ladepapiere. „Damit behalten mich die Leute in guter Erinnerung und fragen meine Chefs, wann denn die lustige Frau mal wieder kommt. Das ist die beste Werbung.“
„Große Autos machen große Fehler“
Als selbständige Fernfahrerin übernimmt sie Urlaubsvertretungen und Aushilfsfahrten, einen eigenen Lastwagen besitzt sie nicht. „Ich habe einen guten Ruf, weil meine Auftraggeber wissen, dass ich zuverlässig bin und sorgfältig mit den Fahrzeugen umgehe.“ Bis zu 200.000 Euro kostet eine Zugmaschine mit Auflieger. Da kann jede Unachtsamkeit viel Geld kosten. „Große Autos machen auch große Fehler“, habe ihr früherer Chef immer gesagt.
Fast zwei Millionen Kilometer ist sie schon auf europäischen Autobahnen unterwegs gewesen, in Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien und Skandinavien. „Der italienische Teer ist genauso schwarz wie der in Schweden, und die Industriegebiete stinken auch alle gleich.“ Einmal während einer Auslandsfahrt von Österreich nach Hause wäre ihr Beruf ihr beinahe zum Verhängnis geworden: 1999 konnte sie im letzten Moment aus dem brennenden Tauerntunnel gerettet werden, ein Fernfahrerkollege kam in den Flammen um. Noch heute denke sie oft an das Ereignis zurück. Gerade an stressigen Tagen gebe ihr der Gedanke an ihre Rettung vor acht Jahren neuen Mut und Zuversicht.
Zwischen 180 und 200 Euro netto verdient sie am Tag, davon muss sie als Selbständige Kranken- und Rentenversicherung selber zahlen. Kinder oder eine Familie muss sie nicht ernähren, ihr Freund arbeitet als kaufmännischer Angestellter, ist also finanziell unabhängig. „Meine größte Sorge ist Krankheit oder ein Arbeitsunfall“, sagt sie. Ob sie bis zur Rente als Fernfahrerin arbeiten kann, weiß sie noch nicht. „Vielleicht muss ich auch später etwas anderes machen, denn das ist ein Knochenjob.“ Nur 15 Wochenenden hat sie im vergangenen Jahr in ihrer Wohnung in Karlsruhe verbracht. Mit der oft beschworenen Trucker-Romantik habe der Beruf nichts zu tun. Mit den Liedern von Truckstop und andere könne sie nichts anfangen. „Ich bin eine Fernfahrerin und keine Truckerin, das ist ein fürchterliches Wort.“
Auf dem Weg nach Wissembourg
Zwischen fünf und sechs Uhr morgens geht es los, laut Gesetz darf sie dann vierzehn Stunden arbeiten, die reine Fahrzeit ist auf neun Stunden begrenzt. Oft passiert es nicht, dass sie vor acht Uhr abends Feierabend macht. Zum Termindruck kommt die körperliche Anstrengung beim Be- und Entladen dazu, denn die Fahrer müssen die Paletten selber auf der Ladefläche verstauen und sichern.
Noch eine Station in Heppenheim, dann macht Sigi sich auf den Weg nach Frankreich. Mittlerweile ist es später Nachmittag, und sie weiß, dass sie zum Verladen nicht mehr viel Zeit hat. Ausgerechnet jetzt lässt sie ihr Ortsgedächtnis im Stich. „Es gibt Leute, die fahren einmal irgendwohin und finden das dann immer wieder. Ich gehöre leider nicht dazu, das ist natürlich schlecht für eine Fernfahrerin.“ Deshalb verlässt sie sich auf ihre Atlanten, in die sie Firmen oder Park- und Wendemöglichkeiten einträgt. Navigationsgeräten vertraut sie nicht. „Wenn der kürzeste Weg durch enge Altstadtgassen angezeigt wird, dann habe ich ein Problem.“
Endlich ist die Ladung an Bord. Das Ziel heißt nun Wissembourg an der deutsch-französischen Grenze. Dort wird die Fracht an ihre Kollegen verteilt, die sie in Frankreich weitertransportieren, ins Elsass, nach Paris oder Bordeaux geht die Fracht heute. Während der Fahrt durch die Pfalz lichten sich die Regenwolken, und die Abendsonne taucht die Weinberge in ein sanftes Licht. „Es gibt nur ganz wenige Highlights in diesem Beruf, von denen man lange zehrt“, sagt sie, „aber von Frankreich bin ich immer wieder begeistert.“
500 Kilometer Fahrt
Es ist kurz nach acht, als endlich alles abgeladen ist. Zeit für eine schnelle Dusche bei der Spedition, in der sie die Nacht verbringt. Zum Abendessen geht sie in eine kleine Weinstube, es gibt hausgemachten Käse und eine Weinschorle, „man soll ja schließlich nicht hungern“. An solchen Abenden fühle sie sich wie in den Ferien.
Die Urlaubsstimmung hält leider nicht lange an. Am nächsten Morgen klingelt der Wecker um viertel vor fünf. Die Nacht war kurz und die Pritsche im Führerhaus schmal. Sie brüht einen Kaffee auf ihrem Gaskocher, die Zähne putzt sie sich auf dem Speditionshof. Der Morgen dämmert noch nicht, da lässt sie den Motor wieder an. Sie fährt zurück ins Rhein-Main-Gebiet. Kelsterbach, Wiesbaden-Biebrich und Stockstadt sind heute ihre Ziele. Abends wird sie wieder in Frankreich sein. Eine Tour von guten 500 Kilometern liegt vor ihr. Zum Abschied wünscht sie ihren verschlafenen Kollegen „immer eine Handbreit Asphalt unter den Rädern“. Dann setzt sie den Blinker und macht sich wieder auf den Weg.